: HORT DER WISSENSCHAFT

Happy Prosthesis!

Martin Haidinger | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Da staunte man nicht schlecht, als auf der diesjährigen Ars Electronica in Linz Prothesen präsentiert wurden. Sie waren nicht nur dazu angetan, fehlende menschliche Gliedmaßen zu ersetzen, sondern kamen so designt daher, dass man fast dazu neigen konnte, seine gesunden Arme und Beine freiwillig abzumontieren und durch die smarten Kunststücke zu ersetzen - happy prosthesis!

Aber nicht nur "artificial bones", sondern auch künstliche Haut mit allen Körperfunktionen des Fühlens und Erkennens wurde von den "Alchemisten unserer Zeit"(so das Tagungsmotto) vorgestellt. Als dann ein paar Kojen weiter ein Roboter Menschen von Kunststoffhand porträtierte, und das durchaus tre ich, kam der Journalist ins Grübeln: b solch eiskaltes Händchen nicht in naher, sehr naher Zukunft auch sein eigenes schreibendes Gewerbe übernehmen könnte und diese Kolumne dann in "Robos Hort der Wissenschaft" umbenannt und zur Lektüre hybrider oder vollautomatisierter Heureka-Lesern bestimmt sein wird...

Zurück in der Schreibklause sprang mir aus der Basler Zeitung ein Interview mit dem islamkritischen Schriftsteller Leon de Winter entgegen. Es enthielt unter anderem eine Eloge auf die Errungenschaften des neuzeitlichen Europa: "Wir sind alle Prinzen. Im Mittelalter haben nur Adlige so gelebt wie wir: ohne Hunger, ohne Armut, ausgebildet. Wir können reisen. Wenn wir krank sind, gehen wir in ein Spital. Das ist die Entwicklung von fünfhundert Jahren freiem Denken. Wir dürfen uns nicht erpressen lassen von Menschen mit mittelalterlichen Vorstellungen."

Knapp daneben. Denn wir sind den Prinzen notorisch überlegen, ja sogar den Königen Im 1. Jahrhundert war der französische Sonnenkönig Ludwig IV. von Ärzten umzingelt, die ihm nicht nur präventiv alle Zähne samt einem Stück des Gaumens aus Mund und Rachen rissen, sondern im Vorfeld der peration eines Geschwürs im königlichen After einige arme Teufel als menschliche Versuchskaninchen mit Todesfolge zerschnitten. Nach gelungener Entfernung des Fremdkörpers aus Louis Hinterteil meldeten sich mehr als 0 Aristokraten. "Ich habe", schrieb der Medicus, "jeden der Herren eingehend am betreffenden Körperteile untersucht, habe aber nichts gefunden, was einen chirurgischen Eingriff rechtfertigen würde. Als ich ihnen diese Diagnose mitteilte, war keiner unter ihnen, der nicht tief enttäuscht, ja beleidigt gewesen wäre."

Von der abergläubischen Begutachtung bis zur fröhlichen Designerprothese sind nicht einmal 50 Jahre vergangen.

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