: FREIBRIEF

Mehr Freiheit!

Florian Freistetter | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Ich war eigentlich völlig ungeeignet für das Studium, das ich mir 1995 ausgesucht habe. Nach der Matura wollte ich Astronomie studieren, war jedoch in Mathematik der schlechteste der Klasse. Hätte es Zulassungsbeschränkungen gegeben, wäre ich nie zu meinem Studium gekommen. Aber die gab es damals nicht. Glücklicherweise konnte ich die Inhalte meines Studiums auch noch relativ frei zusammenstellen. Es gab keinen fix vorgegebenen Stundenplan. Ich hatte die Freiheit, Lehrveranstaltungen aus den verschiedensten Bereichen der Naturwissenschaft zu belegen. In dieser Zeit lernte ich nicht nur die Mathematik richtig zu verstehen, sondern fand in der breiten Basis an Wissen genau das Spezialgebiet, in dem ich später mit Erfolg mein Doktoratsstudium abschließen sollte.

Genau diese Freiheiten braucht die universitäre Ausbildung dringend. Schulnoten sagen viel über die Schule aus, aber wenig über die Fähigkeit, ein Studium zu absolvieren. Zukünftige Akademiker und Akademikerinnen sollen lernen, selbstständig zu denken, zu entscheiden und zu lernen, statt wie in der Schule vorgegebenen Stundenplänen zu folgen. Zumindest dann, wenn eine Universität mehr sein will als eine Fabrik zur Produktion von Facharbeitern mit Bachelor-und Mastertitel.

Es spricht nichts dagegen, wenn irgendwann während eines Studiums geprüft wird, ob jemand tatsächlich geeignet ist, das zu tun, was sie oder er tun will. Aber man darf ihnen nicht gleich von Anfang an per Schulnote bestimmte Disziplinen verwehren. Diese Menschen werden gerade erst erwachsen. Ihre Interessen aus der Schulzeit, die vielleicht auch eher jene der Eltern sind, können und werden sich ändern. Je früher man den jungen Menschen solche Differenzierungen aufzwingt, desto geringer ist die Chance auf Karrieren, mit denen zunächst niemand gerechnet hat.

Ich hatte das Glück, dass mir trotz schlechter Schulnoten weder Eltern noch Lehrer von einem Studium der Astronomie abgeraten haben. Ich hatte das Glück, verschiedenste Disziplinen auch außerhalb des klassischen Studienplans kennenzulernen und so genau die finden zu können, in der ich richtig gut war. Aber all das sollte eigentlich der Normalfall sein, nicht bloß "Glück".

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticuM-siMple

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