Wie frei ist die moderne Universität?

Was Hochschulautonomie bedeuten könnte, erklärt der Soziologe Rudolf Stichweh

Interview: Werner Sturmberger | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Universitäten, wie wir sie heute kennen, sind verhältnismäßig jung

Rudolf Stichweh: Die moderne Universität des 19., 20. und 21. Jahrhunderts beruht auf der Loslösung aus kirchlichen, später aus staatlichen Strukturen und den damit einhergehenden Einschränkungen. Erst wenn diese zurücktreten, können die Universitäten zu ihrer modernen Form finden. Man darf nicht vergessen, dass die Universität aus einer kirchlichen Matrix heraus entstanden ist: In Europa waren die Universitäten Teil der Kirchenorganisation, wenn auch mit Privilegien. Die lateinamerikanischen sind von katholischen Orden gegründet worden, die nordamerikanischen später von protestantischen Denominationen. Teilweise sind diese Verflechtungen erhalten geblieben. In den meisten Fällen ist die Einbettung aber verschwunden. Während in fast allen gesellschaftlichen Funktionssystemen universitär ausgebildetes Personal die Führungspositionen besetzt, verliert die Uni in ihrem ältesten Bezugssystem, der Religion, an Bedeutung. Es existieren heute viele religiöse Gemeinschaften, deren Geistliche nicht im Medium von Wissenschaft an Universitäten ausgebildet werden. Das ist nachteilig: Es wäre besser, der Streit der Weltreligionen würde an Universitäten und nicht auf Schlachtfeldern ausgetragen.

Hat der Staat die Religion als Regulativ der Universitäten abgelöst?

Stichweh: Wenn man sich das Europa des 18. und 19. Jahrhunderts vergegenwärtigt, fällt auf, dass die religiösen Wissenssysteme zunehmend weniger in der Lage waren zu bestimmen, was gedacht und erforscht werden kann. Auch die ethischen Imperative, die in Universität und Wissenschaft hineinwirken, sind heute teilweise unabhängig von Religion. An die Stelle der Religion sind der Staat, andere Funktionssysteme und die Gesellschaft in der Pluralität ihrer Interessenlagen getreten. Alle diese sind wichtige Umwelten der Universität.

Bisher haben wir über Kirche und Staat gesprochen. Wann tritt die Ökonomie auf den Plan?

Stichweh: Es ist auffällig, dass die Universität viele Jahrhunderte so gut wie keine Beziehungen zur Wirtschaft unterhalten hat. Die Professionen, deren Ausbildung den Unis oblag wie Ärzte, Theologen und Juristen waren alle primär nicht über Erwerbszwecke bestimmt. Es waren vielmehr wissensbasierte Eliteberufe. Die Kopplung der Universitäten an diese Berufe erklärt auch, warum das Verhältnis von Universität und Wirtschaft lange Zeit nicht sonderlich eng war. Das änderte sich im 19. und 20. Jahrhundert. Ein Auslöser dafür ist das Entstehen der Ingenieurwissenschaft an den Hochschulen. Mittlerweile ist die Wirtschaft massiv wissenschaftsabhängig geworden. Das hat aber kaum irgendwo zu eigenständigen, wirtschaftsbestimmten Universitätsgründungen geführt. Hingegen sind die Unternehmen mit ihren Forschungslabors zu mächtigen Akteuren im Wissenschaftsbereich geworden.

Unternehmen sind mittlerweile oft wichtige Kooperationspartner. Sind Hochschulen auch ideell von der Ökonomie geprägt? Mit dem Bologna-Prozess haben ja auch Ideen wie die "unternehmerische Universität" Einzug gehalten

Stichweh: Der Kern von Bologna ist nicht die Verpflichtung auf Sparsamkeit, wie sie etwa für den Staatshaushalt angemahnt wird. Bologna bedeutet im Wesentlichen eine stärkere Strukturierung und Verschulung des Studiums, eine sehr viel geordnetere Abfolge von mehr Prüfungen und Präsenzstudium, was einer Idee von Beruflichkeit geschuldet ist. Das spiegelt zugleich die neue soziale Realität der Massenuniversität wider. Die Studierenden der vormodernen Universitäten konnten einen Beruf ergreifen, hätten aufgrund ihres Standes aber vielfach ohne Beruf standesadäquater gelebt. Heute hingegen ist der erfolgreiche Studienabschluss in allen OECD-Ländern mit einer enormen Bildungsprämie, d. h. mit einem großen komparativen Vorteil im Lebenszeiteinkommen verknüpft.

Wenn man die Anforderungen des Arbeitsmarktes betrachtet - Selbstverwirklichung im Beruf, Unternehmen,die kreative und motivierte MitarbeiterInnen verlangen -, wirkt das System Bologna dann nicht antiquiert bzw. kontraproduktiv?

Stichweh: Das ist eine interessante Frage: Ist die Universität so überreguliert, dass sie die Kreativität der künftigen Studierenden einschränkt? Das müsste man sich fallweise für einzelne Curricula ansehen. Ich denke nicht, dass es darauf eine eindeutige Antwort gibt.

Wieviel bleibt von Artikel 17 des österreichischen Staatsgrundgesetzes: Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei? Ist das nur ein frommer Wunsch?

Stichweh: In vielen Verfassungen findet man diesen oder einen ähnlichen Passus. Während die Freiheit der Wissenschaft fast immer genannt wird, wird die Freiheit der Lehre nicht immer angeführt. Autonomie ist zunächst einmal ein allgemeiner Grundsatz moderner Funktionssysteme und natürlich real. Im Fall der Universitäten ist sie eine Folge der Herauslösung aus den kirchlichen Strukturen und der Staatsverwaltung. Es gibt interessante Parallelen, man denke etwa an Zentralbanken und Verfassungsgerichte. Diese sind wie Universitäten rechtlich oder verfassungsrechtlich abgesicherte Expertenorganisationen, die einen gesellschaftlichen Teil-und Politikbereich verwalten, statt dass es die Politik selbst tut.

Wie würden Sie den Unterschied zwischen Freiheit und dem neueren Begriff der Hochschulautonomie beschreiben?

Stichweh: Freiheit meint primär die Freiheit von etwas. Autonomie ist rein begrifflich schon anders geschnitten: " Nomos" steht für die Regelung von etwas, als "Autonomie" dem Wortsinn nach für eine selbstbezügliche Regelung. An den Universitäten lassen sich diese Autonomisierungsprozesse gut beobachten. Der Staat finanziert die Universitäten. Diese sind dadurch aber nicht im Einzelnen festgelegt, sondern verfügen über Gestaltungsspielräume, da der Staat nicht über eine hinreichende Expertise verfügt, um diese Spielräume selbst ausfüllen zu können. Die Universität ist in der Folge gut beraten, sich nach Möglichkeit mit vielen anderen Institutionen zu verknüpfen, nicht nur mit dem Staat oder der Wirtschaft, um ihre Abhängigkeiten von Fremdinstanzen zu diversifizieren. Das erlaubt es, Risiken zu minimieren und Abhängigkeiten strategisch gegeneinander auszuspielen.

Zeigt der Fall der Central European University in Budapest nicht gerade, dass den Autonomisierungsbestrebungen Grenzen gesetzt sind?

Stichweh: Jein. Die CEU ist eine Privatuniversität, die vermutlich keine Zuschüsse vom ungarischen Staat erhält. Es steht der CEU frei, beispielsweise nach Wien zu gehen und sich derart, weil sie eine globale Institution ist, dem Zugriff Orbans zu entziehen. Ich vermute, George Soros, ihr Gründer, will das in diesem Fall nicht. Aber das gab es bereits im Mittelalter, dass Universitäten, die unter widrigen Bedingungen arbeiteten, sich "zu einem neuen Herrn setzen".

Welche Entwicklungen im Kontext der Universitäten erscheinen Ihnen im Moment besonders bedeutsam?

Stichweh: Die wichtigste Entwicklung im Universitätswesen ist, global betrachtet, nach wie vor der Aufbau der Universitäten in jenen Regionen, in denen die Universität noch keinen bedeutenden Stellenwert hat: Also der Ausbau des Universitätswesens in Afrika oder im Nahen Osten und die Inklusion relevanter Bevölkerungsanteile in die Universität. Darüber hinaus sehe ich eine andere Schlüsselfrage. Die Universität ist weltweit derart erfolgreich, dass die Kluft zwischen denen, die dort waren, und denen, die keine universitäre Ausbildung aufweisen, immer größer wird. Universität und Schule sind vielleicht die wichtigsten Ungleichheitsgeneratoren der gegenwärtigen Weltgesellschaft. Der Aufbau eines lückenlosen Netzwerks von Formen der Ausbildung weit über die Universität hinaus und zugleich unter Einschluss der universitären Institutionen und ihrer Kompetenz ist deshalb wohl die größte Herausforderung.

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