Boden bringt Farbe ins Leben

Der Boden gewinnt Bedeutung auch durch die Verbindung von Naturwissenschaft und Kunst

Text: Sonja Burger | aus HEUREKA 2/17 vom 26.04.2017

In Rudice, einer kleinen tschechischen Gemeinde im Mährischen Karst, erinnert nur mehr wenig an den Eisenerzbergbau: ein Museum und einige aufgelassene Gruben. Die österreichische Künstlerin mit slowakischen Wurzeln, Irena Ráček, wird dort bei ihren Spaziergängen fündig. Sie sammelt Erdklumpen. Deren Farbpigmente, gemischt mit natürlichem Bindemittel, ergeben Erdfarben, mit denen sie künstlerisch seit mehr als 30 Jahren arbeitet. 2010/2011 leitete sie das "Erdfarben Kreativzentrum" am Heldenberg in Kleinwetzdorf. "Das Ergebnis, wenn man Erde mit Tubenfarben mischt, hat mich nicht überzeugt. Deshalb recherchierte ich in historischen Quellen nach alten Farbrezepten und fragte nicht nur Künstlerkollegen, sondern auch Archäologen", erinnert sich Ráček.

Faszination für Rot hat Tradition

Die Öffnung hin zur Archäologie veränderte ihre eigene Sichtweise auf das Bodenmaterial. Ihre Lieblingsfarbe "roter Ocker" hat eine interessante Geschichte: Archäologische Funde zeigten, dass rote Erde, woraus dieses Farbpigment gewonnen wird, eine rituelle Bedeutung hatte. So war etwa die Venus von Willendorf ursprünglich rot bemalt. In einem rund 30.000 Jahre alten Doppelgrab bei Krems-Wachtberg waren die Skelette der Säuglinge mit roter Erde bedeckt. "Für mich ist roter Ocker die Farbe des Lebens, ehr kraftvoll und dynamisch", betont Ráček.

Naturwissenschaftlich betrachtet entsteht die gelbe bis rote Färbung von Boden durch die Eisenoxide Hämatit (rot) und Goethit (gelbbraun). Auch das Klima spielt eine wichtige Rolle. "Böden besitzen je nach Klimazone unterschiedliche Farben mit teils intensiver Brillanz. Leuchtend rote Böden in verschiedensten Variationen findet man in immerfeuchten Tropen. Für Europäer sind diese Farbeindrücke oft überwältigend. So hat auch der französische Maler Paul Gauguin oft Frauen vor diesem tropischen Hintergrund gemalt und so neue Eindrücke vermittelt", erklärt Winfried E. H. Blum. Seit den 1970ern sammelt der Professor für Bodenkunde an der BOKU Wien Bilder mit Boden- und Landschaftsmotiven, u.a. aus Brasilien, und pflegt enge Kontakte zur Künstlerszene.

Malkasten mit Erdfarben? Ja, gibt es!

Rote, braune, schwarze Erde bis hin zu Terra -Bodentypen und sogar der Stadtboden bilden die Basis für den Malkasten "... mit den Farben der Erde". Er entstand im Rahmen des grenzüberschreitenden EU-Projekts "Malen mit den Farben der Erde" zwischen Österreich und Tschechien. Die Idee dahinter: Über die Malerei die Bedeutung des Bodens vermitteln und Menschen für einen verantwortungsvollen Umgang damit sensibilisieren.

Der Erdfarben-Malkasten ermöglicht das Malen mit Erdfarben einem größeren Publikum, auch Kindern. Entwickelt hat ihn Michael Pollak, Experte für Recycling und Baustoffe sowie Geschäftsführer der Firma "wpa Beratende Ingenieure". Die Idee dazu entstand zufällig, war aber vom Recycling-Gedanken getragen und hängt mit der Analyse von Korngrößen zusammen. "Will man wissen, auf welche Größenklassen sich die Bodenteilchen verteilen, gibt man die Probe in einen Siebturm, der auf einer Rüttelplatte steht. So werden die Korngrößen getrennt und anschließend gewogen, um den prozentuellen Anteil zu bestimmen. Danach wird das Bodenmaterial entsorgt", sagt Pollak. "Und das Wegwerfen fand ich schade." Die Färbung des Bodens ist wie der Anteil verschiedener Partikelgrößen ein wichtiger Indikator, um die Bodeneigenschaften naturwissenschaftlich zu beschreiben. Das allein schafft aber keinen emotionalen Zugang.

Die Idee, diese Reste zu einem Erdfarben-Malkasten zusammenzustellen, kam ihm im Rahmen der niederösterreichischen Bodenschutzkampagne. Pollak realisierte, dass man Boden zwar greifen und mit der Fingerprobe den Anteil an Sand, Schluff und Ton abschätzen kann, in seiner Komplexität lasse er sich aber nie zur Gänze begreifen. Die künstlerische Auseinandersetzung hilft jedoch dabei.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Einer, der sich damit besonders gut auskennt, ist der Bodenkundler und Künstler Gerd Wessolek vom Fachgebiet Standortkunde und Bodenschutz an der TU Berlin. Auch er sammelte Bodenproben und hatte eine Idee: "Ich teilte mir mit Künstlern ein Atelier. Einmal stellte ich eine Kiste voller Bodenproben ins Atelier mit einem Zettel, dass sich jeder bedienen kann. Drei Wochen später lud ich sie zum Austausch darüber ein, was daraus entstanden ist. So kam es zur Künstlergruppe ,bodenlos'", erinnert sich Wessolek.

Daraus gingen Kunstwerke zu Boden und Erde hervor, die etwa Strukturen, die von Bodenlebewesen stammen, behandelten. Über Kunst sowie Vorträge in der wissenschaftlichen Community zeigte er die Notwendigkeit auf, sich als Disziplin für die Kunst zu öffnen. "Bodenkunde hat auch ästhetische, gefühlsbetonte Aspekte. Wir haben uns daran bei der Arbeit erfreut, aber nie darüber gesprochen. Die Schönheit von Böden ist für uns motivierend. Eine publikumswirksame Kommunikation darüber gab es jedoch nicht. Das hat sich fundamental geändert", sagt Wessolek. Mit seinem Experiment hat er die Kunstrichtung "Soil-Art" oder "Boden-Kunst" begründet. Rund ein Dutzend Künstler haben sich dieser speziellen Form von Land Art bis dato verschrieben, etwa die US-amerikanische Bodenkundlerin Alexandra Regan Toland.

Emotionen für den Boden wecken

Die kreative Beschäftigung mit Boden hat einen Veränderungsprozess eingeleitet. Bei den Bodenkundlern wurde viel stärker als früher die gesellschaftliche Relevanz von Boden zur Sprache gebracht. Das stößt neue Forschungsfragen an und setzt Aktionen in Gang, die viele Menschen emotional erreichen möchten, um sie für Bodenschutz zu sensibilisieren. Auch Künstler haben sich dem in der jüngeren Vergangenheit angeschlossen. Sie entdecken im Boden aber eine weit größere Deutungsvielfalt als die Bodenwissenschaft. Künstler verbinden mit Boden oft politische oder gesellschaftskritische Themen, etwa "Heimat".

Diese Verknüpfung beschäftigt auch den renommierten österreichischen Künstler Lois Weinberger. Er setzt sich seit den 1970ern mit den Natur-und Zivilisationsräumen auseinander und ist heuer zur documenta 14 eingeladen, wo er einen ästhetischen Bezug zu Grabungsprozessen herstellt: "Der Unterschied zwischen einem Wissenschafter und einem Künstler liegt auch in der Risikobereitschaft in der Sicht der Realität gegenüber. Der Boden bzw. die Erde und im Weiteren auch der Begriff Heimat wurden und werden für ausgrenzende Ideologien missbraucht. Mein Begriff ist ein offener, von ökologischen bis zu poetisch-politisch-kulturellen Prozessen. Diese Hintergründe sind auch Teil der Ästhetik meiner Arbeit."

Wie Boden in der Kunst und von Künstlern wahrgenommen wird, hat sich gewandelt. Das erklärt Winfried E. H. Blum von der BOKU so: "In der darstellenden Kunst, vor allem in der Malerei, hat Boden einen Bedeutungswandel von Nützlichkeit im Sinne von biologischer Produktivität hin zu Ästhetik und künstlerischer Gestaltungsmöglichkeit erfahren. Erst in den letzten zehn Jahren kommen ästhetische Aspekte stärker zur Geltung."

Das Interesse an Boden kann somit faktenorientiert, künstlerisch motiviert oder beides sein. Denn: Ein Stück Boden ist mehr als ein Erdklumpen, denn es bringt Farbe ins Leben.

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