BRIEF AUS BRÜSSEL

Filterblasen

Emily Walton | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

Haben Sie sich in letzter Zeit auch Gedanken darüber gemacht, ob Sie selbst in einer Filterblase leben, oder Ihre Nachrichten aus einem Echoraum kommen? Testen Sie, wie klein oder groß, wie monoton oder doch noch halbwegs durchmischt Ihre Bubble ist: Prüfen Sie an einem bedeutenden Ereignis, einer bekannten Person oder einer großen Institution, ob Sie dazu (fast) nur positive oder negative Meldungen und Kommentare hören oder lesen. Je homogener die Ansichten, desto ausgeprägter der Blasen-Effekt.

Gut funktioniert das beispielsweise mit EU-Themen. Oder mit Donald Trump. Sind Sie durchwegs von Pro-Europäern oder Trump-Gegnern umgeben? Willkommen in der Filterblase!

Der neue US-Präsident hat sich allem Anschein nach seine eigene Bubble gebastelt und mit ins Weiße Haus genommen. Der soeben abgelöste US-Botschafter in Brüssel, Anthony Gardner -er musste mit Trumps Angelobung Ende Jänner seinen Posten als amerikanischer Repräsentant in der EU-Hauptstadt räumen -, berichtete zu seinem Abschied Erstaunliches über Anfragen, die es zuletzt von der neuen Administration gegeben habe.

Trumps Leute hätten in Brüssel angerufen und bei den ersten Kontakten mit EU-Institutionen vor allem eine Frage immer wieder gestellt: Welches Land wird eigentlich nach Großbritannien als nächstes die Europäische Union verlassen? Ganz so, als ob es hierfür schon einen festgelegten Fahrplan, quasi eine Warteschlange beim EU-Ausgang geben würde.

Der Eindruck bei den Trump-Vertrauten, so Ex-Botschafter Gardner, "ist, dass 2017 die EU zerfallen wird". Aus seiner Sicht, also jener der Obama-Administration, sei die Trumpsche Wahrnehmung zwar "eine Karikatur" der Verhältnisse. Doch habe er, Gardner, eine Ahnung, wie Trump und sein Umfeld auf derlei Ideen kämen: "Das ist eine Wahrnehmung, die vermutlich Nigel Farage in Washington sät." Der Brexit-Betreiber und langjährige Chef der britischen EU-Austrittspartei UKIP war schon mehrmals bei Trump in dessen Trump-Tower in New York zu Besuch und wurde nach der Wahl als erster britischer Politiker von Trump empfangen. Trump und Farage, die im Turm in Manhattan über die Zukunft der EU philosophieren? Danke, da bleibe ich dann doch lieber in meiner eigenen Filterblase.

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