WAS AM ENDE BLEIBT

Io, vergewaltigt

Erich Klein | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Sex spricht nicht. Zumindest nicht direkt. Ob sich die Wahrheit aller Beziehungen zwischen Frauen und Männern in Sex erweist, bleibt dahingestellt. Die Geister erregen sich, vermögen allerdings nichts zu beweisen. Also wird in Mythen und Fantasie ausgewichen. Etwa: Jupiter verliebt sich in die Naiade Io, die Tochter des Flussgottes Inachos, der seinerseits Sohn von Okeanos und Thetis ist. Io flieht über Meere und alle Länder der bekannten Welt. An dieser Stelle vermerken Ovids "Metamorphosen": "Da verhüllte der Gott mit dunklen Wolken auf weite /Strecken das Land, hielt auf ihre Flucht und raubte ihr Magdtum." Kurz: Jupiter vergewaltigt Io.

Die europäische Kunst-und Kulturgeschichte ist voll derartiger Gewalttätigkeiten. Dass es dabei auch um Meteorologie, mythische Geografie oder menschliche Leidenschaften (also Psychologie) geht, ist nur eine ungenügende Rationalisierung. Ohnedies setzen sich die Verwandlungen in Erzählungen, Lehren und Theorien beinahe ad libitum fort -bis schließlich der erfundenen Libido jenseits des Lustprinzips ein nicht minder zweifelhafter Todestrieb zur Seite gestellt wird. Folgt auf Eros Thanatos?

Nur in Ausnahmefällen haben sich Männer auch mit der Umkehrung der alles entscheidenden Machtverhältnisse befasst, etwa der preußische Schriftsteller und Dramatiker Heinrich von Kleist (1759-1811). Auch bei ihm ist von Sex nur indirekt die Rede, so sehr es in "Die Marquise von O." oder in den Komödien "Der zerbrochne Krug" und "Amphitryon" immer um das Eine geht. Am Ende steht ein vieldeutiges "Ach!" Allerdings trat der meist erfolglose Projektemacher Kleist im Jahr 1808 "auf den Knien seines Herzens" vor den olympischen Dichterfürsten Goethe und überreichte sein Trauerspiel "Penthesilea".

In deren Amazonenstaat ist alles anders: Frauen erobern sich einen Mann zur Zeugung neuer Kriegerinnen, männliche Nachkommen werden getötet. Grundlage dafür ist ein Gesetz "fern aus der Urne alles Heiligen". Gesagt, getan. In der verdrehten Brautwahl wird Achill von Penthesilea zerfleischt. Zum Abschluss folgen die rabiatesten Blankverse der deutschsprachigen Literatur: "Küsse, Bisse, / Das reimt sich, und wer recht von Herzen liebt, / Kann schon das Eine für das Andre greifen." Allein unmittelbar davor heißt es: "So war es ein Versehen." Sollte dies der Anlass für Sex gewesen sein?

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