BRIEF AUS BRÜSSEL

Sex in der EU

Emily Walton | aus HEUREKA 5/16 vom 23.11.2016

In vielen Bereichen des täglichen Lebens ist die EU in Form von gemeinsamem Recht, grenzüberschreitenden Regulierungen und gesamteuropäischen Initiativen allgegenwärtig. So sehr die Union mitunter in den kleinsten Kleinigkeiten präsent scheint, so sehr hält sich "die EU" aus einem Bereich heraus: dem Sexleben.

Wenn man aus Brüssel etwas zum Thema Sex hört, dann mitunter aus fragwürdigem Anlass: So etwa, als vor Jahren die Geschichte durch die Medien geisterte, EU- Beamte würden Viagra auf Steuerzahlerkosten bezahlt bekommen (der Hintergrund: Eine Handvoll Eurokraten erhielt die blaue Pille aus medizinischen Gründen von der EU-Krankenversicherung). Oder jüngst, als sich der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger in einer Rede dazu verstieg, nicht nur Chinesen als "Schlitzaugen" zu bezeichnen, sondern auch von einer "Pflicht-Homoehe" faselte.

Setzt man sich jedoch seriös mit dem Themenkomplex auseinander, merkt man rasch, wie groß die Unterschiede im vereinten Europa noch sind. Etwa bei den gesetzlichen Regelungen, was Abtreibungen anlangt: Während einige EU-Staaten wie Frankreich, Spanien, die Niederlande und Österreich Fristenregelungen haben, bei denen der Schwangerschaftsabbruch unter gewissen Umständen und zu bestimmten Zeitpunkten legal bzw. straffrei ist, gelten in Ländern wie Polen, Malta oder Irland nach wie vor recht restriktive Regeln.

Oder bei den Rechten für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transsexuelle und Transgender-Personen. Auf der Regenbogenkarte von ILGA-Europe (International Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association) lässt sich das Gefälle ganz gut erkennen: Etwa die Hälfte der (noch) 28 EU-Mitgliedsländer erhält einen Wert von 50 Prozent oder besser bei den "erreichten LGBTI Menschenrechten", der Rest liegt teilweise deutlich darunter. Im in vielerlei Hinsicht grenzenlosen Europa existieren eben doch noch scharfe Grenzen: Das vergleichsweise fortschrittliche Österreich (Regenbogen-Wert: 64 %) ist umgeben von Slowenien (39), der Tschechischen Republik (32), der Slowakei (29), Italien (29) und Liechtenstein (18). Malta, das Land mit dem besten Wert innerhalb der EU -satte 88 Prozent -liegt gleich neben Italien, das einen der schlechtesten Werte aufweist. Ob Fortschritt und Toleranz hier bald noch mehr Schengen-Grenzen überwinden?

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