Die Stimmungsmacher in uns

Hormone sind enorm komplex und beeinflussen unseren Körper sowie unsere Psyche maßgeblich

Text: Sophie Hanak | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Eines der wichtigsten Kommunikationssysteme unseres Körpers ist das Hormonsystem (endokrinologisches System). Gebildet werden die Hormone in Drüsenzellen verschiedener Organsysteme, gehen dann ins Blut und gelangen schließlich zu Zielorganen, wo sie ihre Wirkung entfalten. Hormone können hauptsächlich aus Eiweiß (Peptidhormone) oder aus Fetten (Steroidhormone) bestehen. Zu den Steroidhormonen zählen auch die Geschlechtshormone Testosteron, Östrogene und Gestagene.

Testosteron, Östrogene, Gestagene und Oxytocin

Östrogene sind im weiblichen Organismus für verschiedene biologische Prozesse verantwortlich, etwa den Eisprung und die Ausbildung der weiblichen Geschlechtsmerkmale. Gestagene bereiten den Körper auf eine Schwangerschaft und Milchbildung vor. Testosteron führt beim Mann in der Pubertät zum Wachstum der Geschlechtsorgane, zur Reifung der Spermien und zur Ausbildung des männlichen Erscheinungsbildes. Außerdem steigert Testosteron aggressives Verhalten, den Antrieb und das sexuelle Verlangen, die Libido, - auch bei der Frau.

Unerlässlich für Beziehungen wiederum ist das Hormon Oxytocin. Es ist wichtig für den Geburtsvorgang und danach für das Stillen. Es deaktiviert das Kritikzentrum im Frontalhirn, das Stresszentrum und vermindert Angst. Es soll sogar Ursache dafür sein, dass "Liebe blind macht".

Die Auswirkungen der Hormone auf das Gehirn

Welchen Einfluss diese Nachrichtenüberträger auf unser Gehirn haben, wird an der MedUni Wien untersucht. "Ausgangspunkt unserer Studie war die Tatsache, dass es bei einigen psychiatrischen Erkrankungen eine unterschiedliche Geschlechterverteilung gibt. Despressionen etwa sind bei Frauen häufiger, Alkoholkrankheit bei Männern", sagt Georg Kranz von der Uniklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. "Wir wollten dafür die biologischen Ursachen finden. Wir denken, dass Hormone eine wichtige Rolle spielen."

Für ihre Untersuchungen nahmen die Wissenschafter das Serotoninsystem unter die Lupe. Das sind jene Nervenzellen, die Serotonin für die Informationsübertragung verwenden. Serotonin ist sowohl ein Gewebshormon als auch ein Botenstoff in den Nervenzellen und u.a. für eine positive Stimmung verantwortlich. "Unser Ziel war es, herauszufinden, wie Hormone auf das Serotoninsystem wirken. Um dies zu ermöglichen, wurde die Studie mit Personen durchgeführt, die gerade dabei waren, sich einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie zu unterziehen", erklärt Kranz. Es wurden also einerseits Transgenderpersonen und andererseits Frauen und Männer als Kontrolle untersucht. Transgenderpersonen sind Menschen, die sich als Mann in einem weiblichen Körper fühlen oder umgekehrt. Oft unterziehen sich diese Menschen einer Hormontherapie, die in der Regel sehr gut wirkt. Wird einer biologischen Frau Testosteron verabreicht, ähnelt der Testosteronspiegel schon nach einem Monat dem eines biologischen Mannes.

"Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich der sogennante Serotonintransporter, der auch die Andockstelle für Antidepressiva ist, in seiner Konzentration verändert. Wurde Testosteron verabreicht, ist die Konzentration angestiegen, wurde Östrogen gegeben, ging die Konzentration zurück", sagt Kranz. Diese Veränderungen in der Serotoninkonzentration könnten somit ein möglicher Hinweis dafür sein, dass sich Sexualhormone tatsächlich auf die Stimmung auswirken.

Hormonaktive Stoffe und ihr mögliches Krebsrisiko

Unterzieht sich jemand einer geschlechtsangleichenden Therapie, müssen künstliche Hormone eingenommen werden. Es gibt vielerlei weitere Gründe, Hormone zu nehmen, etwa die Antibabypille. Für diese "oralen Kontrazeptiva" werden hauptsächlich Hormone verwendet, die Östrogen und Gestagen ähnlich sind -entweder in Kombination oder auch allein. Gegen Wechseljahresbeschwerden wird heute weniger oft eine Hormonersatztherapie verschrieben als früher. Denn Wissenschafter fanden Hinweise darauf, dass sich die Einnahme künstlicher Hormone auf das Krebsrisiko auswirken kann. So sollen Hormonersatztherapien gegen Wechseljahresbeschwerden das Brustkrebsrisiko erhöhen, wohingegen die Antibabypille Gebärmutterkrebs und Eierstockkrebs verhindern könnte.

Aber auch Stoffe, die wir nicht bewußt zu uns nehmen, könnten Krebs verursachen. Zu diesen zählen bestimmte UV-Filter, Parabene in Kosmetikartikeln sowie Phtalate und Bisphenol A in Plastik. Sie können die Aktivität bestimmter Hormone nachahmen, verringern oder verstärken. "Hormonaktive Stoffe können praktisch in allen Alltagsprodukten enthalten sein", sagt Helmut Burtscher, Chemiker bei Global 2000. "Auch in Lebensmitteln wurden solche Substanzen entdeckt. Quecksilber reichert sich etwa in manchen Fischarten an - besonders hohe Konzentrationen wurden in Thun-und Butterfisch gefunden. In Lebensmitteln aus Konservendosen, die innen mit Plastik beschichtet sind, war der Weichmacher Bisphenol A."

Hormonaktive Stoffe in Kosmetika können durch die Haut in den Körper dringen. Parabene etwa findet man wenige Stunden nach Auftragen der Creme im Blut und im Harn. Einige Wissenschafter vermuten, dass hormonaktive Stoffe die Ursache für die Abnahme der Spermienqualität, den früheren Eintritt der Pubertät, bei Kindern für Verhaltensveränderungen und sogar für den Anstieg von Brust-,Hoden-und Prostatakrebs sind. In Tumorgewebe von Brustkrebspatientinnen wurden Parabene nachgewiesen.

Angesichts der Vielzahl an synthetischen Substanzen, die wir jeden Tag zu uns nehmen, ist der Zusammenhang zwischen diesen Stoffen und Krankheiten sehr schwierig zu beweisen. "Die Mechanismen sind hoch komplex. Gesundheitliche Folgen manifestieren sich mitunter erst Jahre bis Jahrzehnte später, oft auch erst über Generationen durch epigenetische Effekte", erklärt Burtscher. "Wenn etwa ein Mann unfruchtbar ist, ist es schwierig zu beweisen, dass dies deshalb der Fall ist, weil die Großmutter mit DDT gearbeitet hat."

Im Vergleich zu anderen Schadstoffquellen, denen wir ausgesetzt sind, sind Hormone und hormonaktive Stoffe zwar in geringerer Konzentration vorhanden, charakteristisch ist jedoch, dass sie bereits in sehr geringen Mengen aktiv werden können.

Schädliche Inhaltsstoffe in unseren Kosmetika

Global 2000 führte in Österreich Studien durch und konnte zeigen, dass eine große Zahl an Kosmetika hormonaktive Substanzen enthalten. Über 500 Körperpflegeprodukte aus österreichischen Drogerieund Supermärkten wurden auf schädliche Inhaltsstoffe überprüft. "Die EU hat eine Prioritätenliste erstellt mit 194 Stoffen der Kategorie 1. Das bedeutet zuverlässige Studien an Tieren, die den Zusammenhang zwischen diesen Substanzen und hormonassozierten Schäden wie Unfruchtbarkeit oder Krebs hergestellt haben. Wir haben die Kosmetika auf die in dieser Liste angeführten Substanzen untersucht", sagt Burtscher.

Die Ergebnisse zeigten, dass 119 der 531 überprüften Körperpflegeartikel (22 Prozent) hormonell schädliche Inhaltsstoffe enthalten. Vor zwei Jahren lag dieser Anteil noch bei 35 Prozent.

Auf jeden Fall muss auf EU-Ebene noch einiges getan werden, um eine für Mensch und Umwelt befriedigende Lösung zu finden. Zumindest wurde in Österreich Bisphenol A nicht nur in Babyflaschen, sondern auch in Schnullern verboten. Frankreich preschte mit einem Bisphenol- A-Verbot für Lebensmittelverpackungen vor. Und Schweden möchte sogar noch einen Schritt weiter gehen und Bisphenol A ganz verbieten.

Wir Konsumenten können uns schützen, wenn auch nur teilweise. Etwa dadurch, dass wir bei Kosmetikprodukten auf hormonell wirksame Inhaltsstoffe achten bzw. zertifizierte Naturkosmetik verwenden, Bioprodukte essen und auf Konservendosen und nach Möglichkeit auf Plastikverpackung verzichten.

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