MEDIZIN

Was bringt einen Menschen auf Suizidgedanken?

Eine Forschungsgruppe in Wien beschäftigt sich mit der Frage, was Suizidgedanken auslöst und wie man sie verhindern kann

Dieter Hönig | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

Dass eine partnerschaftliche Beziehung nicht unbedingt vor Suizidgedanken schützt, zeigt eine aktuelle Studie des Instituts für Sozialmedizin der MedUni Wien und des Instituts "Psychologische Grundlagenforschung und Forschungsmethoden" der Universität Wien zum Thema "Beziehungsstatus und Suizidgedanken". Für die Durchschnittsbevölkerung jüngeren und mittleren Alters gilt: Wer in einer glücklichen Beziehung lebt, hat ein geringes Risiko, auf Suizidgedanken zu kommen. Dies betonen die Suizidforscher Thomas Niederkrotenthaler und Benedikt Till.

Die beiden Experten beschäftigen sich schon seit Langem mit dem Phänomen Suizid. Wie kann es dazu kommen, dass Menschen keine andere Möglichkeit sehen als den Suizid? Was ist der Grund, der sie in diese scheinbar ausweglose Enge treibt? Wie lässt es sich verhindern?

Im Rahmen einer sogenannten suizidalen Entwicklung machen Menschen verschiedene Phasen durch.

Schon mit der Erwägung des Suizids kommt es oft zu einer sozialen Isolierung. Menschen ziehen sich aus Beziehungen zurück und vereinsamen, wirken aber auch desinteressiert oder aggressiv auf andere. "Die suizidale Einengung ist oft auch mit der fixen Vorstellung verbunden, andere könnten es als Entlastung sehen, wenn man nicht mehr existiert", erklären Till und Niederkrotenthaler.

Es sei jedoch das Gegenteil der Fall: Der Verlust durch Suizid ist für Angehörige und Freunde nur schwer zu bewältigen. Auch bedürfen sie dann häufig einer professionellen Hilfe.

Typisch sei, dass im Zustand der stärksten Einengung hilfreiche Beziehungen oft nicht einmal erkannt geschweige denn bewusst werden. "Dabei geht es nicht nur um romantische Beziehungen, die ja das eigentliche Thema unserer Studie waren", berichten die Forscher. "Soziologische Untersuchungen zeigten uns, dass gerade freundschaftliche Beziehungen, aber auch Beziehungen zum Therapeuten hilfreiche Faktoren sind. Bestehende Beziehungen zu reaktivieren und neue zu ermöglichen sind daher wichtige Ziele der Suizidprävention."

Suizid kann nicht nur durch ein Single-Dasein erklärt werden. Viele Singles führen ein zufriedenes Leben und unterscheiden sich kaum von in Beziehung lebenden Menschen. Sie fühlen sich teilweise sogar zufriedener.

"Es wäre daher viel zu kurz gegriffen, anzunehmen, dass Menschen den Suizid suchten, weil sie Singles sind. So könnte es vielleicht sogar entlastender sein, in keiner Beziehung zu leben, als ständigem Partnerschaftsstress ausgesetzt zu sein", sagen die beiden Forscher.

Im Alterungsprozess häufen sich naturgemäß Verlusterlebnisse, etwa durch Tod und Krankheit. Einsame, alte Menschen haben dadurch ein erhöhtes Suizid-Risiko. Vor allem Männer. Sie sind weit häufiger von Suizid betroffen als Frauen, insbesondere Männer höheren Alters. Daher raten die Experten den Menschen in dieser Lebensphase dringend dazu, Freundschaften zu pflegen und Hilfsangebote, die speziell auf alte Menschen ausgerichtet, aber oft nicht bekannt sind, auch anzunehmen.

Informationen: www.krisen-im-alter.at Hilfsangebote bei Suizidgedanken: www.kriseninterventionszentrum.at

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige