: GEOWISSENSCHAFTEN

Die große Rechnung Klimaforschung erreicht den Kleinwaldbesitz

Ob Quelle oder Senke - der Wald(-boden) ist voller Kohlenstoff. Dieser wird durch den Klimawandel immer mehr. Darum reagieren Forstwissenschafter auf neue Entwicklungen im Wald

aus HEUREKA 2/17 vom 26.04.2017

Es wird wärmer in Österreich. Auch wenn wir gerade den strengsten Winter seit 1987 hinter uns haben, steigen die Temperaturen allmählich an. In den vergangenen Jahrzehnten hat die mittlere Temperatur um etwa zwei Grad Celsius zugenommen - und dieser Trend setzt sich fort.

Hauptverantwortlich für diesen Klimawandel sind Emissionen verschiedener Verursacher von Treibhausgasen in die Atmosphäre, allen voran Kohlendioxid (CO2). Um einen weiteren Anstieg der Temperaturen zu verhindern, ist eine Verringerung der Treibhausgasemissionen nötig.

Bei der Stabilisierung dieser Emissionen spielt der Wald eine zentrale Rolle: Etwa eine Milliarde Tonnen Kohlenstoff ist in Österreichs Wäldern gespeichert, davon vierzig Prozent in der Biomasse und sechzig Prozent im Boden.

"Der Waldboden ist ein ungestörtes Ökosystem", sagt Robert Jandl vom Fachbereich Klima-Forschungskoordination des Instituts für Waldökologie und Boden am Bundesforschungszentrum für Wald. Da Waldböden im Gegensatz zu Ackerböden nicht regelmäßig umgepflügt werden, bilden Bodenfauna und -flora ein natürliches Gleichgewicht.

Durch den Klimawandel wachsen Bäume besser

Wie gehen Wald und Boden mit höheren Temperaturen um? "Eine unmittelbare Konsequenz der Erwärmung ist die Verlängerung der Vegetationsperiode", so Jandl. "Diese Zeit des Pflanzenwachstums ist derzeit um etwa zwei Wochen länger als noch vor nur zwanzig Jahren." Die Bäume wachsen daher besser als früher, solange gleichzeitig ausreichend Nährstoffe und Wasser zur Verfügung stehen, wie es in den meisten Bergregionen Österreichs der Fall ist.

Der Klimawandel verändert aber auch das Verhältnis von Input zu Output an organischer Substanz. Einerseits gelangt von größeren Waldbeständen mehr organische Substanz, also Kohlenstoff, als Streufall (etwa Laub und Zweige) zu Boden. Andererseits wird diese aber auch schneller abgebaut.

Für die österreichische Treibhausgasbilanz ist nun entscheidend, ob der Wald eine Quelle oder eine Senke von Kohlendioxid ist. Durch die verlängerte Produktionszeit der Bäume entsteht zwar mehr Biomasse, die Kohlendioxid aufnehmen kann - das macht den Wald zu einer Kohlenstoffsenke. Die steigenden Temperaturen führen aber auch zu einer höheren biologischen Aktivität der Mikroorganismen im Boden, wodurch die organische Substanz wieder freigegeben wird - dadurch wird der Wald zu einer Kohlendioxidquelle. Die gute Nachricht: Derzeit gilt der Wald in Österreich als Senke.

Brauchen wir mehr Wald? Was heißt das für das Landschaftsbild?

Braucht Österreich also mehr Wald? "Durch die Wärme wächst der vorhandene Wald schneller", resümiert Jandl. "Die Waldfläche nimmt außerdem zu, weil durch den gesellschaftlichen Strukturwandel landwirtschaftliche Flächen aufgeforstet werden. Eine positive Entwicklung aus Sicht des Klimaschutzes. Allerdings wird sich zum Beispiel die Baumart Fichte bei der klimatischen Anpassung wesentlich schwerer tun." Aus landschaftsökologischer Perspektive ist eine Vergrößerung des Waldanteils von derzeit 48 Prozent an der Gesamtfläche Österreichs weniger wünschenswert. Denn dadurch können durchaus schützenswerte Lebensräume wie Flure und Waldränder verlorengehen. Sie tragen zur ökologischen, aber eben auch zur ästhetischen Diversität unserer Landschaft bei.

Bereits angepasst an den Klimawandel wird die Form der professionellen Waldbewirtschaftung. So haben die Wahl der Baumarten, die Dichte der Waldbestände und die Umtriebszeit, das heißt der Zeitraum von der Begründung eines Waldes bis zur Ernte durch Holzeinschlag, einen erheblichen Einfluss auf die Speicherung von Kohlendioxid in Waldböden.

Eine weitere große Herausforderung für die Experten ist die Frage, wie es gelingen kann, all diese Maßnahmen auch an die Kleinstwaldbesitzer heranzutragen. Immerhin besitzen sie die Hälfte der Waldfläche in Österreich. Das ist freilich keine leichte Aufgabe. Deshalb ist bei der Umsetzung klimaschonender Maßnahmen im Kleinwaldbesitz nicht nur Geduld gefragt, sondern auch der richtige Informationskanal, durch den die klimarelevanten Themen die einzelnen Waldbesitzer erreichen (siehe auch Seite 20).

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