: GEDICHT

ANDREAS GRYPHIUS : MITTERNACHT

Erich Klein | aus HEUREKA 4/16 vom 27.10.2016

Schrecken/vnd stille/vnd dunckeles grausen/finstere kälte bedecket das Land/Jtzt schläfft was arbeit vnd schmertzen ermüdet/diß sind der trawrigen einsamkeit stunden.

Nunmehr ist/was durch die Lüffte sich reget/nunmehr sind Thiere vnd Menschen verschwunden.

Ob zwar die jmmerdar schimmernde lichter/ der ewig schitternden Sternen entbrand! Suchet ein fleißiger Sinn noch zu wachen? der durch bemühung der künstlichen hand/Ihm die auch nach vns ankommende Seelen/Ihm/die an jtzt sich hier finden verbunden?

Metzet ein bluttiger Mörder die Klinge? wil er vnschuldiger Hertzen verwunden?

Sorget ein ehren-begehrende Seele/wie zuerlangen ein höherer stand?

Sterbliche! Sterbliche! lasset diß dichten!

Morgen! ach! morgen ach! muß man hin zihn! Ach wir verschwinden gleich alß die gespenste/die vmb die stund vnß erscheinen vnd flihn.

Wenn vnß die finstere gruben bedecket/ wird was wir wündschen vnd suchen zu nichte.

Doch wie der gläntzende Morgen eröffnet/ was weder Monde noch Fackel bescheint:

So wenn der plötzliche Tag wird anbrechen/ wird was geredet/gewürcket/gemeynt.

Sonder vermänteln eröffnet sich finden vor deß erschrecklichen Gottes Gerichte.

Andreas Gryphius (1616-1664), schlesischer Dichter und Dramatiker, wurde vor vierhundert Jahren in die Wirren des Dreißigjährigen Krieges hineingeboren. Seine ab 1637 in mehreren Bänden veröffentlichten Sonetten brachten dem Barockdichter Ruhm zu Lebzeiten; 1662 wurde der "Unsterbliche" Mitglied der "Fruchtbringenden Gesellschaft", der ersten deutschen Sprachakademie.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige