: MEDIZIN/TOURISMUS

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Weltweit boomt der Medizintourismus, Österreich mischt aber kaum mit. Die Plattform "Austrian Health" möchte das ändern

Barbara Freitag | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Es war einmal Kaiserin Maria Theresia. Ihr Leibarzt Gerard van Swieten setzte neue Maßstäbe in Ausbildung und Therapie. Unter ihrem Sohn Joseph II. entstand 1784 das Erste Allgemeine Krankenhaus in Wien, das den Paradigmenwechsel ins Zeitalter der naturwissenschaftlich basierten Medizin einleitete. Daraus entwickelte sich die weltberühmte "Wiener Medizinische Schule".

Von diesem Mythos zehrte das Image der Medizin in Österreich lange. Der Wiener Internist Karl Fellinger behandelte in den 1970er Jahren Schah Reza Pahlavi ebenso wie den saudischen König Saud oder den marokkanischen König Hassan II. "Das hat mit der Wende aufgehört", sagt David Gabriel, Anästhesist und Gründer der Plattform "Austrian Health"."Danach begannen Schwellenländer des ehemaligen Ostblocks, die medizintouristische Nische erfolgreich zu besetzen." In Europa ist Deutschland Hauptdestination ausländischer Medizintouristen und erwirtschaftet damit rund 1,2 Milliarden Euro.

Was hat der Nachbar, das wir nicht bieten können? Gabriel: "Medizinisch gesehen, nichts. Im Gegenteil, wir haben das Potenzial, mit unserem Paket aus Hightech-Medizin und Menschlichkeit, Qualität und Kompetenz zu den führenden medizinischen Reisezielländern zu gehören. In Österreich krankt es leider am Marketing." Zwar bemühen sich Privatspitäler um ihre Klientel, doch agieren sie eher als Einzelkämpfer und in Konkurrenz zueinander. Es gibt kein übergeordnetes Destinationsmarketing wie im Tourismus, weshalb Österreich trotz seiner Spitzenmedizin im internationalen Wettbewerb unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt.

Medizintourismus: Ein 90-Milliarden-Euro-Geschäft

Laut einer Studie von McKinsey gaben Menschen im Jahr 2015 rund neunzig Milliarden Euro aus, um sich irgendwo auf der Welt behandeln zu lassen. Hauptmotiv für solche Reisen ist zumeist die ungenügende medizinische Versorgung im Heimatland.

Das Niveau vieler außereuropäischer Gesundheitssysteme ist oft deutlich niedriger. Auch haben Menschen bereits eine längere Krankengeschichte hinter sich, bevor sie in ihr Zielland kommen. Weltweit gesehen gehört Thailand mit 2,5 Millionen Patienten pro Jahr zu den führenden Destinationen des Medizintourismus, gefolgt von Indien und der Türkei. Im Bereich der Schönheitsoperationen, wo auch günstige Kosten eine Rolle spielen, sind Osteuropa und die Türkei aktuell Hauptziele.

Nach Deutschland kommen pro Jahr 250.000 Patienten, vorwiegend aus Rumänien, Russland und dem arabischen Raum. Eine Klientel, die auch für Österreich interessant wäre. Es gibt keine gesicherten Zahlen über den Medizintourismus hierzulande. Doch Gabriel schätzt das Potenzial auf 1,2 Milliarden Euro. "Wir müssen zusammenarbeiten und unsere Ressourcen bündeln", so der Mediziner. "Wünschenswert wäre natürlich auch eine politische Unterstützung." Sein großes Ziel ist die Vernetzung von Institutionen wie Wirtschaftskammern, Ärztekammern, Medizinuniversitäten und Tourismusagenturen. Andererseits will die Plattform auch direkter Ansprechpartner für ausländische Patienten sein. Geboten wird ein vielfältiger Service, von der Vermittlung der Ärzte, der Erstellung eines Kostenplanes über ein Dolmetscherservice bis zur Reiseplanung.

Natürlich organisiert "Austrian Health" auch den Aufenthalt, je nach finanzieller Kapazität, vom Kulturprogramm über die Limousine bis zum Personenschutz. Gabriel: "Allerdings ist der reiche Scheich, der sich in Wien operieren lässt, derweil seine Entourage ins Goldene Quartier shoppen geht, doch eher die Ausnahme."

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