Die Wirklichkeit der Trance

Forscher versuchen zu enträtseln, was sich während einer schamanischen Trance abspielt

Text: Bernadette Strohmaier | aus HEUREKA 1/17 vom 22.03.2017

Die Augen halb geschlossen, fächelt sich Erika mit beiden Händen Salbeirauch ins Gesicht und über ihren Körper. Die Lichter an der Wand des Saals im Wiener Shambhala-Zentrum sind gedimmt. Vor der 58-jährigen Sprachlehrerin steht die Ritual-Leiterin Susanne Jarausch, die in ihren Händen eine große Muschelschale hält, aus der glimmende getrocknete Salbeiblätter ihren herb-würzigen Duft verströmen.

In der schamanischen Tradition dient das Räucherritual der inneren Reinigung und dem Einstimmen auf die darauffolgende Reise in die andere Realität, die Trance. Bereits in der Altsteinzeit vor etwa 30.000 Jahren sollen Jäger und Sammler schamanische Trancerituale durchgeführt haben. Ob man nach Südafrika, Nepal oder nach Neu-Mexiko blickt - auf der ganzen Welt finden sich alte Felsenbilder oder Statuetten, die von Anthropologen in diese Richtung gedeutet werden. Auch heute noch versetzen sich in vielen Völkern Menschen in Trance.

Jarausch steht mit Erika und 14 weiteren Seminarteilnehmern im Kreis um den flackernden Schein einer orangenen Kerze. Die zierliche 60-Jährige hält in jeder Hand eine Kürbisrassel, die sie in schnellem Tempo kräftig schüttelt. Das Schlagen der Steinchen gegen die trockenen Kürbisschalen dringt mit unglaublicher Lautstärke ins Hirn. Die Reise kann beginnen.

In Wien kam es zur "paradoxen entspannten Hochspannung"

Es ist das Jahr 1985: Wie Jarausch steht auch die Kulturanthropologin Felicitas Goodman rasselnd im Labor des Instituts für Psychologie der Universität Wien. Sie leitet ein von ihr gegründetes, gemeinnütziges Forschungsinstitut in Neu-Mexiko, wo sie die ekstatische Trance erforscht. Vor ihr steht ein Proband, der Metallelektroden am Kopf befestigt hat, jede durch ein Kabel mit dem Computer verbunden.

Goodman und der Psychologe Giselher Guttmann - zu diesem Zeitpunkt Ordinarius für Allgemeine und Experimentelle Psychologie an der Universität Wien -interessiert, ob der veränderte Bewusstseinszustand mittels der Elektroenzephalografie (EEG) objektiv messbar ist. Beide sind erstaunt über das Ergebnis. Guttmann wird den Zustand, der sich als Wellenmuster auf dem Bildschirm zeigt, später "paradoxe entspannte Hochspannung" nennen.

Was genau bedeutet das? Ein äußerer Reiz wie der Klang einer Rassel führt dazu, dass die Region der Hörrinde im Gehirn aktiviert wird. Die beteiligten Gehirnzellen wechseln an diesem Ort ihren elektrischen Zustand. "Genau da entsteht auch dieses Potenzial, das Abbild des Erlebten ist", erklärt Guttmann. Der 82-jährige Neuropsychologe lehrt heute an der Sigmund Freud Universität in Wien. Er meint damit das von ihm intensiv erforschte kortikale Gleichspannungspotenzial (DC-Potenzial), also die batterieartige Aufladung der Großhirnrinde. Im Schlaf nimmt dieses Potenzial um 3.000 bis 4.000 Mikrovolt ab.

"In der Rasseltrance hat sich gezeigt, dass die Negativierung steigt, und zwar weit über das, was man sonst mit Aufregung oder Stress erreicht, um 3.000 Mikrovolt. Also fast spiegelbildlich zum Einschlafen", erinnert sich Guttmann. Besonders merkwürdig war, dass am Gipfel dieser Negativierung am Computerbildschirm langsame Theta-Wellen zu sehen waren. Sie sind eigentlich für einen mitteltiefen Schlaf charakteristisch.

Trance: Wenn äußere und innere Wahrnehmung entkoppelt sind

Im Shambala-Zentrum rasselt die Ritualleiterin fünfzehn Minuten ohne Unterlass in völliger Gleichmäßigkeit. Das ist der Schlüssel zum Tor in die Trance. "Die Trance wird induziert, entweder durch monotone Geräusche, monotones Sprechen oder monotones Sehen", erklärt Henriette Walter, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie sowie Hypnose-Expertin an der Med Uni Wien. Sie beschäftigt sich mittlerweile seit mehr als dreißig Jahren mit der hypnotischen Trance als psychotherapeutische Methode.

Wenn sie in ihrer Ordination Patienten hilft, etwa von der Alkoholsucht mithilfe von Trance und Suggestion loszukommen, wendet sie das Mittel des monotonen Sprechens an. Für Walter ist die schamanische Trance jedoch "nur Geschäftemacherei. Die schamanische Trance ist nur die Art, wie man die Trance herbeiführt. Es gibt keine verschiedenen Trancen", betont sie.

Guttmann sieht den Begriff der Trance hingegen als unscharfen Oberbegriff. Durch seine Untersuchungen kam er zum Schluss, dass die hypnotische und die schamanische Trance sich in den hirnelektrischen Aktivitäten gänzlich unterscheiden. In der hypnotischen Trance verschob sich die Aufladung des Gehirns vom Basiswert um nur zwanzig Mikrovolt. Dies entspricht dem Wachzustand.

Konnte man 1985 die Aktivität des Gehirns am EEG-Gerät sichtbar machen, so ist es der Wissenschaft heute möglich, mittels der funktionellen Magnetresonanztomografie (fMRT) eine Landkarte der bei einer Trance aktiven Hirnareale zu zeichnen.

Eine Forschergruppe rund um Michael J. Hove von der Harvard Medical School in den USA ließ in einer im Jahr 2015 veröffentlichten Studie 15 Schamanen aus Österreich und Deutschland in einer MRT-Röhre in Trance fallen. Dazu wurde über Kopfhörer ein regelmäßiger Trommelrhythmus vorgespielt.

Die Wissenschafter konnten nachweisen, dass in der schamanischen Trance Gehirnbereiche des Ruhezustandsnetzwerks stärker mit Gehirnbereichen des sogenannten Kontrollnetzwerks verbunden sind. Das Ruhezustandsnetzwerk im Hirn unterstützt die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit, also wenn jemand an sich selbst denkt oder Fantasiereisen unternimmt. Das Kontrollnetzwerk koordiniert das Zusammenspiel verschiedener Gehirnregionen, um eine bestimmte Tätigkeit ausführen zu können.

Die Koppelung dieser beiden Netzwerke bedeutet, dass "der innerlich orientierte neurale Informationsstrom verstärkt wird", sagt der Mitautor Johannes Stelzer, Gastwissenschafter am Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen. Auf der anderen Seite fanden die Wissenschafter heraus, dass neuronale Netzwerkknoten, die für das Weiterleiten des Trommelklangs im Gehirn verantwortlich sind, weniger verbunden sind.

Dieses Ergebnis deuten die Forscher dahingehend, dass während der Trance äußere und innere Wahrnehmung entkoppelt sind. Ist das bei der hypnotischen Trance anders? Der Neurophysiker Stelzer meint hierzu, dass es "grundsätzlich schon wichtige Gemeinsamkeiten zwischen hypnotischer und schamanischer Trance gibt. Diese liegen vor allem darin, dass beide Zustände sehr stark aufmerksamkeitsorientiert sind. Jedoch ist die Aufmerksamkeit in der schamanischen Trance eher weg von der Umwelt gerichtet." In der Hypnose werden äußere Signale - ein Hypnotiseur spricht mit seinem Klienten -stärker berücksichtigt.

Die Trance kann Wirklichkeit verändern - wie ein Placebo

Nach Ende des Rasselns schildert die gebürtige Baden-Württembergerin Erika in bunten Bildern von ihrem Trance-Erlebnis. Sie war ein schwarzer Panther, der in einem Regenwald spazierte. "Und dann kam unglaublich viel Körperhitze in mir auf. Als würde ich platzen, so heiß war es mir. Ich habe auch sehr viel gehört, diese vielen Tierstimmen, das Rauschen von Luft und das Surren der Hitze."

Die Trance ist Teil ihres Lebens. Vor neun Jahren war sie schwer krank und hat damals begonnen, in Trance zu gehen. "Ich habe das Gefühl gehabt, ich brauche einfach andere Botschaften von einer anderen Wirklichkeit, die mich umgibt", erinnert sie sich.

Für die Hypnose-Expertin Walter ist die schamanische Trance in dieser Hinsicht "prinzipiell eine gute Idee. Beim Schamanismus geht es aus meiner Sicht hauptsächlich um das Ritual. Wenn der Heiler in dem magischen Umfeld heilt, dann haben Sie Placebo-Effekte in bis zu 40 Prozent der Fälle. Das gibt es ja auch in der Medizin."

Waren der Panther, die Hitze und die Tierstimmen im Regenwald, die Erika wahrgenommen hat, aber auch Realität? "Natürlich", antwortet Guttmann, auch Mitbegründer des Konstruktiven Realismus. "Bewusstsein ist Realität. Die Dualität zaubern wir hinein."

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