Impfen lassen oder nicht?

Impfen gilt als wichtige Errungenschaft. Trotzdem verweigern es manche bei ihren Kindern

Text: Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Im Jahr 1796 infizierte der britische Landarzt Edward Jenner den achtjährigen Sohn seines Gärtners vorsätzlich mit den für Menschen relativ harmlosen Kuhpocken, um den Jungen gegen die wesentlich gefährlicheren Menschenpocken zu immunisieren. Das Experiment gelang. Jenner taufte seine Technik der künstlichen Immunisierung "Vaccination", angelehnt an den lateinischen Ausdruck vaccinus, also "von Kühen stammend".

Bereits im Jahr 200 vor Christus wusste man, dass eine einmal überstandene Pockenkrankheit vor erneuter Ansteckung bewahrt. Um sich vor den grausam wütenden Epidemien zu schützen, wurde jahrhundertelang mit Pockeninfektionen experimentiert. Dabei starben immer wieder Menschen, statt immunisiert zu werden. Erst Jenners "Vaccination" ermöglichte einen zuverlässigen Schutz und wurde damit zu einem Wegbereiter der Vorsorgemedizin. Mittlerweile ist die Welt laut WHO seit 1980 offiziell pockenfrei. Auch andere Krankheiten wie Kinderlähmung, Mumps, Masern oder Röteln wurden durch großangelegte Impfkampagnen wesentlich zurückgedrängt, auf einzelnen Kontinenten sogar ausgerottet.

Hierzulande erhalten seit fast zwanzig Jahren Kinder bis 14 Jahre die wichtigsten Impfungen kostenfrei. Der österreichische Impfplan, herausgegeben und regelmäßig aktualisiert vom Gesundheitsministerium in Zusammenarbeit mit dem Nationalen Impfgremium, legt diese fest und empfiehlt darüber hinaus ergänzende Schutzimpfungen, die nicht von der öffentlichen Hand finanziert werden.

Trotzdem wird die Frage nach der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit von Schutzimpfungen immer lauter, sei es aus Angst vor einer zu großen Belastung des Körpers durch einen Impfstoff, oder aus Furcht vor möglichen Folgeschäden. Fakt ist: Immer mehr Eltern entscheiden sich dafür, ihre Kinder nicht oder nur teilweise impfen zu lassen.

Das Risiko von gefährlichen Krankheiten falsch eingeschätzt

"Heute wachsen Generationen heran, die viele gefährliche Krankheiten wie Kinderlähmung oder Masern, gegen die geimpft wird, oft gar nicht mehr kennen oder erkennen", sagt Ursula Wiedermann-Schmidt, ärztliche Leiterin der Spezialambulanz für Impfungen des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien und Vorsitzende des Nationalen Impfgremiums. War etwa die Kinderlähmung mit ihren oft dauerhaften Folgeschäden in den 1960ern und 1970ern noch sichtbar, kennen sie heute viele nur noch vom Hörensagen.

Dies führe zu einer verschobenen Risikoeinschätzung, meint Wiedermann-Schmidt. "Die Angst vor den vermeintlichen Nebenwirkungen einer Impfung wird dabei gegen die Angst vor den möglichen Folgen einer Erkrankung abgewogen, die aber in der persönlichen Wahrnehmung nicht präsent ist und damit keine konkrete Bedrohung darstellt. Manche gelangen zu der Frage: Wozu soll ich mein gesundes Kind impfen lassen? Leider fehlt oft das Verständnis dafür, dass Krankheiten, so lange sie nicht ausgerottet sind, u.a. im Zuge von Migration wiederkehren können, wenn die Durchimpfungsraten in der Bevölkerung sinken."

Wie gefährlich ist das Impfen wirklich?

Die 48-jährige Stella aus Wien hat ihren zwölfjährigen Sohn nur gegen Tetanus, die achtjährige Tochter noch gar nicht impfen lassen. Auch sie selbst, ihre vier Geschwister und ihre Eltern sind nicht geimpft. "Es ist gut, dass es die moderne Medizin so, wie sie ist, gibt", sagt Stella. "Man muss aber schon hinterfragen, wie und wie oft man sie einsetzt." Die Entscheidung, nicht zu impfen, beruht auf ihrer anthroposophischen Erziehung, persönlicher Recherche und Erfahrung: "In unserer Familie sind zwei Verwandte nach Pockenimpfungen in den 1970ern auf dem Entwicklungsstand von Kleinkindern geblieben." Ihre Entscheidung stößt nicht überall auf Verständnis. "Viele halten das für unverantwortlich. Speziell in der Arztfamilie meines Mannes waren anfangs alle entsetzt", erzählt sie. Argumente gegen das Impfen seien aber nicht nur von ihr, sondern auch von anderer Seite gekommen. "Der Anlass bestimmt für mich die Maßnahmen, die zu setzen sind", sagt Stella. Krankheiten dann behandeln, wenn sie auftreten -und nicht im Vorhinein. "Ich würde mir mehr Vorwürfe machen, wenn eines meiner Kinder, ausgelöst durch eine Impfung, eine schwere Krankheit bekommt."

Derartige Ängste und Argumente kennt auch Ursula Wiedermann-Schmidt aus ihrem medizinischen Alltag. "Es ist auch ein Resultat der modernen Medien und des Internets. Jeder wird mit einem Wust an Informationen konfrontiert, kann aber nicht unterscheiden, welche dem wissenschaftlichen Fachstandard entsprechen und welche einfach nur Mythen sind. Es ist daher eine wichtige Aufgabe in der Praxis, entsprechende Aufklärung zu leisten. So ist es ein Mythos, dass alle Kinderkrankheiten harmlos sind und einfach behandelt werden können, das Gegenteil ist oft der Fall. Gegen die meisten Viruserkrankungen gibt es keine spezielle Behandlung, und bei bestimmten bakteriellen Erkrankungen wie Pneumokokken oder Meningokokken kann eine antibiotische Therapie zu spät kommen. Daher ist Vorsorge so viel wichtiger als Nachsorge. Fach- und Sachwissen müssen wieder in die Entscheidungsfindung gebracht werden, damit nicht aus einem Bauchgefühl, sondern auf Basis von Wissen Entscheidungen getroffen werden."

Das sieht auch die 41-jährige Wienerin Sonja so. "Die Diskussionen werden sehr emotional geführt", sagt sie. Ihre drei Töchter im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren sind komplett durchgeimpft, inklusive der selbst zu bezahlenden Impfungen. Auch sie selbst wurde als Kind geimpft: "Meine Eltern haben Todesfälle durch Kinderkrankheiten erlebt."

Ihre Impfentscheidung wollte Sonja so sachlich und faktenbasiert wie möglich treffen. Konkrete Zahlen, Untersuchungen und Wahrscheinlichkeiten waren für sie relevant. Trotzdem bleibe bei jeder Impfung ein mulmiges Gefühl. "Doch ein gewisses Grundvertrauen in das System ist einfach notwendig. Allerdings weiß ich nicht, wie ich reagieren würde, wenn eines meiner Kinder zeitnah nach einer Impfung massive gesundheitliche Probleme bekäme."

Solidar denken und nicht nur sich selbst schützen

Laut Ursula Wiedermann-Schmidt komme es äußerst selten vor, dass schwere Folgeschäden durch eine verabreichte Impfung ausgelöst werden. Doch werde eben auch ein zufälliges Zusammentreffen einer seltenen Erkrankung mit einer Impfung in einen ursächlichen Zusammenhang gestellt. "Es ist zwar äußerst verständlich, dass für Betroffene ein nachvollziehbarer Grund leichter zu verarbeiten ist als ein böser Zufall. Dennoch muss akzeptiert werden, dass Krankheiten manchmal ohne offenbare Einwirkungen spontan entstehen können. Die heute verwendeten Impfungen unterliegen besonders strengen und langwierigen Prüfverfahren und sind als sicher einzustufen, sodass die Nutzen-Risiko-Relation immer zu Gunsten der Impfungen zu werten ist."

Die wachsende Skepsis zeitigt mittlerweile auch konkrete Auswirkungen. Während in den USA erst kürzlich die Masern für ausgerottet erklärt wurden, verzeichnete Österreich 2015 mit 309 Fällen das höchste Erkrankungsniveau seit 2008 -und ist damit Nummer zwei in Europa. Eine Entwicklung, die Wiedermann-Schmidt auch in Bezug auf den gefährdeten Herdenschutz mit Besorgnis sieht. "Ein fehlender Herdenschutz hat auch wachsende Auswirkungen auf die zunehmende Zahl an Menschen mit chronischen oder schweren Krankheiten, die nicht geimpft werden können oder dürfen. Besonders diese müssen darauf vertrauen können, von ihren Mitmenschen nicht angesteckt zu werden." Impfen ist also nicht nur eine Entscheidung mit Auswirkungen für die eigene Person.

"Der Solidargedanke ,Sich und Andere schützen' kann nicht oft genug betont werden", sagt Ursula Wiedermann-Schmidt. "Bei keinem medizinischen Thema gibt es eine derartige Polarisation wie beim Impfen. Es ist aber höchste Zeit, die Diskussion über den Nutzen von Impfungen wieder in die richtige Dimension zu rücken."

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