: WAS AM ENDE BLEIBT

Wiederholung

Erich Klein | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Wer nicht mehr weiter weiß, greift in die Rumpelkiste der Geschichte, um sicherzustellen, dass sich alles - oder im gebotenen Falle - nichts wiederhole. Karl Marx schrieb im "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte":"Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzufügen: das eine Mal als große Tragödie, das andre Mal als lumpige Farce." Wer so denkt und mit den Zeitgenossen polemisiert, gibt vor, in die Tiefe der Zeit zu blicken. Allerdings birgt das Verfahren schon bei Marx Gefahren: "Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden."

Schönstes Beispiel für diesen Umstand ist die schillernde Karriere einer knappen Formulierung des amerikanischen Philosophen Georges Santayana, der seine Überlegungen zum Begriff "Fortschritt" quasi aphoristisch auf den Punkt brachte: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen." Der eigentlich formale Hinweis auf die Notwendigkeit permanenten Vergleichens von Ereignissen und Zukunft gestaltender Handlungen aus dem Jahr 1905 gehört heute zum Stehsatz aller Gedenkredner in Sachen Verbrechen des Nationalsozialismus, von Stalins Terror, ja, von allem Möglichen. Handelt es sich um mehr als bloße Rhetorik an Kranzabwurfstellen? Um pathetische Verlegenheit?

Klügere Zeitgenossen haben deshalb, was die Verbrechen der Nazis betrifft, abstraktere Formulierungen ersonnen, etwa: "Was einmal möglich war, bleibt immer möglich." Die Wendung führt auf unangenehme Weise in die Niederungen österreichischer Tagespolitik: Jüngst war zu hören, man werde sich noch wundern, was alles möglich ist Tatsächlich waren die Nazis Großmeister im Beschwören der Vergangenheit um der Zukunft willen. Der Philosoph Hans Blumenberg brachte dafür den Begriff der "Präfiguration" ins Spiel: Wiederholung von Geschichte sei eine "mythische Grundfigur", wobei das Wiederholte durch die Wiederholung zum mythischen Programm werde. "Was er (Hitler) witterte, war Wiederholung." Kurz: Wenn geschichtliche Metaphern überhand nehmen und inflationär werden, liegt die Vermutung nahe, es wiederhole sich tatsächlich alles. Oder ist hier noch ein anderer Ausgang als Tragödie und Farce zugleich denkbar?

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