: GASTKOMMENTAR

Freie und innovative Wissenschaft für eine aufgeklärte Demokratie

Klement Tockner, Präsident der Wissenschaftsförderungsinsti tution FWF

Klement Tockner | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Österreich hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Aufholprozess in der Wissenschaft und Forschung eingeleitet. International führende Forschungsinstitute konnten sich etablieren, und eine Vielzahl herausragender Wissenschafterinnen und Wissenschafter wurde aus dem Ausland gewonnen. Als Resultat liegt Österreich derzeit beim Einfluss der wissenschaftlichen Publikationen weltweit unter den Top 15. Beim European Research Council gehört Österreich zu den erfolgreichsten Ländern. Maßgeblicher Katalysator dieser Entwicklung war dabei die kompetitive Förderung durch den FWF.

Um diese Dynamik im Aufholprozess wiederzubeleben, der in den letzten Jahren stagnierte, benötigt der Forschungsstandort Österreich eine noch deutlichere Ausdifferenzierung. Das Ziel muss sein, Spitzenforschung nachhaltig zu fördern. Parallel zu einer Erhöhung der Grundbudgets der Forschungsstätten muss insbesondere die erkenntnisgetriebene Forschung ideell und finanziell massiv gestärkt werden. Sonst drohen Österreich nicht nur Einbußen bei der Standortattraktivität, es gehen auch Investitionen der Vergangenheit verloren.

Die Karriereperspektiven des wissenschaftlichen Nachwuchses müssen deutlich verbessert werden. So kommen an der Uni Zürich auf eine Professur 40 Studierende, an der Freien Universität Berlin 90, und an einer österreichischen Universität im Mittel 200. Hier besteht ein massives Missverhältnis. Vorrangiges Ziel bleibt daher, die weltweit kreativsten und besten "Köpfe" zu gewinnen und diesen eine langfristige Perspektive in Österreich zu bieten.

Derzeit besteht die Gefahr, dass sich der Wissenschaftsbetrieb hin zu einem Consultingunternehmen wandelt, wo kurzfristiger wirtschaftlicher Erfolg und die Bewältigung von akuten Problemen und Katastrophen im Vordergrund stehen. Innovative Durchbrüche in der Wissenschaft erfordern jedoch Durchhaltevermögen und große Freiräume. Daher wird der FWF gemeinsam mit seinen Partnern Förderungsformate entwickeln, um kreative Zeit, eine knappe Ressource in der Wissenschaft, für unkonventionelle und risikoreiche Vorhaben zu schaffen.

Unabhängige, erkenntnisgetriebene Wissenschaft ist für eine aufgeschlossene Zivilgemeinschaft unverzichtbar - wie Pressefreiheit oder der Zugang zu Informationen und Daten. Zugleich muss Wissenschaft den "Finger in die Wunde" legen, um auch auf jene Herausforderungen aufmerksam zu machen, die noch nicht Teil gesellschaftlicher Diskussionen sind. Mehr denn je benötigen wir evidenzbasiertes Wissen, um zukünftigen Generationen die "beste aller möglichen Welten" überlassen zu können. Der FWF als zentrale Förderungsorganisation für die Grundlagenforschung leistet einen entscheidenden Beitrag, um diesen zukünftigen Herausforderungen erfolgreich zu begegnen.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige