WISSENSCHAFTLICHE BÜCHER AUS ÖSTERREICH

Empfehlungen von Erich Klein

aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Die Geschichte der Tschuwaschen, eines "kleinen Volks"

Die Tschuwaschen, ein "kleines Volk" in der Sowjetdiktion, leben am Oberlauf der Wolga und zählen 1,7 Millionen Menschen. Der Osteuropahistoriker holt das christianisierte Turkvolk aus dem Schatten der "großen Geschichte" heraus und schildert es als Träger von Aufständen und als Opfer russischer Repressionen seit dem 17. Jahrhundert. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts traten einzelne Persönlichkeiten als Mittler zwischen tschuwaschischem Dorf und russischer Stadt hervor. Bekanntester Tschuwasche im 20. Jahrhundert war der Dichter Gennadij Ajgi.

Andreas Kappeler: Die Tschuwaschen. Ein Volk im Schatten der Geschichte, Böhlau Verlag, Wien 2016,276 S.

Von Maria Theresia bis zu Adolf Hitler - samt einer Verneigung vor Elias Canetti

Die Frage nach austriakischer Identität, wie sie der emeritierte Pariser Germanistikprofessor Gerald Stieg stellt, mag abgedroschen klingen, sie ist es nicht. Ein großer essayistischer Bogen spannt sich von der Konkurrenz zwischen Maria Theresia und dem Preußenkönig Friedrich II. über 1848, die St.-Germain-Formel "l'Autriche c'est ce qui reste" bis zu Austromarxismus und zum österreichischen Katholiken Adolf Hitler. Für den in Salzburg nach dem Krieg aufgewachsen, ironischen Auslandsösterreicher war Elias Canetti der "authentische homo austriacus".

Gerald Stieg: Sein oder Schein. Die Österreich-Idee von Maria Theresia bis zum Anschluss, Böhlau Verlag, Wien 2016,283 S.

Neu und schon ein Klassiker: Das Epos von Raoul Schrott

Raoul Schrott dichtet unser Wissen über das Universum neu: Vom "ersten Licht" bis zur Entstehung von "Bild und Schrift"."Im Anfang war nichts","te kore","Das vollkommene Nicht", hieß es im letzten mündlichen Weltschöpfungsmythos, der aus 1850 und von den Maori stammt. Schauplätze sind Gletscher, Wüsten, Observatorien, Museen, Projekte. Heinrich von Kleist teilte die Menschen in zwei Klassen: Diejenigen, die sich auf Metaphern, und jene, die sich auf Formeln verstehen. Diejenigen, sich auf beide Klassen verstünden, machten keine Klasse aus. Raoul Schrott ist diese Klasse.

Raoul Schrott: Erste Erde. Epos, Hanser Verlag, München 2016,848 S.

Lockes Begründungen der liberalen Demokratien

"Nichts ist im Verstand, was nicht vorher in den Sinnen gewesen wäre" lautet die wohl bekannteste Maxime des englischen Philosophen John Locke (1632 bis 1704). Im Zentrum von Alfred Nolls Interpretation des 1689 veröffentlichten "Second Treatise of Government" steht nicht der Vordenker der Aufklärung und Erkenntnistheoretiker, sondern der "Vater des Liberalismus" und dessen Begründung von Privateigentum und Gesellschaftsvertrag als "Konstitutionsbedingung liberaler Demokratien". Und da die Frage: Wo sind die Grenzen emanzipatorisch politischen Handelns?

Alfred J. Noll: John Locke und das Eigentum, Mandelbaum Verlag, Wien 2016,346 S.

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