WAS AM ENDE BLEIBT

Metamorphose

Erich Klein | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

Vor genau zweitausend Jahren starb Publius Ovidius Naso (43 v. Chr. bis 17 n. Chr.). Zum Star der römischen Klassikerszene wurde der Landadelige aus den Abruzzen im Alter von zwanzig Jahren mit Liebesgedichten und mehr oder weniger frivolen Anleitungen zur Liebeskunst. Nach der jugendlichen Herrenreiterei waren es vor allem die zwischen 1 und 8 n. Chr. entstandenen "Metamorphosen", die Ovids Nachruhm begründeten. Kein Gegenstand der zweihundertfünfzig Verwandlungsgeschichten von der Schaffung der Welt über die der Götter bis zum Menschen, der nicht in ständiger Veränderung begriffen wäre -so intrigant, gewaltsam oder politisch inkorrekt es dabei zugehen mag. In der vielleicht bekanntesten Geschichte, der von Daedalus und Ikarus, erbaute der geniale Künstler Daedalus im Auftrag des kretischen Königs eine künstliche, brünstige Kuh sowie ein Labyrinth. Allerdings um den Preis, die Insel nicht mehr verlassen zu dürfen. Daedalus ersinnt einen Plan, "versenkte den Geist in verborgene Künstler und erneuerte kühn die Natur."

Das nach dem Vorbild der Vögel gestaltete Fluggerät für die gemeinsame Flucht mit dem Sohn hatte bekanntlich Konstruktionsfehler. Als Ikarus "vom Drang nach dem Himmel ergriffen, seinen Weg höher nahm", schmelzen die nur mittels Wachs verbundenen Flügel unter der Sonnenhitze -es kommt zum Absturz. Das Meer heißt an dieser Stelle deshalb das ikarische. Wer sich um Folgenabwägung kümmert, wird sich damit kaum zufrieden geben.

Die Episode wird üblicherweise als Prototyp für Erfindergeist gelesen - Daedalus als Anherr von Universalgenies à la Leonardo da Vinci. Moralisten und Skeptiker bevorzugen den Hinweis auf die Hybris der Technik oder des Hausverstands, die bei allen Projekten zu berücksichtigen seien. Allein, einen Schriftsteller ficht dies nicht an. Als Ovid im Jahr 8 n. Chr. auf Geheiß des römischen Kaisers Augustus an den äußersten Rand des Imperiums nach Tomi am Schwarzen Meer verbannt wird, beklagt er sein Los, am Prinzip Metamorphose hält er dennoch fest. "Ich sah den riesigen Pontus im Eis erstarren - eine schlüpfrige Eidechse drückte auf das unbewegte Wasser -und es gesehen zu haben, ist nicht genug: Ich betrat die harte Meeresfläche, und die Wellen waren fest unter meinem Fuß, ohne dass er nass wurde." Absturz, Verbannung, Alter, Tod -ach was! Verwandlung!

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