Generation youporn

Auch wenn sie früh Zugang zu Pornografie haben, halten sich Jugendliche praktisch sehr zurück

Text: Hanna Biller | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Stellen Sie sich in eine Klasse mit 15-Jährigen und fragen Sie die Jugendlichen, welche Rolle Sex in ihrem Leben spielt. Wenn Sie sich bis dahin nicht eingehender mit diesem Thema beschäftigt haben, könnte es sein, dass die Ergebnisse Sie erstaunen.

Als "Generation youporn" könnte man jene jungen Menschen bezeichnen, für die sexuell explizite Inhalte im Internet sehr leicht zugänglich geworden sind. So hatten laut der Sexualpädagogin und Trainerin für sexuelle Bildung, Carola Koppermann, 80 Prozent der 14-bis 17-Jährigen Kontakt mit pornografischem Material.

Die Generation youporn ist sexuell eher zurückhaltend

Die dänische Sexologin Ann-Marlene Henning hat es sich zum Ziel gesetzt, mit ihrer Dokumentationsreihe "Make Love - Lieben machen kann man lernen" für mehr sexuelle Aufklärung in der Gesellschaft zu sorgen. In der Folge "Wie lieben Teenager?" hat sie sich der eingangs erwähnten Aufgabe gestellt und mit einer kleinen Gruppe junger Menschen über deren Erfahrungen mit Sexualität gesprochen. Ihr Ergebnis: So viel hat sich in den letzten dreißig Jahren offenbar gar nicht verändert. Jünger sind die Jugendlichen beim ersten Mal jedenfalls nicht.

Auch die repräsentative Studie "Jugendsexualität 2015", durchgeführt von der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), ergibt eine Tendenz zu einem sogar eher späteren Einstieg ins Sexualleben.

Eine aktuell veröffentlichte US-amerikanischen Studie, die sexuelle Inaktivität von jungen Erwachsenen untersucht, kommt zum Schluss, dass zwischen 1980 und 1990 geborene US-Amerikaner nach ihrem 18. Lebensjahr wesentlich häufiger überhaupt keinen Sex ("no sexual partners") hatten als die Generation der in den 1960ern Geborenen.

Diese Ergebnisse sind aber nicht direkt auf den europäischen Raum umzulegen. Die Studie zur Jugendsexualität des BZgA formulierte zwar nicht dieselbe Fragen, sie untersuchte aber ebenfalls erstmals auch jene zwischen 18 und 25 Jahren. Die Studie stellt hierbei keinen direkten Vergleich mit früheren Generationen an. Während 15 Prozent der befragten US-Amerikaner angeben, seit ihrem 18. Geburtstag ohne partnerschaftlichen Sex auszukommen, sind es bei den befragten deutschen Jugendlichen lediglich sieben Prozent. Allerdings geben 36 Prozent an, nur gelegentlich partnerschaftlichen Sex zu haben. Weitere Ergebnisse der Studie: Sexuelle Treue hat bei jungen Menschen einen sehr hohen Stellenwert. Und was die Themen Verhütung und sexuell übertragbare Krankheiten betrifft, sind Jugendliche, vor allem auch junge Burschen, heute wesentlicher besser informiert.

Wie alt ist alt genug für das berühmte ersten Mal?

Insgesamt ergibt sich das Bild, dass von einer "Generation Hookup" keineswegs die Rede sein kann. Auch Carola Koppermann stellt fest: Qualität und individuelles Empfinden beim Sex ist für Jugendliche sehr wichtig. Ihr Umgang mit Sexualität stellt sich ziemlich entspannt und im überwiegenden Teil auch vernünftig dar.

Jugendliche gehen in vielen Fällen achtsam mit ihrer Sexualität um, auch wenn sie mitunter schon sehr früh mit pornografischem Material in Kontakt kommen. Es stellt sich also die Frage, ob gewisse Altersbeschränkungen noch zeitgemäß sind und tatsächlich dem Jugendschutz dienen, oder ob es ein Umdenken, eine Modernisierung in diesem Bereich bräuchte.

Ein Beispiel für den Konflikt rund um Altersbeschränkungen stellt die aktuell im Wien Museum laufende Ausstellung "Sex in Wien" dar. Auf den Plakaten dazu findet man den Vermerk "Ab 18 Jahren". Angesichts der bereits erwähnten medialen Überhäufung mit nicht kuratierten und oft unkommentierten Bildern mutet das doch seltsam an.

