Wo kein Gras mehr wächst

Niemand in Europa verbraucht so viel Boden wie wir Österreicher. Das kann fatale Folgen haben

Text: Jochen Stadler | aus HEUREKA 2/17 vom 26.04.2017

Österreich ist Europameister beim Verbrauch von Boden. Jeden Tag gehen hierzulande 16 Hektar landwirtschaftlicher Fläche durch Bauvorhaben, Siedlungen und Straßen verloren. Etwa die Hälfte davon wird zubetoniert, asphaltiert oder überbaut und damit versiegelt. Der Rest bleibt als Nebenfläche, Garten oder Grünstreifen erhalten, erklärt Christian Steiner von der Fachabteilung Landentwicklung der Niederösterreichischen Agrarbezirksbehörde.

16 Hektar entsprechen ungefähr der Fläche von 22 Fußballfeldern und beinahe der Größe eines durchschnittlichen landwirtschaftlichen Betriebs in Österreich. So viel Grund wird der österreichischen Landwirtschaft also täglich entzogen. Im Jahr summiert sich das auf rund 60 Quadratkilometer. Das ist etwa die doppelte Fläche von Bregenz, eineinhalb Mal die Stadt Salzburg oder Eisenstadt. Zum Vergleich: Mit 70 Hektar pro Tag ist in Deutschland, bezogen auf die Fläche des Landes, der Bodenverbrauch recht ähnlich, pro Kopf jedoch nicht einmal halb so hoch. Die Flächeninanspruchnahme der Österreicher ist also formidabel.

Fehlt uns in zwanzig Jahren Ackerfläche zur Ernährung?

"Noch dazu wird vor allem auf den fruchtbarsten Böden des Landes gebaut", sagt Karl Kienzl vom Umweltbundesamt. Viele Siedlungen sind historisch entlang von Gewässern entstanden, die fruchtbare Schwebund Nährstoffe aus den Alpen lieferten. Die Donau zum Beispiel lagerte im Wiener Becken viele Sedimente ab, die wirklich gute Böden ergaben, weil sie hier langsamer floss, mäanderte und viele Nebenarme hatte. Die wertvollen Böden sind nun durch die Stadt, die sich immer weiter ausdehnt, versiegelt.

Anderswo in Österreich stehen viel weniger hochwertige Flächen zur Verfügung, die bewirtschaftet werden können. "Immerhin sind Wälder tabu", so Steiner. Vom strengen, bundesweit geltenden Forstgesetz geschützt, dürfen sie nur in Ausnahmefällen entfernt werden. "Wenn man irgendwo rodet, muss man in der Regel auch im selben Ausmaß oder sogar mehr an anderer Stelle aufforsten."

Der verbaute Boden fehlt etwa, um Nahrungs-und Futtermittel herzustellen. "Weltweit ist die Ackerlandfläche pro Kopf von 5.000 Quadratmetern in den 1950er Jahren auf die Hälfte zurückgegangen", erklärt Steiner. Das sei einerseits dem massiven Bevölkerungswachstum geschuldet, aber auch dem Verlust von Fläche durch Bodendegradierung, Winderosion, Versalzung oder eben Verbauung. "Ich wage zu prophezeien, dass wir in 15 bis 20 Jahren in Europa ein Problem mit der Nahrungsversorgung haben werden, wenn wir weiterhin landwirtschaftlich wertvolle Böden vergeuden", sagt auch Karl Kienzl vom Umweltbundesamt. Derzeit würden besonders Futtermittel aus anderen Weltregionen importiert, die oft schlechtere, nährstoffärmere Böden haben. Von dort stammt etwa Soja für die heimische Fleischund Milchproduktion. In den Schwellenländern, aus denen wir Futtermittel beziehen, ändert sich allerdings das Konsumverhalten, da der Fleischverbrauch ansteigt, wobei man für dessen Produktion viel mehr Bodenfläche als für den Ackerbau benötigt.

Aufwertung von Ortskernen statt Besiedelung von Wald und Wiesen

Unverbauter Boden ist ein wichtiger Wasserspeicher. "Ein gesunder Boden kann pro Kubikmeter je nach seiner Struktur 200 bis 400 Liter Wasser aufnehmen", so Kienzl. Auf einen Hektar hochgerechnet sind das zwei bis vier Millionen Liter. Bei der aktuellen Neuversiegelung von rund sieben Hektar pro Tag würde man also täglich Speicher für etwa 20 Millionen Liter Wasser verbauen. Diese Speicherkapazität könnte bei der nächsten Hochwasserepisode fehlen. Auch für das Klima sind die Böden entscheidend. Weltweit speichern sie dreimal so viel Kohlenstoff (und damit potenzielle Treibhausgase) wie die Vegetation und doppelt so viel wie die Atmosphäre (siehe auch Seite 8).

