Freibrief

Postfaktisch

Florian Freistetter | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

"Postfaktisch" war das Wort des Jahres 2016 in Deutschland. Politiker in Österreich schmieden Pläne zur Eindämmung von "Fake News". Der Pressesprecher des amerikanischen Präsidenten Trump will die Medien von "alternativen Fakten" überzeugen. Veröffentlichungen der amerikanischen Umweltschutzbehörde sollen künftig vorab von politischen Mitarbeitern Trumps geprüft werden. Vermutlich in der Absicht, nicht genehme Fakten durch "alternative Fakten" zu ersetzen. Die Realität ist in letzter Zeit ziemlich wandelhaft geworden.

Das sollte den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern zu denken geben. Es gibt nur eine Welt. Es gibt nur eine Natur und nur eine Realität. In der Politik mag es üblich sein, sich eine eigene Realität zu schaffen und sie dem Wahlvolk zu präsentieren. In der Wissenschaft geht es aber nicht um Wunschdenken, sondern um den Wunsch, das zu verstehen, was tatsächlich vorhanden ist.

"Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben", hat der Autor Philip K. Dick gesagt. Trump mag glauben, dass der Klimawandel nur eine Verschwörung der Chinesen ist. Die Türkei mag die Evolutionstheorie aus den Schulbüchern streichen. Das ändert allerdings nichts an den realen Fakten. Sie belegen die Existenz des Klimawandels ebenso eindeutig wie die Existenz der Evolution.

Es sind so gut wie immer Politiker, die letztlich entscheiden, wohin Forschungsgelder fließen. Wenn diese sich nun in ihre eigenen "postfaktischen" Realitäten zurückziehen, wird es schwierig für die Wissenschaft. Wissenschaftliche Forschung muss frei sein und offen. Es geht darum, die Welt zu verstehen, so wie sie wirklich ist.

Der Klimawandel wird nicht verschwinden, nur weil ein Präsident nicht daran glaubt, dass er existiert. Die Folgen des Klimawandels werden uns alle weiterhin betreffen, egal wie viele Menschen die Erkenntnisse der Wissenschaft für eine Verschwörung halten.

Am Ende hilft in einer Welt von "alternativen Fakten" nur eines: Die Wissenschaft muss sich stärker politisch engagieren! Es reicht nicht mehr, einfach nur zu forschen. Diejenigen, die aufgrund dieser Forschung Entscheidungen treffen, müssen die Forschung auch wahrnehmen und akzeptieren.

MEHR VON FLORIAN FREISTETTER: HTTP://SCIENCEBLOGS.DE/ASTRODICTICUM-SIMPLE

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige