GASTKOMMENTAR

Was die Jugend von heute mit ihren Eltern gemeinsam hat

PhIlIPP Ikrath | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Schon klar, die meisten Jugendlichen leben anders als ihre Eltern. Aber was bedeutet es genau, "anders zu sein" als die Eltern? Ist dieses Anderssein Ergebnis einer bewussten Wahl? Oder ist es schlicht dem Umstand geschuldet, dass die Jugendlichen unter anderen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen aufgewachsen sind, sich also aufgrund ihrer Sozialisation von ihren Eltern unterscheiden? Differenz ist, als Ergebnis externer, unbeeinflussbarer und oft kaum reflektierter Einflüsse, mitnichten dasselbe wie Opposition, dem Ausdruck eines bewussten Wollens.

Das Institut für Jugendkulturforschung hat sich in einer breit angelegten, multimethodischen Untersuchung mit der Frage von Kontinuitäten und Brüchen im Vergleich der Generation der 16-bis 29-Jährigen mit der Generation ihrer Eltern auseinandergesetzt und dabei vier Idealtypen identifiziert. Diese vier Typen positionieren sich jeweils sehr unterschiedlich zum Lebensstil und zu den Werthaltungen ihrer Eltern. Zwei davon sind auf der Seite der Kontinuität, zwei auf der des Wandels zu verorten.

Den Wandel repräsentiert die größte der vier Gruppen, die der "Zeitgeistsurfer". Zu ihr gehören vier von zehn Jugendlichen. Sie akzentuieren ihre Individualität und ihre Eigenständigkeit im Vergleich mit ihren Eltern, ohne aber deren Lebensstil abzulehnen. Die Lebensweise der Eltern wird zwar als anders, dabei aber weder als über-noch als unterlegen empfunden. "Zeitgeistsurfer" sind eher Produkt eines allgemeinen gesellschaftlichen Wandels. Sie passen sich dem Neuen an, ohne bewusst die Veränderung zu suchen.

Anders die "Kontrastakteure", rund 22 Prozent. Sie nehmen für sich in Anspruch, einen Lebensstil zu repräsentieren, der demjenigen der Eltern genau entgegengesetzt ist. Diese Jugendlichen beschreiben ihre Elternhäuser oft als konservativ und engstirnig. Diesem Konservatismus stellen sie ein (neo-)liberales, weltoffenes, explizit antikonventionelles Weltbild entgegen. Auf der Seite der Kontinuität und damit dem "Kontrastakteur" genau entgegengesetzt finden wir erstens die "Beständigen", die ein weiteres Fünftel der Jugendlichen und jungen Erwachsenen umfasst. Dieser Typus bekennt sich zum Lebensstil der eigenen Eltern, der für sie Kontinuität in einer Welt bedeutet, deren Veränderungstempo ihnen zu schaffen macht.

Auch der Idealtypus des "Adaptiven" (14 Prozent) sieht sich in einer Traditionslinie mit dem Lebensstil der Eltern, kopiert diesen aber nicht, sondern führt ihn, dem Zeitgeist angepasst, weiter. Disziplin wird hier zu Motivation, Zielstrebigkeit zu Erfolgsorientierung, oder Genügsamkeit zu Minimalismus, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die Jugend von heute ist also weder konservativ noch progressiv, aber von allem etwas. Jedenfalls das habt sie mit der Generation ihrer Eltern gemeinsam.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige