HORT DER WISSENSCHAFT

Der Sex des Doppeladlers

Martin Haidinger | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

Na endlich! Ein anständiges Compendium über die lateinische Grammatik sei schon überfällig gewesen!, soll Kaiser Franz Joseph I. gesagt haben, als der Neurologe Richard von Krafft-Ebing 1886 sein Monumentalwerk "Psychopathia sexualis" vorlegte. Ob des Inhalts erschien dieses Grundlagenbuch der modernen Sexualforschung in lateinischer Sprache -linguistisch versiegelt wie die Mysterien der Liturgie. Das Missverständnis des Kaisers ist also nachvollziehbar.

Krafft-Ebings Arbeit markiert einen Wendepunkt im ausgehenden 19. Jahrhundert. Wissenschaft und Literatur thematisierten Sexualität mit immer größerer Offenheit und empirischem statt moralisierendem Zugang. Keine Bewegung hat die Wiener Moderne stärker geprägt als die Psychoanalyse, die aus dem Zirkel um Sigmund Freud hervorging. Das Verständnis von Sexualität änderte sich fundamental. Der Mensch war nun von Trieben gesteuert, von denen die Lust zu den mächtigsten zählt.

Am Ende des Jahrhunderts entstanden Modelle und Theorien, die noch heute teilweise als anrüchig gelten. Dass beispielsweise auch Kinder einen Sexualtrieb haben sollen, wurde seit Freud stets heftig diskutiert, oft auch instrumentalisiert -von Päderasten wie von politischen Radikalen. Restriktion und moralischer Illiberalismus des Herrschers (Franz Joseph hatte das eine oder andere "Gspusi")und der Kirche standen im krassen Widerspruch zu geistigen Bewegungen und tatsächlichen Handlungen der Untertanen bis 1918.

Wo das Kaisertum mit einer absolutistischen Moral drohte, regierten am Ende Josefine Mutzenbacher, Scheinheiligkeit und untergründige sexuelle Freizügigkeit - manche sagten auch Dekadenz dazu. Hardcore-Pornofotos ("Wiener Bilder") wurden im Prater zur Ansicht geboten, während ästhetische Nacktheit, im Kunsthistorischen Museum von Tüchern verhüllt, nur moralisch gefestigten Personen gezeigt wurde.

Dass die Scheinmoral eine besteingefahrene Tradition hatte, erweist ein Sexskandal im Wien des Jahres 1822: Aloys Fürst Kaunitz- Rietberg konnte seiner Vorliebe für kleine Kinder lange Zeit unbeachtet frönen. Dann wurde es den Behörden doch zu viel -und der Fürst zum Angeklagten. Bis zu 200 Mädchen soll er missbraucht haben, großteils Tänzerinnen des Kinderballetts im Theater an der Wien. Verurteilt wurde Kaunitz indes nur zur Zahlung der Gerichtskosten. Der Kaiser verbannte ihn auf seinen Stammsitz nach Brünn, wo er weiterhin seinen Neigungen nachgehen konnte. Ähnliches soll in Österreich ja auch später noch vorgekommen sein ...

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