Die Experten berichten jedoch auch von einer leichten Verbesserung der Situation in Österreich. War im "Jahr des Bodens" 2015 der Verbrauch von zuvor 22 auf 19 Hektar pro Tag zurückgegangen, sind es heute 16 Hektar. Zum einen kommen etwa in Niederösterreich große Infrastrukturprojekte wie die Hochleistungsbahntrasse und die Autobahn im Weinviertel, die viel Boden beanspruchen, zum Abschluss. Andererseits findet ein Umdenken statt: Boden wird mehr und mehr als wertvoll erachtet. Auch politische Maßnahmen zeigen Wirkung. "Es tut sich etwas, aber das Tempo muss sich erhöhen", meint Steiner. Von den angestrebten und ökologisch vertretbaren 2,5 Hektar Bodenverlust pro Tag sei man immer noch sehr weit entfernt, konstatiert Kienzl.

Deshalb sei es wichtig, den Boden systematisch mit strategischen Flächenschutzplänen vor dem Verbrauch zu bewahren. Derzeit breiten sich Ortschaften noch zu häufig für Einfamilienhäuser, Gewerbeparks oder Einkaufszentren auf die benachbarten Wälder und Wiesen aus. Auch findet in Österreich bei Supermärkten und Einkaufszentren ein Verdrängungswettbewerb statt, der zu einem sehr hohen Leerstand von jung verbauten Flächen führt.

Statt Boden an den Ortsrändern zu verbrauchen, wäre es sinnvoller, in den Zentren zu verdichten und Brachflächen sowie Leerstände wieder zu beleben. Freilich ist ein Grundstück mitten im Ort für viele Betriebe und Privatpersonen oft wegen bestehender Bebauung und anderen Altlasten zunächst wenig attraktiv. Darum seien finanzielle Förderungen sinnvoll. "Das Geld, das man einspart, wenn man keine neuen Flächen mit teuren Kanal-, Strom- und Straßennetzen ausstatten muss, kann für den innerörtlichen Ausbau verwendet werden", so Kienzl. Damit würde man zugleich die Zentren der Gemeinden beleben.

In Silz und Lienz (Tirol) zum Beispiel wurden die Ortskerne reanimiert. Silz ließ ungenutzte Bauernhöfe und Stadel in Wohnhäuser umbauen und renovierte leerstehende Wohnungen. Diese Maßnahmen schufen eine neue Lebensqualität.

Die Lienzer Kaufleute wiederum wehrten sich gegen ein neues Einkaufszentrum, indem sie mit gemeinsamen Öffnungszeiten, Plakaten und anderen Aktivitäten aufzeigten, dass es im Ortskern bereits ausreichende Einkaufsmöglichkeiten gibt. Es wurden neue Gehwege und eine verkehrsberuhigte Zone geschaffen. Die Stadt ersparte sich damit hohe Erschließungskosten und die Bevölkerung Staus vor dem Einkaufszentrum sowie Emissionen durch zusätzlichen Verkehr.

Versiegelt heißt nicht auf immer verloren - aber Humus braucht Zeit

Oft brauchen aber die Bürgermeister von Bund und Ländern bessere Instrumente und Unterstützung, meint Steiner. Die Nachnutzung von Brachflächen sollte finanziell gefördert und das Freihalten von wertvollen Flächen belohnt werden.

"Wenn ein Bürgermeister einen Gemeindepark bauen lässt, bringt ihm der Steuern. Verzichtet er darauf, sollte dies kompensiert werden", sagt Kienzl. Derzeit ist auch die Gesetzgebung dafür verantwortlich, dass Änderungen nicht allzu flott stattfinden.

"In Österreich ist der Bodenschutz Ländersache. Das heißt, es gibt neun verschiedene Bodenschutzgesetze, und der Bund hat natürlich auch noch etwas mitzureden", erklärt Steiner. Allerdings gäbe es auch schon etliche grenzüberschreitende Projekte und Aktivitäten.

"Den sogenannten makroregionalen Strategien der Europäischen Union fehlt zwar manchmal etwas Bodenhaftung, aber wir versuchen immer wieder, sie mit konkreten Aktivitäten auf den Boden zu bringen", meint Steiner. Zum Beispiel mit dem "Europäischen Bodenbündnis", einer Vereinigung von Gemeinden und Städten zur Stärkung des Bodenbewusstseins und zum Bodenschutz. Sie ist derzeit in zehn europäischen Staaten vertreten.

Man müsse einen einmal versiegelten Boden auch nicht für immer verloren geben, erläutert Kienzl. Beton-und Asphaltflächen sind durchaus wieder entfernbar. Auf dem, was darunterliegt, müsse man aber direkt Bodenmaterial aufbringen, denn es braucht sonst viel zu lange, bis von selbst wieder etwas wächst. "Bis nach einer Bodenverbauung oder -erosion wieder eine neue, einen Zentimeter dicke Humusschicht gebildet wird, dauert es etwa hundert Jahre."

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