Neue Medien, neue Menschen?

Medien sind ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung unserer Realität -und stecken in der Krise

Text: Sonja Dries | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

Bilden Medien die Realität ab? Oder sind sie es, die Realität überhaupt erst konstruieren? Je nachdem, ob Positivist oder Konstruktivist, werden hier in der Wissenschaft verschiedene Standpunkte eingenommen. Die Antwort auf die Frage ist entscheidend, wenn man verstehen will, wie Medien die Realität einzelner Menschen verändern können. "Die Frage setzt aber auch eine bestimmte Dichotomie des Denkens voraus", erklärt Thomas Slunecko vom Institut für psychologische Grundlagenforschung der Universität Wien. Er plädiert für einen Zwischenweg. Erst mithilfe des Menschen als Handelnden könne sich etwas entfalten und zu einer bestimmten Form finden, das zwar schon existiert, aber noch flexibel und amorph ist. Auch Medien beeinflussen so durch ihre Berichterstattung, wie bestimmte Ereignisse wahrgenommen werden.

Entscheidungsfindung in der Demokratie braucht Kommunikation

"Es ist die Aufgabe klassischer Medien, Realitäten und Perspektiven auf die Welt in einer gut rezipierbaren Form wiederzugeben," sagt Kommunikationswissenschafter Fritz Hausjell. Um Entscheidungen zu treffen, die in einer Demokratie mehrheitsfähig sind, brauche es viel Kommunikation und Information. Die Informationen müssen dabei von Instanzen stammen, denen die Menschen vertrauen. Das heißt, bei denen zumindest ein minimaler Grundkonsens auf allen Seiten der Gesellschaft besteht, dass sie überprüfte und wahrheitsgemäße Informationen weitergeben.

So wichtig klassische Medien für den gesellschaftlichen Diskurs sind, so besorgniserregend ist das hierzulande geringe Vertrauen in sie. Laut dem "Reuters Institute Digital News Report 2016" haben nur 43 Prozent der Österreicher Vertrauen in Nachrichten und nur 32 Prozent in Journalisten. Drei Viertel der Österreicher sind der Meinung, Medien würden politisch oder wirtschaftlich beeinflusst.

Für die Studie der Oxford University wurden unter anderem 2.000 Österreicher via Online-Umfrage zu ihrem Medienverhalten und ihren Einstellungen zu den Medien befragt. Das Reuters Institute führt das fehlende Vertrauen -Österreich liegt hier auf Platz 15 von 26 Ländern -auch auf die wachsende Zahl an Verletzungen des Ehrenkodex der Presse zurück, die der österreichische Presserat festgehalten hat.

Die immer wichtigere Rolle des Internets beim Medienkonsum

Gleichzeitig zeigt die Studie, dass das Internet eine immer wichtigere Rolle beim Medienkonsum einnimmt. 83 Prozent der österreichischen Bevölkerung nutzen das Internet, 73 Prozent beziehen auch ihre Nachrichten online. Bei den sozialen Netzwerken, über die Nachrichten bezogen werden, ist Facebook mit 35 Prozent Nummer eins.

"Vor allem junge Menschen glauben heute, dass alles Wichtige sie irgendwann über ihre Onlinekanäle erreichen wird, und sie sich Nachrichten nur über das Netz holen müssen", erklärt Fritz Hausjell. Für ihn ist das eine fatale Entwicklung. Facebook &Co sollten immer nur einen Teil des Informationsverhaltens ausmachen.

Soziale Netzwerke nutzen Algorithmen, um ihre Nutzer mit Inhalten zu versorgen. "Diese programmierten Handlungsanweisungen werden benutzt, um uns personalisiert jene Dinge zugänglich zu machen, die für uns besonders relevant sind", erklärt Katharina Zweig. Die Bioinformatikerin ist Teil von Algorithm Watch. Die deutsche Initiative will über das Phänomen Algorithmus informieren und dessen Entwicklung beobachten. Die Logik hinter den Algorithmen: Das, was wir immer wieder anklicken, ist etwas, das uns gefällt. Nutzern wird die Aufgabe abgenommen, Informationen zu filtern. Sie bekommen vorgesetzt, was ihre Meinung bestätigt. So müssen sie sich nicht mehr mit kontroversen Ansichten beschäftigen und verlieren langsam die Fähigkeit zu reflektieren. Sie ziehen sich in Enklaven, oft als "Echokammern" oder auch "Filter Bubble" bezeichnet, zurück.

Semantischer Smog und alternative Medien statt Nachrichten

Diese Filter-Blasen seien mit einem semantischen Smog gefüllt, meint Thomas Slunecko. "Vielleicht hat das Zeitalter der Reflexion seinen Höhepunkt überschritten", vermutet er. Jedes Jahr steht der Psychologieprofessor vor Studienanfängern. Seit zwei Jahren komme ihm vor, als säße ihm ein anderer Menschentypus gegenüber, der bis auf ein paar Ausnahmen nicht mehr richtig reflektieren wolle. "Reflexion ist anstrengend. Man weiß nicht, ob man damit zur Wahrheit kommt oder sich in einem Spiegelkabinett verliert", sagt der Mitbegründer der Wiener kulturpsychologischen Schule.

Neben der Nutzung von sozialen Netzwerken, um Nachrichten vorgefiltert und personalisiert zu erhalten, informieren sich auch immer mehr Menschen bei alternativen Medien. Websites wie Wochenblick, Politaia oder das Contra-Magazin versorgen den deutschsprachigen Raum mit Informationen, deren Herkunft oft intransparent ist und Verschwörungstheorien anfachen. "Alternative Fakten", nannte das kürzlich erst Kellyanne Conway, die Beraterin des neuen US-Präsidenten Donald Trump.

Auch Trump profitierte in seinem Wahlkampf von alternativen Medien wie etwa Breitbart News. Ende 2016 verzeichnete die Seite an die 16 Millionen Nutzer. Breitbart war auch eines jener Medien, das im letzten Jahr die Nachricht verbreitete, eine Pizzeria in Washington würde als Schaltzentrale eines Kinderpornorings fungieren, in den Hillary Clinton verwickelt sei. Daraufhin drang ein 28-jähriger US-Amerikaner bewaffnet in das Lokal ein und bedrohte die Angestellten. Er wollte den verbreiteten Gerüchten nachgehen, die in seiner Realität schon wahr geworden waren.

Journalismus: Besinnung auf Aufgabe statt Opferstöhnen

Man darf das Entstehen alternativer Medien nicht grundsätzlich verurteilen, meinen Hausjell und Slunecko. Fakten seien immer von Menschen gemacht. Auch bei klassischen Medien sei zu hinterfragen, aus welcher Motivation heraus sie bestimmte Themen aufgreifen und welche Interessen bei der Publikation im Spiel sind. "It is not a question of being paranoid, it is a question of being paranoid enough", zitiert Slunecko den Catherine-Bigelow-Film "Strange Days". Um das Vertrauen in Medien zu stärken, müsse klassischer Journalismus transparent machen, wie er arbeitet und gut recherchierte und überprüfte Hintergrundinformationen liefern, statt die Rolle des Getriebenen gegenüber neuen Medienphänomen einzunehmen, meint Fritz Hausjell. Außerdem wäre es seine Aufgabe, Lügen und Verschwörungstheorien, die im Netz verbreitet werden, nachzugehen und die Menschen über deren vermeintlichen Wahrheitsgehalt darüber aufzuklären.

Sollten es die klassischen Medien nicht schaffen, diese Aufgabe zu übernehmen, könnte irgendwann der Staat auf die Idee kommen, eine Art "Wahrheitsprüfungsinstanz" zu installieren, fürchtet der Medienexperte. Das sei definitiv der Weg in die falsche Richtung.

"Wir wissen nicht, wie sich die politischen Verhältnisse in Österreich entwickeln werden. Gibst man dem Staat diese Instanz in die Hand, kann sie zu einem ganz gefährlichen Instrument werden, das sich gegen den Journalismus richtet. Dann werden nicht nur garstige Geschichten geprüft, sondern auch seriöse Medien im Fokus stehen, die für die Politik unangenehme Nachrichten verbreiten", sagt Hausjell.

Auch Katharina Zweig von Algorithm Watch empfindet es als sehr heikel, neue Medientechnologien staatlich zu regulieren. "Wollen wir eine Zensur? Wenn ja, wem wollen wir das in die Hand legen?", fragt die Professorin für Sozioinformatik. Straftatbestände wie Verleumdung, Kreditschädigung oder üble Nachrede sind heute eine Möglichkeit, gegen unwahre Medienberichte vorzugehen.

Statt Politik oder Medien die Macht über unsere Realität zu geben und sich in neue Technologien zu verlieren, sollten Menschen Informationen hinterfragen, um kontroversen Meinungen offen und mit Interesse begegnen zu können. Bildung und die Stärkung der Medienkompetenz können dabei einen wichtigen Beitrag leisten. Reflexion mag zwar anstrengend sein, doch sie kann einem auch die Herrschaft über die eigene Realität zurückgeben.

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