Vielfalt und Mut zum Experiment

Sabine Kunst über einen funktionierenden Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft

Text: Sonja Burger | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Frau Kunst, was hat Ihnen gezeigt, dass Dialog wichtig ist?

Sabine Kunst: Ich hatte ein Schlüsselerlebnis: Meine ersten wasserwirtschaftlichen Planungsprojekte in Südamerika waren technisch perfekt. Doch hatten wir die Verhältnisse vor Ort nicht ausreichend bedacht, etwa den Bildungsstand der Menschen, ihre individuellen Bedürfnisse, wie viel sie von dem Projekt wissen, oder auch die Radikalität, mit der das Klima vor Ort wechselt. Wir sind mit einer eurozentrischen Perspektive in diese Länder gegangen.

Was haben Sie daraus gelernt?

Kunst: Dass es sehr wichtig ist, die Möglichkeiten und Anforderungen der künftigen Nutzer zu kennen. Nur so lässt sich die Anwendung nachhaltig anpassen. Ich musste neue Wege finden, um dorthin zu kommen, was die Bevölkerung wirklich braucht.

Dafür braucht es den Dialog auf Augenhöhe. Warum tun sich etliche Wissenschafter damit so schwer?

Kunst: In meinem Fach, also in der Wasserwirtschaft, gab es lange Zeit wenige Ideen, wie ein solcher Dialog funktionieren kann. Heute gelingt die Bürgerbeteiligung gut. In der Umweltbiotechnologie und den Planungswissenschaften hat man große Fortschritte gemacht. In der Biochemie oder der quantitativen Biologie ist es immer noch schwierig.

Worauf kommt es an?

Kunst: Zentral ist die Frage: Wie muss sich die Wissenschaft bewegen, um Zugänge zu ermöglichen? Ich betrachte Dialog als gegenseitigen Lernprozess. Junge Menschen erreicht man anders als das Bildungsbürgertum. Jene, die an Querschnittsthemen interessiert sind, haben andere Ansprüche als diejenigen, die sich für die eigene Gesundheit interessieren. Der Dialog muss also ausdifferenziert sein.

Wie gelingt Ihnen das an der Humboldt-Universität?

Kunst: Wir haben erkannt, dass ein besonderer Ort hilfreich ist. Ein Beispiel ist die öffentliche Vortragsreihe "Wissenschaft im Sauriersaal" im Museum für Naturkunde Berlin. Wir laden gezielt Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen ein, die über Humor und einen gewissen Abstand zum eigenen Fach verfügen und gut erklären können. Unter dem Schwanz des Sauriers kommt man leichter ins Gespräch.

Wen erreichen Sie mit diesem Format?

Kunst: Wir bekommen den Saal jeden Monat über eine große Altersspanne hinweg voll. Jeder kann sich die wesentlichen Botschaften für sich selbst mitnehmen. Bei diesem Format fühlen sich die Teilnehmenden wahrgenommen und dazugehörig, mehr als bei einem Fachvortrag.

Viele WissenschaftlerInnen sind nach wie vor skeptisch. Wieso?

Kunst: Wenn WissenschaftlerInnen versuchen, Laien etwas zu erklären, tun sie das oft auf einem Niveau, das ihr Gegenüber nicht versteht. Fragt derjenige dann nach, kommt oft wieder eine unverständliche Antwort.

Wo ist es Ihrer Erfahrung nach besonders schwierig?

Kunst: Dort, wo Forschung sehr spezialisiert ist. Ein Beispiel sind die Materialwissenschaften. Dabei wird sehr viel vorausgesetzt.

Und in welchen Bereichen klappt die Kommunikation besser?

Kunst: In der Biologie. Wenn es etwa um die Zählung von Pflanzen oder Vogelarten geht, gibt es kein Problem mit Beteiligung. Im Bereich "Digital Health" ist Beteiligung sogar nötig. Der Mensch sollte aber nicht nur Datenlieferant sein. Dialog bedeutet auch, ihn zu emanzipieren.

Sie selbst sind Umweltbiotechnologin und Politologin. Was spricht für Sie dafür, sich für den Dialog zu öffnen?

Kunst: Weil daraus völlig neue wissenschaftliche Fragestellungen entstehen können. Für mich war bei meinen Projekten spannend, dass durch den Dialog neue Verfahren entwickelt wurden.