Eine grüne Nationalratsabgeordnete hält auf ihrem Blog fest, dass sie das für schlichtweg falsch hält. Immerhin dürfen Jugendliche ja auch unter 18 Jahren selbstverständlich schon Sex haben. Außerdem sähe sie in so einer Ausstellung eine Chance, den häufig normierten Darstellungen von Körpern und sexuellen Handlungen einen aufklärerischen Zugang entgegenzustellen.

Das Wien Museum erklärt sein Vorgehen mit dem strengen und oft im Einzelfall nicht scharf abgrenzbaren Jugendschutzgesetz. Den Kuratoren und dem Direktorat war natürlich bewusst, dass diese Entscheidung zu Diskussionen führen würde. Deshalb war dem Museum auch wichtig, die Problematik selbst sowohl intern als auch in einer Podiumsdiskussion zu thematisieren. Warum die Entscheidung trotzdem zugunsten der Altersbeschränkung gefallen ist? Einfach, damit man sich rechtlich auf der sicheren Seite bewege. Vielleicht zeigt sich daran die Dringlichkeit einer Diskussion über die Aktualität gesetzlicher Bestimmungen.

Sexualität ist von Anfang an da, also schon von Geburt an

Bettina Weidinger leitet gemeinsam mit Wolfgang Kostenwein das Österreichische Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapien (ISP) - siehe Seite 12. Weidinger liefert gänzlich andere Antworten auf die aufgeworfenen Fragen. Wichtiger als lang und breit über die Sinnhaftigkeit gewisser Altersgrenzen zu diskutieren, findet sie ein Nachdenken darüber, welche Rahmenbedingungen Menschen brauchen, um eine gesunde und zufriedene Sexualität entwickeln und leben zu können.

Die Sexualpädagogin plädiert für einen salutogenen (der Gesundheit dienenden) Zugang zur menschlichen Sexualität. Viel zu oft gehe es darum, was nicht sein soll oder darf, und viel zu selten darum, was förderlich und unterstützend sein könnte.

Auch der eingangs behandelten Frage nach dem Einstiegsalter in ein partnerschaftliches Sexualleben steht Weidinger kritisch gegenüber. Den ersten heterosexuellen, penetrativen Geschlechtsverkehr als Beginn der erwachsenen Sexualität anzusetzen, stellt für sie eine sehr eingeschränkte Sicht auf Sexualität dar. Ebenso wie die damit einhergehende Annahme, dass für gelebte Sexualität eine zweite Person benötigt wird.

Sexuelle Empfindungsmöglichkeiten gibt es laut Weidinger von Geburt an. Sexualität ist von Anfang an vorhanden. Wann sie sich zu einer erwachsenen Sexualität entwickelt, und ob und wie diese im Erwachsenenalter gelebt wird, ist nicht nur sehr individuell, sondern auch in ständiger Veränderung. Mit der Frage nach dem ersten Geschlechtsverkehr könne man nicht den Beginn der gelebten Sexualität feststellen - insofern sei die Frage eigentlich irrelevant, so Weidinger. Um die Frage korrekter zu formulieren, müssten auch Aspekte wie Selbstbefriedigung und sexuelle Erregung einbezogen werden.

Männliche Jugendliche masturbieren deutlich mehr als junge Frauen

In der Studie zur Jugendsexualität wird auch die Masturbation untersucht. Eine Erkenntnis sticht dabei ins Auge: Männliche Jugendliche masturbieren mehr. Die von Burschen mit 14 oder 15 Jahren angegebene Häufigkeit der Selbstbefriedigung wird von jungen Frauen erst im Alter von 22 oder 23 Jahren erreicht. Auch Ann-Marlene Henning betont immer wieder, wie wenig junge Frauen masturbieren, und dass sie dadurch ihren eigenen Körper oft nicht wirklich kennen. Daraus resultieren für sie viele der sexuellen Probleme im Erwachsenenleben.

Aber Besserung scheint in Sicht. Die spezifisch weibliche Lust wird auch medial immer öfter thematisiert. Die Wissenschafter hinter der US-amerikanischen Website omgyes.com haben in einer repräsentativ angelegten Studie die sexuelle Lust von Frauen aller Altersgruppen untersucht und herausgefunden, dass es eindeutig Muster im Lustgewinn unterschiedlichster Frauen gibt. Die Ergebnisse sind online in Textund Video-Form zugänglich.

Auch Meldungen, dass die Männerdomäne Pornografie in letzter Zeit von feministischen Regisseurinnen aufgemischt wird, häufen sich. Es bleibt zu hoffen, dass eine respektvolle Art der Pornografie sich in Zukunft von Nischen hin zum Mainstream wandelt. Dann hat vielleicht schon die nächste Generation Jugendlicher die Chance auf "newporn" statt youporn.

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