Beziehungsg'schichten und Sexsachen

Sexualität in Beziehungen -ein ständiger Konfliktpunkt. Was trennt Frauen und Männer?

TexT: Claudia Laminger-Schmid | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Eines weiß man sicher, nämlich dass Frauen und Männer aus unterschiedlichen Gründen sexualmedizinische Beratungen in Anspruch nehmen. Frauen wegen Anorgasmie, Erregungsstörungen, Lustlosigkeit, Schmerzen beim Geschlechtsverkehr bis hin zu Scheidenkrämpfen und Schmerzen im Beckenbodenbereich; Männer aufgrund vorzeitiger Samenergüsse, Erektionsstörungen, fehlenden sexuellen Begehrens und Pornosucht.

An welcher Stelle rangiert Sexualität in einer Beziehung?

In Sachen Beziehungsparameter unterscheiden sich laut einer 2014 durchgeführten Online-Befragung von 4.000 Personen in Österreich zwischen 18 und 69 Jahren Männer und Frauen kaum: Gespräche, Treue und Geborgenheit übertreffen Sexualität (die für 75 Prozent einen hohen Stellenwert hat), gefolgt von Zärtlichkeit, die vielen wichtiger als Sex ist. Lediglich knapp 30 Prozent gaben an, ein erfülltes Sexualleben zu führen.

Cindy Meston und David Buss vom Institut für Psychologie der Uni von Texas in Austin haben 2.000 Menschen befragt und 237 Gründe, miteinander Sex zu haben, herausgefunden. Ganz oben stehen bei beiden Geschlechtern die gegenseitige Anziehung und das körperliche Lustempfinden. Hingegen gaben lediglich Frauen als Motiv an, dass sie "dabei speziell ihre Liebe zum Partner fühlten". Männer hingegen wollten ihrer Partnerin gefallen oder einfach nur einen Orgasmus haben.

Rosemary Basson von der kanadischen University of British Columbia ist der Meinung, dass weibliches Verlangen zumeist erst von den entsprechenden Handlungen ihres Partners geweckt werde. "Männer glauben, dass es das Vorspiel bringt", sagt Elia Bragagna von der Sexualmedizinischen Praxis in Wien. "Doch Frauen sind keine Rubbellose! Auch vaginale Erregung ist zu wenig: Das Gesamtpaket muss passen." So sei lesbische Sexualität oft erfüllender, weil die Partnerinnen spüren, was für die andere gerade am besten passen könnte.

Guter Sex und gute Beziehung sind zwei Paar Schuhe

Elia Bragagna erlebt in ihrer Praxis Paare mit verschiedenen, eine Beziehung belastenden Problemen: Etwa Männer mit dem Zwang, Frauenkleider anzuziehen, oder Frauen, die sich nach Teilnahme bei einer Tantragruppe nicht mehr einengen lassen wollen. Viele ihrer Patientinnen fühlen sexuelle Lustlosigkeit. Sie entstehe aus Erschöpfung durch das Erfüllen klischeeartiger Vorgaben. "Da nützten weder Love Toys noch tolle Unterwäsche, die Männer ja doch wieder nur kaufen, damit sie selbst scharf werden!" Lustkiller kann auch eine vorangegangene Kränkung durch den Partner sein. Eine Frau brauche dann 48 Stunden, bis der Sex wieder "funktioniert" - es sei denn, er würde sich zuvor entschuldigen.

Guten Sex und gute Beziehung unabhängig voneinander zu sehen, rät die Systemische Psychotherapeutin und Klinische Sexologin Katharina Hinsch. Am Beginn einer Beziehung sei der Stellenwert von einem guten körperlichen Gefühl sehr hoch. Bei längeren Beziehungen kommen dann Werte wie Zusammenhalt, Vertrauen und Geborgenheit dazu. Verbessert sich dabei auch das Körpergefühl, kann das eine positive Wirkung auf die Sexualität haben.

Momentan zeichne sich ein Trend ab, meint Hinsch: Viele Männer suchen nach wie vor Rat wegen funktionaler Störungen, etwa zunehmende Erektionsstörungen ab fünfzig. Doch viele Frauen machen eine Therapie, um im Einklang mit ihrem Körper die Genussfähigkeit zu steigern. Männer spüren die Verbindung zu ihrem Körper oft erst im Eroberungsprozess der Frau. Daher stehen bei Therapien zur Verbesserung der Sexualität eines Paares die Körperwahrnehmung und die Steigerung der eigenen Identität im Fokus.

G-Punkt-Aufspritzung und Omasex, bringt das mehr Lustgefühl?

Die Sexualforscherin Ellen Laan zeigt in einer Studie, dass ein Großteil der Probandinnen die genitale Erregung viel geringer einschätzte, als es Messungen mit einem vaginalen Fotoplethysmograf beim Vorführen erotischer Filme und zusätzlicher Stimulation der Klitoris ergeben hatten. Wie kommt dieses Ergebnis zustande? Trugen jene jahrhundertealten Vorstellungen dazu bei, die besagen, jede Form von weiblicher Lust sei krankhaft? Oder setzen sich bis heute Frauen mit der eigenen Vagina zu wenig auseinander? Über 40 Prozent der Frauen gaben laut dem Österreichischen Sexreport 2012 an, sich nie oder nur selten selbst zu befriedigen.

Daniela Dörfler von der Uniklinik für Frauenheilkunde in Wien untersucht das Spannungssystem im weiblichen Körper. Bei echten Scheidenkrämpfen wird die Scheidenmuskulatur unwillkürlich zusammengepresst. Das erschwert das Eindringen des Penis oder macht es gar unmöglich. Bei vielen Frauen steht der Lust eine zu starke Anspannung im Beckenboden entgegen - das kann auch zu Schmerzsyndromen führen. Dem kann mit speziellen "Werkzeugen" wie einem Dilator-Set oder auch durch händische Stimulation abgeholfen werden.

Frauen, deren Partner schnell zum Orgasmus kommt, finden keine Zeit, "um sich zu öffnen", meint Dörfler. "Zehn Prozent der Frauen sind zwar erregt, kommen aber nicht zum Orgasmus. Das liegt oft daran, dass einer der Partner vielschichtiger beim Sex ist." In der immer beliebter werdenden G-Punkt-Aufspritzung sieht sie keinen Ausweg aus sexuellen Problemen. Anders im sogenannten "Omasex", der spätestens seit Demi Moore und ihrem sechzehn Jahre jüngeren Ashton Kutcher "gesellschaftsfähig" wurde. "Wenn Frauen mit einem jungen Partner ihre Sexualität gut ausleben können und die Ungewissheit, was in zehn Jahren sein könnte, in Kauf nehmen, kann das ganz gut funktionieren."

Am Österreichischen Institut für Sexualpädagogik praktizieren Wolfgang Kostenwein und sein Team die "Sexocorporel- Methode". Sie legt den Fokus auf das Verstehen der Funktionalität von Sexualität. Das aus Montreal stammende Modell geht davon aus, dass Sexualität in die gesamte Persönlichkeit eingebettet ist. Ihre vier Säulen sind: eine kognitive (Denkmuster), eine körperliche, eine sexodynamische (Lusteinbettung) und eine beziehungstechnische. Sexualstörungen können ihre Ursache in einem oder in allen Bereichen haben. Auf der körperlichen Ebene geht es um Muskeltonus, Genitalstimulierung, Beckenschaukel und Tiefenatmung. Außerdem wird analysiert, welche Bedeutung visuelle Reize, Gerüche oder ein spezielles "Setting" (Affektivität) für die Lustentwicklung haben. "Ausgefallene Wünsche überdecken oft das Manko, Sexualität als innere Sensation zu erleben", erklärt Wolfgang Kostenwein.

Pornografie und Chatkultur auf (Sex-)Plattformen

Im Österreichischem Sexreport 2012 hielten fast 60 Prozent der Befragten Pornos für keine wichtige Informationsquelle. Dennoch schauen fast 50 Prozent der Männern Pornos, um besser im Bett zu werden. Die Sexualmedizinerin Elia Bragagna sagt dazu: "Wir leben in einer pornografisierten Welt. Pornos sind gefilmte Fantasien, sonst nichts. Die darin vorkommenden frauenfeindlichen Muster darf man keinesfalls dafür nützen, um sich daran für die eigene Partnerschaft zu orientieren." Frauen können auf Pornofantasien mit Luststörungen, ja sogar sexuellem Widerwillen reagieren. Männer, die beim Sex ein exaktes Setting mit Latex, roten Lackstiefel & Co. brauchen, verlieren die Lust auf ihre "normale" Partnerin und gehen stattdessen zur Domina.

Die Systemische Psychotherapeutin Katharina Hinsch sieht in der rasant zunehmenden Chatkultur auf Plattformen, auf denen es oft bei virtueller Sexualität ohne reale Zusammenkunft bleibt, eine Gefahr für eine Beziehung. Es wird nämlich vom Partner oder der Partnerin als Betrug, als Konkurrenz erlebt. Diese neue Form des Fremdgehens gesellt sich mehr und mehr zu den klassischen Gefährdungsparametern von Beziehungen wie Achtlosigkeit, Respektlosigkeit, Burnout und Gewalt.

Trotz aller Gefahren, die für eine Beziehung davon ausgehen, schätzt Elia Bragagna die große Spannbreite, die wir heute in der Sexualität haben. Sie sieht darin eine Freiheit, die in vielen anderen Kulturkreisen unvorstellbar ist.

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