KLIMAFORSCHUNG

Der Gipfelsturm der Klimazonen

Nicht nur die Bergsteiger, auch die Klimazonen sind in den Alpen seit 1800 fleißig hinaufgeklettert. Dank Klimawandel wandern sie weiter hinauf

Jochen Stadler | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Wo Kaiser Franz Joseph einst bei der Gamsjagd sogar im Sommer durch den Schnee stapfen musste, blühen heute Enzian und Arnika, und wo er durch die Almröserln spazierte, stehen jetzt oft Bäume -die Klimazonen sind in den Alpen seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts flink in die Höhe gewandert, erklärte der Meteorologe Franz Rubel kürzlich bei einer Konferenz in Wien. Das hat er mit Kollegen durch einen weltweit einzigartigen Klimadatensatz, der bis in die altösterreichische Monarchie zurückreicht, herausgefunden.

Dieser sogenannte HISTALP- Datensatz beinhaltet Temperatur-und Niederschlagsmessungen von mehr als 200 Orten im Alpenraum seit über 200 Jahren. Die Werte wurden von den kaiserlich-königlichen Beamten und ihren Nachfolgern an der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik ZAMG in Wien systematisch aufgezeichnet und gesammelt. Ein Team um Ingeborg Auer von der ZAMG hat die teilweise handschriftlich niedergeschriebenen Daten digitalisiert und angepasst, wenn zum Beispiel der Wechsel eines Messinstruments oder die Verlegung einer Station für Unregelmäßigkeiten gesorgt haben.

Mit diesen lückenlosen Werten seit 1800, die mit acht Kilometern Auflösung noch dazu ein sehr enges Netz bilden, haben die Forscher um Rubel und Auer nun die Lage der Klimastufen (nach der vielen vielleicht noch aus der Schule bekannten Köppen-Geiger-Einteilung) in den Alpen seit 1800 rekonstruiert und mit Modellen errechnet, wie sie sich bis zum Jahr 2100 verschieben werden.

"Eigentlich sind die Alpen ein Rückzugsgebiet für das kalte, boreale Klima, während in Europa warmgemäßigtes Klima vorherrscht", sagt Rubel, der am Institut für öffentliches Veterinärwesen der VetMed Uni Wien forscht. Bis zum Ende des vorletzten Jahrhunderts lag zum Beispiel die Waldgrenze im Alpendurchschnitt noch bei 1.730 Metern Seehöhe, im Jahr 2000 bereits bei 1.880 Metern, und bis 2100 wird sie, je nach weltweitem Treibhausgasausstoß, auf 2.120 bis 2.820 Meter klettern. Freilich haben sich auch innerhalb der Wälder die Nadel-und Laubbaumgrenzen in die Höhe verschoben.

"Auch die Schneegrenze wird vom Jahr 1900 bis 2100 nach oben steigen, und zwar um mindestens 450 Meter", so der Wissenschafter. Bei einem pessimistischen Klimaszenarium sogar um 1.040 Meter.

Diese Veränderungen machen der Pflanzen-und Tierwelt in den Bergen zu schaffen. "Wie gut oder schlecht sie in Zukunft damit umgehen können, ist unklar", sagt Rubel. Doch mit dem hochwertigen Klimadatensatz und den neu erstellten Modellen habe man nun das Werkzeug, um diese und andere Entwicklungen genauer zu untersuchen.

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