Bei Ihnen an der Universität ist Kunst oft ein wesentlicher Teil des Dialogs. Warum?

Kunst: Das Potenzial ist groß. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Viele Strukturen in der Biologie sind bekannt. Indem daraus künstlerische Objekte gemacht wurden, stießen sie in der Materialforschung neue Ideen an. Die Ergebnisse waren faszinierend. Aus so einem "Crossover- Dialog" können neue Forschungsansätze entwickelt werden. In unserem Exzellenzcluster "Bild Wissen Gestaltung" wird der Bezug von Wissenschaft und Kunst erforscht und weiterentwickelt. Wir haben unter anderem Kooperationsprojekte mit der Universität der Künste und jetzt ganz aktuell etwa auch im "Deutschen Internet-Institut für die vernetzte Gesellschaft".

Was genau passiert, wenn KünstlerInnen in den Dialog eingebunden sind?

Kunst: Künstlerische Intervention ermöglicht einen neuen Blick auf Forschungsergebnisse. Deren räumliche oder bildnerische Darstellung regt die Auseinandersetzung an. Es dauert aber, um ein gemeinsames Vokabular zu entwickeln. Derzeit beschäftigt sich bei uns eine große Forschungsgruppe verschiedener Disziplinen auch damit, wie lange eine künstlerische Intervention dauern sollte, um für WissenschaftlerInnen anregend zu sein.

Was kam bisher dabei heraus?

Kunst: Dass eine enge Zusammenarbeit über einen langen Zeitraum hinweg eher ungünstig ist. Es ist besser, wenn sich jeder - KünstlerIn und WissenschaftlerIn - dazwischen wieder zurückzieht, um allein weiterzumachen, bis es zu einer neuen Phase der Kooperation kommt.

Kann der Dialog zur Selbstbeweihräucherung der Wissenschaft werden?

Kunst: Selbst wenn verschiedene Aspekte umfassend dargestellt werden, läuft man immer Gefahr, irgendeinen Aspekt stärker zu betonen. Deshalb sollte so etwas stets kommentiert werden. Wir experimentieren an der Uni in mehreren Projekten damit. Im Moment sind wir mit vielen Fächern darüber im Gespräch, wie das mit dem Dialog in den verschiedenen Disziplinen umgesetzt werden kann.

Besonders viel tut sich diesbezüglich an Ihrer Uni am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft...

Kunst: Dort wird die Wirkung des Internets auf die Gesellschaft erforscht: Wie verändert sich die rechtliche Situation oder die Beziehung zwischen den Menschen? Unsere Lage mitten in Berlin ermöglicht es uns, eine Schnittstelle zur Gesellschaft zu sein. Sehr gute Erfahrungen machen wir auch damit, Menschen bei der Entwicklung von Dialogformaten einzubeziehen. Das macht es für beide Seiten einfacher, sich in die Gedankenwelt des anderen einzufühlen. Ein konkretes Beispiel waren Ergebnisse aus der psychologischen Prototyp-Forschung, die als Teil der Ausstellung "+ultra. Gestaltung schafft Wissen" im Martin - Gropius-Bau gezeigt wurden. Auf einer Videowand sah man Porträts. Stand man davor, sah man sich selbst mit Mimik und Gestik als Teil der Porträtwand. Man trat mit den anderen in Kontakt. Spricht man dann über Forschungsergebnisse, wie sich etwa Interaktion zwischen Prototypen von Menschen entwickelt, kann man über die Ausstellung einen Bezug zu den Teilnehmenden herstellen. Das ist eine Mischung aus Ausstellung und dialogischer Zugangsweise. Wir experimentieren künftig aber auch verstärkt gemeinsam mit anderen Berliner Universitäten im Humboldt Forum in Berlin mit verschiedenen Formaten.

Unsere Frage lautete "Wie kann der Dialog mit der Gesellschaft funktionieren? Müsste man das nicht korrigieren und sagen: mit der digitalen Gesellschaft?

Kunst: Dem stimme ich nicht zu. Der Dialog mit der digitalen Gesellschaft ist ein Teilbereich. Er ersetzt den Dialog mit der Gesellschaft aber nicht. Als Universität wollen wir den Dialog mit der Gesellschaft vielfältig gestalten. Hier mitten in Berlin passiert das nicht nur digital. Es ist die Gesellschaft, die man sieht. In Gesprächen oder bei Diskussionen. Im Austausch miteinander.

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige