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Fundamente

Florian Freistetter | aus HEUREKA 2/17 vom 26.04.2017

Fundamente sind der Boden, auf dem alles andere ruht. Das gilt auch in der Wissenschaft. Wie man sich als Bewohner eines Hauses selten Gedanken über den Boden darunter macht, neigt man auch bei der Betrachtung von Wissenschaft dazu, die Fundamente zu vergessen. In den Medien wird über große Entdeckungen berichtet, Neues und Spektakuläres. Gut so, denn das sind immerhin jene Ergebnisse, die die Wissenschaft vorwärts bringen. Sie stehen an der Spitze unserer Erkenntnis - aber damit es eine Spitze geben kann, muss darunter auch ein Fundament sein.

Im Februar hat die NASA die Entdeckung der sieben erdähnlichen Planeten des Sterns TRAP-PIST-1 bekannt gegeben. Sie sind zwar nicht wirklich der Erde ähnlich, wichtig und spektakulär war die Entdeckung aber trotzdem. Das zeigt sich auch in den zahlreichen Medienberichten.

Wesentlich weniger wird hingegen über die Weltraummission GAIA informiert. Dieses Teleskop fliegt seit 2013 durchs All und vermisst die Sterne unserer Milchstraße. Ungefähr eine Milliarde Sterne will man am Ende der Mission beobachtet haben. Der aus diesen Daten entstehende Sternenkatalog wird tausendmal umfangreicher sein als alle bestehenden - und dennoch "nur" ein Katalog sein. Kataloge, Datenbanken und ähnliche Archive sind in den Augen der Öffentlichkeit nicht sonderlich spektakulär.

Eine ungerechte Wahrnehmung, denn Kataloge wie der von GAIA bilden ein Fundament, das Entdeckungen wie die der Planeten von TRAPPIST-1 erst möglich machen. Wenn man nicht ausreichend genaue Daten über die Sterne hat, kann man dort auch nichts entdecken. Das gilt für die Astronomie wie für alle Wissenschaften: Die Beschäftigung mit den Fundamenten ist selten so sexy wie die Überschreitung von Grenzen. Aber die Forscherinnen und Forscher, die sich dieser undankbaren Aufgabe widmen, machen die spektakulären Erfolge anderer erst möglich.

Ein ausgewogener Wissenschaftsjournalismus sollte daher nicht nur auf die dramatischen Entdeckungen und die damit leicht zu produzierenden Schlagzeilen achten, sondern auch den Blick auf die Fundamente werfen und der Öffentlichkeit klar machen, dass dort ebenso wichtige Forschung stattfindet.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs.de/astrodicticum-simple

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