Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Die Rektorinnen Eva Blimlinger und Elisabeth Freismuth über Ausgewogenheit an ihren Unis

Text: Barbara Freitag | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Frau Blimlinger, Sie sind Rektorin an der Akademie für Bildende Künste in Wien, früher sehr von Männern dominiert. Meine erste Frage daher auch allgemein: Muss die Universität weiblich werden?

Eva Blimlinger: Die Akademie ist ja schon weiblich - und ja, das ist sinnvoll. Es sollen wie in der Gesellschaft auch genauso viele Frauen wie Männer an der Universität sein. Die Qualität einer Universität ist für mich auch dann gegeben, wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse abgebildet werden. Allgemein gesprochen geht es um die Frage: Wie verhält es sich mit Frauen und Männern in der Gesellschaft? Bei uns an der Akademie sind auch die Transgender-Thematik und Non-Binary inkludiert. Das Thema Gleichbehandlung soll jedenfalls in den Studienplänen vorkommen. Studierende werden von Anfang an mit der Thematik befasst, um für ihre Zukunft auch in dieser Frage optimal vorbereitet zu sein.

Sie fassen den Ansatz der Gleichbehandlung aber weiter als rein geschlechtlich auf?

Blimlinger: Ja, ich würde gern die Repräsentanz der Gesellschaft mit ihren sozialen Verhältnissen an der Akademie sehen, oder anders gesagt, eine Repräsentanz der Milieus und Klassen in allen universitären Ebenen verwirklicht sehen. Auch die Repräsentanz von Menschen nichtösterreichischer Staatsbürgerschaft finde ich wichtig. Hier gibt es sicher noch Möglichkeiten, die Internationalität der Akademie zu verstärken, also das, was man in anderem gesellschaftlichen Kontext Migration nennt, im universitären Zusammenhang personell als Internationalität zu etablieren. Davon sind wir vor allem bei den Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen im Bereich Verwaltung leider noch weit entfernt. Bei den Studierenden ist die Internationalität durchaus gegeben.

Wie sieht es mit der Förderung der Frauen an der Akademie aus?

Blimlinger: Heute haben wir in allen Personalkategorien über fünfzig Prozent an Frauen, davon sind rund sechzig Prozent Studentinnen. Die Verteilung ist je nach Studienrichtung verschieden. Etwa im Fach "Konservierung - Restaurierung" gibt es 95 Prozent Frauen. Wir überlegen gerade, wie wir junge Männer für dieses Studium interessieren können und denken daran, etwa auch an Höheren Technischen Lehranstalten Werbung zu machen. In den Lehramtsfächern gibt es traditionellerweise mehr Frauen als Männer. Das ist ein generelles Phänomen an den Universitäten, nicht nur an der Akademie. Ausgeglichen ist das Verhältnis in der Bildenden Kunst und in der Architektur, eines der Studien, die wir auf das Bachelor-Master-System umgestellt haben. Im Master-Studium gibt es einen leichten Überhang an Männern. Auch ein allgemeiner Trend: Der Anteil studierender Frauen im Master-Studium ist geringer.

Warum ist das aus Ihrer Sicht so?

Blimlinger: Weil weitere Bildungsabschlüsse noch immer eher Männern zugestanden werden als Frauen. Das ist auch insgesamt bei Doktoratsstudien zu beobachten. An unserer Akademie ist auch das anders, hier versuchen wesentlich mehr Frauen, ein Doktoratsstudium abzuschließen.

Was machen Sie konkret für Studentinnen und Absolventinnen?

Blimlinger: Wir haben unterschiedliche Programme zur Frauenförderung. Ein Lektorinnenprogramm, in dem Absolventinnen unterstützt werden, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben. Wir ermöglichen ihnen, Erfahrung in der Lehre zu sammeln, indem wir sie im ersten Semester zusammen mit Professoren und Professorinnen unterrichten lassen. Im zweiten Semester bekommen sie eine eigene Lehrveranstaltung und erhalten zusätzliche Weiterbildungskurse, etwa im Bereich der Hochschuldidaktik. Um einen Job an einer Universität zu bekommen, muss man zwei Semester lang gelehrt haben, das ist eine Mindestanforderung. In unserem Programm "Art Start" unterstützen wir junge Künstlerinnen. Denn gerade die ersten drei Jahre nach dem Studium sind entscheidend für ihren Karriereweg.

Frau Freismuth, Sie sind Rektorin der Kunstuniversität Graz. Welches Fach ist dort bei Frauen am beliebtesten?

Elisabeth Freismuth: Insgesamt haben wir in etwa eine ausgeglichene Situation zwischen weiblichen und männlichen Studierenden. Doch in einzelnen Studienrichtungen zeigen sich Unterschiede. So ist das Studium der Harfe ebenso klar weiblich wie das Lehramtsstudium. Da hätten wir gern mehr Männer, ebenso im Bereich Bühnengestaltung. Andererseits wollen wir mehr Frauen für Fächer wie Elektrotechnik-Toningenieur, Sound-Design, Jazz oder Computermusik interessieren. Auch viele Blasinstrumente werden überwiegend von Männern belegt, aber das hat zum Teil physiologisch bedingte Gründe. Erfreulicherweise beobachten wir, dass die Orchester zunehmend zur Frauendomäne werden. Ich hoffe nicht, dass das auch damit zusammenhängt, dass die Bezahlung nicht mehr so toll und die Arbeitssituation mitunter als prekär zu bezeichnen ist, da Fixverträge immer seltener werden. Wir hätten jedenfalls in vielen Fächern gern eine bessere geschlechtliche Durchmischung und setzen dafür auch einige Maßnahmen.

Wie weiblich ist die Kunstuni Graz?

Freismuth: Sehr weiblich, auch weil das Rektorat aus vier Frauen und einem Mann besteht. Wenn mehr Frauen in Leitungspositionen arbeiten, hat das starke Auswirkungen auf unser Handeln. In jeder Fragestellung wird das Gender-Thema automatisch mitgedacht. Nicht, weil es gesetzlich vorgeschrieben wird, sondern weil es uns ein wirkliches Anliegen ist. Bei den Spitzenpositionen unter den Lehrenden sieht es weniger gut aus. Wir haben 25 Prozent Professorinnen - das muss mehr werden. In den Gremien ist das Geschlechterverhältnis durch die gesetzliche Quotenregelung wiederum ausgeglichen. Wir schauen darauf, bei Ausschreibungen mehr Frauen anzusprechen. Dennoch sieht es immer noch so aus, als ob Frauen sich weniger zutrauen als Männer und bei Bewerbungen selbstkritischer sind - oft also gar nicht antreten.

In welcher Form ist das Gender-Thema präsent?

Freismuth: Ich bin davon überzeugt, dass wir ein besonderes Asset haben: unser Zentrum für Genderforschung ZfG. Das ist eine Organisationseinheit, in der sämtliche Impulse in den Bereichen Gender und Diversity gebündelt werden. Das ZfG ist eine Forschungseinrichtung mit praktischer Orientierung und wirkt so in alle anderen Organisationseinheiten hinein, initiiert etwa künstlerische Workshops und Forschungsarbeiten. Es ist das Herzstück für die tatsächliche Umsetzung von Frauenförderungsplänen, Gleichstellungsmaßnahmen oder Weiterbildungsformen. Das Zentrum ist ein funktionierendes Instrument und stößt im ganzen Haus auf sehr fruchtbaren Boden.

Sie haben aber noch ein anders Problem als zu wenige Frauen, nämlich zu wenige österreichische Studierende in instrumentalen Fächern...

Freismuth: Der Anteil an ausländischen Studierenden beträgt bei uns sechzig Prozent - und diese stammen derzeit aus 67 verschiedenen Nationen. Wir bilden junge Menschen aus der ganzen Welt für die ganze Welt aus. Dennoch vermissen wir in Fächern wie Geige und Klavier den österreichischen Nachwuchs. Auch in den Bereichen Gesang und Schauspiel überwiegen ausländische Interessenten und Interessentinnen.

Wie kommt es zu diesem Mangel an heimischem Nachwuchs?

Freismuth: Offensichtlich fehlen heute Voraussetzungen wie die Kultur der Hausmusik. Es mangelt bei den Eltern oft an der Motivation, ihre Kinder schon im Vorschulalter mit dem Erlernen eines Instruments beginnen zu lassen. Wir versuchen da auch gemeinsam mit Familien, Musikschulen, Universitäten, Bund und Ländern gezielt Strategien und Programme zu entwickeln. Das ist tatsächlich eine gesellschaftspolitische Herausforderung, der sich alle Kunstuniversitäten in Österreich zu stellen haben. Die Kunstuniversität Graz sieht sich dabei als Drehscheibe in der Steiermark, aber wir müssen alle gemeinsam daran arbeiten, denn der Zug fährt bereits -weg vom Musikinstrument.

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