Im falschen Körper geboren

Transgender und sexuelle Identität in der Kindheit rücken in den gesellschaftlichen Fokus

Text: Joshua Köb | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Das Recht auf Mitbestimmung der sexuellen Identität ist eine späte Errungenschaft. Denn obwohl es sich dabei um einen zentralen Aspekt der Persönlichkeit handelt, galt die Zuweisung zu einem der beiden klassischen Geschlechter nach der Geburt lange als letztes Wort. Das Gefühl, als Mädchen bzw. Frau im Körper eines Jungen bzw. Mannes zu stecken und umgekehrt, war ein Tabu. Erst durch die Entstehung des gendertheoretischen Diskurses, der ab Mitte der 1990er Jahre zunehmend Bedeutung gewann, wurde die Frage nach dem Privatesten des Privaten, der individuellen Sexualität, zum ideologisch-politischen Streitpunkt.

Einteilung in männliche und weibliche Kategorie

Nach und nach den Fesseln und der Bevormundung von Tradition und Religion entwunden, konnte die harte Dichotomie der Geschlechter aufgebrochen und durch ein offenes Spektrum ersetzt werden. Mit diesem lässt sich die sexuelle Unbestimmtheit und Unklarheit theoretisch abbilden und analysieren. Zur weiten Kategorie Transgender zählen nun all jene Menschen, die sich in ihrer Sexualität nicht eindeutig definieren lassen wollen.

Der Kern aller gendertheoretischen Ansätze: Die Dichotomie der Geschlechter, also die Einteilung in eine männliche und eine weibliche Kategorie, wird als der Realität nicht entsprechend abgelehnt. Sie gilt als soziales Konstrukt, in dem die typischen Rollen, Verhaltens-und Erwartungsweisen eingeschrieben sind. Dadurch kann zwischen biologischem und sozialem Geschlecht differenziert werden. Wobei die soziale Konstruktion des Geschlechts eine Normalität vorgaukelt, die in der Realität nicht existiert. Durch die gesellschaftliche Verankerung (Stichwort: Heteronormativität) wird eine Art sanfter Zwang ausgeübt.

Dieser Normalisierungsmechanismus funktioniert größtenteils ohne staatlichreligiöse Kontroll-,Erziehungs-und Bestrafungspraktiken und unterscheidet sich dadurch von historischen Vorgehensweisen oder vom Umgang mit sexuellen Minderheiten in illiberalen Kulturen. Die Normalisierung spielt sich größtenteils über die Sozialisation sowie die gegenseitige Sanktionierung rollenabweichenden Verhaltens innerhalb der Gesellschaft ab.

Anpassung des Geschlechts per Krankenkassa

In den letzten Jahren hat sich in Sachen Gleichstellung und Diversität einiges getan. Die Vielfalt des sexuellen Spektrums spiegelt sich in der großen Anzahl an Gruppen, Vereinen, Organisationen und Lokalen in ganz Österreich sowie in der internationalen Vernetzung der verschiedenen Communities wider. Auch in medizinisch-rechtlicher Hinsicht geht es voran. Medizinische Behandlungen (also Hormontherapie und Operation) zur Anpassung des Geschlechts, zur Harmonisierung des Inneren mit dem Äußeren, werden in Österreich durch die Krankenkassen kostenfinanziert. Personenstands-und Vornamensänderungen sind rechtsgültig anerkannt. In Österreich darf jede sexuelle Identität frei ausgelebt werden.

Doch trotz aller Fortschritte fällt auf, dass ein Coming Out noch heute als Akt der Befreiung, Beendung des Versteckspiels oder in ähnlicher Weise bezeichnet wird. Allein die Wortwahl spricht Bände, verrät sie doch, wie viel Mut und Selbstbewusstsein nötig sind, um sich den Ansprüchen der Gesellschaft und der Familie entgegenzustellen, die Angst vor dem Anderssein und der Stigmatisierung zu überwinden und so zu leben, wie es für richtig empfunden wird. Nicht alle schaffen das.

Geheimhaltung und Unterdrückung können psychische Erkrankungen auslösen und gar im Suizid enden. Selbst wenn eine medizinische Behandlung eingeleitet wurde, stellen sich unangenehme Fragen. Denn dazu braucht es eine ärztliche Diagnose: als psychische Krankheit nach der internationalen ICD-10 Klassifizierung. Der Weg zur Auslebung der gefühlten Geschlechtsidentität ist noch immer pathologisiert. Zudem weist jede Behandlung Risiken auf: Wie soll mit Geschlechtsuneindeutigkeit, einem Verharren im Zwischenstadium umgegangen werden?

Als Kind im falschen Geschlecht gefangen

Vor Kurzem erschien im Fischer Verlag die deutsche Übersetzung eines unüblichen Buchs. Alex Gino, selbst Transgender, wagt sich in "George" an ein Tabu der Kinderliteratur: Geschlechtsidentität in der Kindheit. Das Romandebüt erschien voriges Jahr in den USA und feierte dort einen überraschend großen Erfolg. Dies mag einerseits an dem für manch konservative Kreise hoch kontroversen Thema liegen, andererseits ist es aber auch ein Indiz dafür, dass eine Literatur dazu bisher fehlte.

"George" handelt davon, wie sich das Gefangensein im falschen Geschlecht für ein Kind anfühlt, aber auch davon, wie früh es sich dessen bereits gewiss ist. Im Laufe der Erzählung wird der lange und schwierige Emanzipationsprozess beschrieben, wobei soziale und psychische Widerstände, aber auch die Bestärkung und Ermutigung zum Anderssein dargestellt werden.

Das Buch zeigt vor, wie es für ein Kind sein kann, sich anders zu fühlen und darin nicht abgelehnt, sondern bestärkt zu werden. Denn gerade die Integration in die Peergroup, das Verständnis der anderen und die Unterstützung der Eltern sind maßgeblich dafür, dass die Kinder ihr Empfinden ausleben können, wie Elisabeth Vlasich von der "Beratungsstelle Courage" betont.

In Österreich sind Hormontherapien bis zum 18. Lebensjahr nur mit Zustimmung der Eltern erlaubt. Psychotherapien können hingegen eigenständig ab 14 Jahren, dem Alter der sexuellen Mündigkeit, in Anspruch genommen werden. Es steht jedoch fest, dass Transgenderpersonen meist früher wissen, dass das ihnen zugewiesene Geschlecht nicht dem gefühlten entspricht.

Trans*Mädchen und Trans*Buben: Der entscheidende Unterschied

Der Soziologe Alexander Naß von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg forscht zum Thema. Er sagt: "Auf der Grundlage der qualitativen Analyse von 270 schriftlichen, retrospektiven Lebensberichten von Trans*Menschen kann gezeigt werden, dass der Zeitpunkt der inneren Gewissheit zumeist in der frühesten Kindheit einsetzt. Als problematisch zeigt sich, dass die Trans*Mädchen ein enormes Verbergungsmanagement gegenüber ihrem sozialen Umwelt betreiben, während die Trans*Jungen bereits frühzeitig ihr Geschlechtsempfinden offensiv kommunizieren - ein Umstand der zu großen Unterschieden in den weiteren Lebenswegen führt."

Die Transgenderexpertin Elisabeth Vlasich beschreibt die Situation der Heranwachsenden wie folgt: "Ab dem zweiten Lebensjahr kann es zu einem Unbehagen am eigenen Geschlecht kommen bzw. zur Überzeugung, dem anderen Geschlecht anzugehören. Bei vielen Kindern verschwindet die Geschlechtsdysphorie mit der Pubertät. Bei manchen Jugendlichen verstärkt sich aber das Unbehagen, und die Abneigung gegenüben dem eigenen Körper, insbesondere der körperlichen Geschlechtsmerkmale, intensiviert sich. Viele Jugendliche entwickeln dann den Wunsch nach hormonellen Behandlungen und in weiterer Folge auch nach geschlechtsangleichenden Operationen."

Die bedeutende Rolle der Eltern, die Vlasich größtenteils als "sehr offen und bemüht, ihre Kinder zu unterstützen", erlebt, wird auch von Eva Fels von TransX, dem Verein für Transgenderpersonen in Wien, hervorgehoben: "Wenn Eltern solche Entwicklungen blockieren, reagieren Kinder mit Rückzug, selbstgewählter Isolation, Schulversagen und möglicherweise psychotischen Begleitsymptomen. Das ist, leider auch nicht immer, der Zeitpunkt zum Umdenken der Eltern. Wir kommen mit den entsprechenden Kindern meist über ihre Eltern in Kontakt. Die Beratung und Unterstützung dient dann auch zunächst vor allem ihnen."

Das Thema Transgender in der Kindheit ist eine enorme Herausforderung, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. Man darf aber mit Recht Hoffnung darauf setzen, dass zumindest der gesellschaftliche Druck zunehmend schwindet und Raum für ein größeres Verständnis geschaffen wird.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige