Hört das denn gar nie auf?

Über Sexualität im Alter spricht man bei uns noch immer ungern. Es gibt sie aber doch

Text: Dieter Hönig | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Alte Haudegen, denen es gelingt, noch im hohen Alter Kinder zu zeugen, neigen oft dazu, dies lautstark zu verbreiten. Und je prominenter sie sind, desto lauter. Nicht so jener Rentner, der dem Arzt berichtet: "Meine Frau ist 35, ich 75, und jetzt ist sie schwanger. Wie?" -"Stellen Sie sich vor, Sie sehen einen Hasen, tun so, als würden Sie ihn mit dem Gehstock erlegen, und er fällt tot um. Was würden Sie denken?" - "Den muss ein anderer geschossen haben."

Statt den Mann zu beruhigen, hatte der Arzt noch eins draufgesetzt. Eine Auffassung von ärztlicher Fürsorge, für die der Wiener Sexualtherapeutin Elia Bragagna (siehe auch Seite 12) das Verständnis fehlt: "Ich würde in so einer Situation versuchen, den armen Kerl aufzubauen."

Vielleicht werden ja schon in absehbarer Zeit ältere, aber auch jüngere Männer nicht mehr in die Verlegenheit kommen, ihren Frauen zu misstrauen. Zumindest nicht, wenn man den Worten des 1923 in Wien geborenen Chemikers und Schriftstellers Carl Djerassi trauen darf. Er meinte, die Idee, dass Sex und Fortpflanzung untrennbar verbunden sind, sei vor der Verhütung entstanden und werde bald obsolet sein. "Künftig werden wir mehr Sex haben, als uns lieb ist. Und zwar wegen der Trennung von Sex und Fortpflanzung."

Ihm und Luis E. Miramontes war es Anfang der 1950er Jahre gelungen, das Sexualhormon Norethisteron künstlich herzustellen. Gemeinsam mit Gregory Pincus und John Rock entwickelten sie 1951 die erste Antibabypille.

Menschen sind sexuell aktiver als Hunde und Fische

Die altherkömmliche und von der Kirche so eifrig verteidigte Vorstellung von "Sex ohne Fortpflanzung sei unmoralisch" werde laut Djerassi durch "Liebe, Lust und Freude" abgelöst, denn wir sind so geboren. Es sei kein Zufall, dass wir fast die einzige Spezies sind, die jeden Tag Sex haben kann. Hunde und Fische können es nicht. Und Djerassi meinte, dass in spätestens hundert Jahren Verhütung kein Thema mehr sein würde.

Denn junge Männer würden ihre Spermien einfrieren, um diese bei Bedarf zu benützen. Frauen würden mit 35,40 oder 45 Jahren das eigene, junge, als genetisch gesund diagnostizierte Ei einsetzen (lassen). Nachdem man seine Geschlechtszellen und Spermien auf die "Bank" gelegt hat, wäre es klug, sich gleich sterilisieren zu lassen, damit man keine Verhütung mehr braucht.

Der 2015 verstorbene Djerassi war davon überzeugt, dass die Bereitschaft zur Sterilisierung steigen werde. Heute finden weltweit alle 24 Stunden 1,4 Millionen Befruchtungen statt, die Hälfte davon unerwartet und die Hälfte von der Hälfte unerwünscht. Und von dieser unerwünschten Hälfte werden 70 bis 80 Prozent abgetrieben.

Über Lust im Alter spricht man bei uns noch wenig

Doch so weit sind wir, zumindest in unseren Breiten, noch lange nicht. Noch tut man sich schwer, überhaupt in Sachen Sex die richtigen Worte und das richtige Maß zu finden. Die Vorstellung von Verlangen und Lust betagter Menschen wird oft als peinlich, geschmacklos und abstoßend empfunden.

"Für die meisten Menschen ist sexueller Genuss und Freude an der Körperlichkeit an straffes Fleisch und an faltenlose Haut geknüpft", meint die Psychotherapeutin Gerti Senger. "Eine Einstellung, von deren ,Richtigkeit' uns Werbung, Schönheitsund Pharmaindustrie tagtäglich überzeugen wollen", ergänzt Elia Bragagna. Der alte, begehrliche Mensch errege Widerwillen, weil er uns die Endlichkeit der körperlich-sinnlichen Existenz drastisch vor Augen führt.

"Ein 79-Jähriger, der offen zugibt, dass ihm seine Potenz noch wichtig ist, und eine 75jährige, die eingesteht, dass sie Orgasmen braucht, irritiert die Verdrängungsstrategien jüngerer Menschen: Solange diese nicht sehen, dass das eigene Haar ausfällt, die Haut an Elastizität verliert und die Muskeln erschlaffen, glauben sie offenbar, der liebe Gott lässt nur die anderen altern, sowie immer nur die anderen sterben müssen", meint Senger. Darin vermutet sie das Unbehagen und die unangemessene Aggression, sobald die Rede auf Sex im Alter kommt.

Wie groß das Tabu des Alterssex ist, beweist eine Analyse von tausenden Illustriertengeschichten: Ältere Männer geben als Liebhaber stets komische Figuren ab, ältere Frauen werden als asexuelle Wesen dargestellt. Umfragen in den USA ergaben, dass etwa 50 Prozent der Männer beim Arzt nicht über jene Beschwerden klagen, die ihre Sexualität beeinträchtigen. Wohl doch nur deshalb, weil es ihnen peinlich ist, in ihrem Alter sexuelle Bedürfnisse überhaupt zu äußern.

Wenn ältere Frauen und Männer also nicht über sexuelle Probleme und Sehnsüchte sprechen, so heißt das laut Senger noch lange nicht, dass sie diese nicht hätten. Ihr Schweigen kommt eher einem stummen Schrei nach Toleranz gleich.

Zerissen zwischen Versagens-und Verlassensängsten

Ältere Menschen sind hin-und hergerissen zwischen dem Wunsch, der Sex, wie er einmal war, möge im Alter nicht aufhören, und Versagensängsten sowie der Furcht vor dem Verlassenwerden durch den Vergleich mit Jüngeren. Vermutlich sind auch Erkrankungen ein Grund dafür, dass reife Menschen behaupten, Sex werde mit zunehmenden Jahren immer unwichtiger. Natürlich bleiben niemandem altersbedingte Abstriche erspart.

"So wie sich mit den Jahren die Persönlichkeit entwickelt und entfaltet, so kann sich auch die Sexualität mit den Jahren entwickeln, entfalten und emanzipieren. Damit verbunden ist meist eine Abkehr von der Leistungssexualität und vom koitalen Sexmodell", erklärt Senger.

Dass Sex im fortgeschrittenen Alter sein kann, zeigt eine Begebenheit in einem heimischen Pflegeheim: Elia Bragagna erzählt von einer Ehefrau, deren Mann schon die längste Zeit in diesem Pflegeheim verbringt. Die Ehefrau wendet sich besorgt an das dortige Pflegepersonal: "Was kann ich nur machen, mein Mann braucht mindestens einmal die Woche seine Ejakulation, sonst wird er depressiv." Ihrer Bitte wurde stattgegeben mit dem Ersuchen, es ihm möglichst diskret, am besten unter der Bettdecke, zu besorgen. Bragagna berichtet auch von einem Herrn, der in einem oberösterreichischen Pflegeheim den Dienst einer Prostituierten in Anspruch nahm. Die Anzeige folgte auf den Fuß.

Wer im Alter gerne Sex hat, braucht sich dessen nicht zu schämen

Ältere haben offenbar kein Recht auf sexuelle Betätigung, zumindest nicht im Heim. Wo aber dann sonst? Wenn ein 80-jähriger Mensch aus dem Sex der reifen Jahre Befriedigung und Glück erfährt, sollte er sich zumindest nicht dafür schämen müssen. Sexuelle Gefühle sind Teil unserer Natur, auf den der reife Mensch das gleiche Recht hat wie der junge. Es gehört zur Würde des alten Menschen, frei über seine sexuellen Aktivitäten entscheiden zu dürfen.

Ihm dieses Recht abzusprechen, hieße, laut Meinung der beiden Therapeutinnen, ihn seiner Würde zu berauben. Beide sind der Meinung, dass Sex weit mehr als nur genitale Betätigung ist. Sie sprechen von ganzheitlichem Erleben, von Zärtlichkeit und Streicheln. Nur so könne Sexualität lebenslang Lust und Freude bereiten. Senger will aber nicht missverstanden werden: "Ich will bei Gott niemandem einreden, dass Sex und Alter unter allen Umständen eins sein müssen. Wenn eine 50-jährige Frau froh darüber ist, dass sie die Last der Lust endlich hinter sich hat, wird sie ihre Gründe dafür haben." Gut möglich, dass ihr aufgrund ihres Lebensschicksals und religiöser Vorstellungen der Körper nie so recht ein Quell der Freude war.

Unsere Gesellschaft befinde sich laut Bragagna in Sachen Sex in einer Übergangsphase: "Unsere noch immer religiös-kulturell geprägte Vorstellung von Sexualität hat dazu geführt, dass Frauen den Kontakt zur Lust, sprich zu ihrem Unterleib, verloren haben und im Alter immer infantiler werden. So werden sie auch von Jüngeren gesehen." Dies könne sich in den Genen über ganze Generationen hinweg manifestieren. Sie fordert ältere Menschen auf, zu ihrer Sexualität zu stehen und sich nicht durch längst überholte Vorurteile und Klischees beeinflussen zu lassen.

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