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Ist Nobel nobel?

Florian Freistetter | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Der Herbst ist die Jahreszeit, in der einige wenige Wissenschafter (und noch weniger Wissenschafterinnen) kurzfristig zu für sie meistens sehr ungewohnter Prominenz kommen. Anfang ktober werden die Nobelpreisträger des jeweiligen Jahres bekanntgegeben. Davon nimmt im Allgemeinen die ganze Welt Kenntnis. Dieses Interesse schwindet zwar auch wieder sehr schnell, aber die Nobelpreisträger zählen fortan zu den großen Genies unserer Zeit. In den meisten Fällen durchaus zu Recht, aber völlig unproblematisch ist die Sache auch nicht.

Selbst wenn die Nobelpreisträger ihre Auszeichnung verdient haben, bleiben doch jedes Jahr sehr viele Wissenschafter im Schatten der Öffentlichkeit, die mindestens ebenso gute Forschung geleistet haben. der sogar noch bessere. Doch sie müssen ohne Prominenz in der Öffentlichkeit auskommen. Das hat viele Gründe: Die wissenschaftlichen Nobelpreise werden traditionell nur in den Disziplinen Physik, Chemie und Medizin Physiologie vergeben. Wer auf anderen Gebieten arbeitet, hat Pech gehabt. Ebenso traditionell wird der Preis pro Jahr und Disziplin nur an maximal drei Personen verliehen. Das mag zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als der Preis gestiftet wurde, noch Sinn gemacht haben. Aber heute läuft die Forschung ganz anders als früher. Heute gibt es große Kooperationen, an denen dutzende oder hunderte Personen beteiligt sind. Große wissenschaftliche Durchbrüche werden an Teilchenbeschleunigern erzielt oder mithilfe von Weltraummissionen. Sie geschehen an Forschungszentren und in großen Arbeitsgruppen, jedoch kaum mehr durch Einzelgänger in einsiedlerischer Laborarbeit. Es wird immer schwieriger, aus den vielen beteiligten Personen diejenigen auszuwählen, denen man am Ende einen Preis verleiht. Schwieriger und auch immer sinnloser.

Früher oder später wird man sich Gedanken machen müssen, ob jene Richtlinien, die Alfred Nobel in seinem Testament aus dem vorletzten Jahrhundert festgelegt hat, heute wirklich noch funktionieren. Und die Regeln zur Vergabe der Nobelpreise ändern. der aber zumindest viel deutlicher machen, dass die Preisträger nur stellvertretend für eine ganze wissenschaftliche Gemeinschaft ausgezeichnet werden.

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