Ausbildung für Weltmarktführer

Die Spitzenbetriebe Baden-Württembergs haben ein duales Bildungsmodell ermöglicht

Text: Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Learning by doing? Gibt es. Dabei wird eine betriebliche Ausbildung mit einem Hochschulstudium kombiniert. Theorie und Praxis sind dadurch eng miteinander verzahnt.

Duale Ausbildung: Beispiel Baden-Württemberg

Vorreiter im Bereich des dualen Studierens in Deutschland ist die Duale Hochschule Baden-Württemberg (DHBW), die bereits 1974 als Modellversuch "Berufsakademie" gegründet wurde. "Wir bieten ein duales Ausbildungsmodell, das ans tertiäre Umfeld angepasst ist", erklärt Arnold van Zyl, Präsident der DHBW. "Berufs-und akademische Befähigung werden bei uns miteinander verknüpft. Unterrichtet wird sowohl im akademischen Umfeld als auch vor Ort in Unternehmen und in sozialen Einrichtungen."

Theorie- und Praxisphasen wechseln während des Studiums in regelmäßigem Rhythmus ab. Die Studierenden verbringen jeweils drei Monate an der Hochschule und drei Monate an ihrer Arbeitsstelle in einem Unternehmen der Region, dem "dualen Partnerbetrieb". Hier lernen sie nicht nur die praktische Anwendung der gelernten Theorie, sondern erwerben auch "soft skills" wie beispielsweise den Umgang mit Konflikten und andere soziale Kompetenzen.

Während ihrer gesamten Studienzeit sind die Studierenden beim dualen Partnerbetrieb angestellt, beziehen ein Gehalt und sind dadurch finanziell unabhängig. Dementsprechend erfolgt die Bewerbung um einen Studienplatz auch nicht an der Hochschule, sondern direkt beim Unternehmen. "Die Betriebe führen Assessments durch und entscheiden selbst, wen sie annehmen", erläutert Arnold van Zyl. "Grundvoraussetzung ist natürlich das bestandene Abitur."

Ergebnisse eines dualen Ausbildungsweges

DHBW-Studierende wählen aus über zwanzig Studiengängen mit rund hundert Studienrichtungen in den Bereichen Wirtschaft, Technik und Sozialwesen an insgesamt zwölf Standorten in Baden-Württemberg. Drei Jahre dauert der Bachelorstudiengang, der mit 210 ECTS-Punkten bewertet ist. Normalerweise umfasst ein dreijähriges Bachelorstudium rund 180 ECTS-Punkte. Ein Bachelorabschluss der DHBW befähigt überdies zum Master-Studium auch an einer anderen Hochschule oder Universität. "Unsere Studierenden sind da sehr erfolgreich."

Die beeindruckende Absolventenquote von über achtzig Prozent beweist: DHBW-Studierende sind hoch motiviert. Das müssen sie auch sein. Denn sie haben für ihren Bachelor nicht mehr Zeit zur Verfügung als ihre Vollzeit studierenden Kommilitonen, sind aber zusätzlich in den Partnerbetrieben tätig. Außerdem gibt es aktuell noch keine Möglichkeit, ein Studienjahr oder eine nicht bestandene Prüfung zu wiederholen.

"Das ist schon sehr fordernd", bringt es Arnold van Zyl auf den Punkt. "Unterm Strich bleibt nur wenig Zeit." Leistbar wird dieses enorme Pensum durch intensive Betreuung, Unterricht in kleinen Gruppen, umfassende digitale Angebote und natürlich den Fleiß und das Durchhaltevermögen der Studierenden.

Die besten Maturaabsolventen studieren dual

Darüber hinaus wirken die hohen Anforderungen wie ein Filter. An der DHBW studieren die im Schnitt besten Maturanten Baden-Württembergs. Ein überraschend hoher Anteil davon kommt aus bildungsfernen Schichten: "Das duale Studium öffnet hier eine Tür ins tertiäre System und ist sehr attraktiv, nicht zuletzt, weil in den Betrieben etwas 'Handfestes' gelernt wird", sagt van Zyl. "Außerdem verdienen unsere Studierenden in den Unternehmen gutes Geld."

Wer die drei intensiven und arbeitsreichen Jahre durchhält, wird mit einem Hochschulabschluss inklusive Berufsbefähigung und Berufserfahrung, der "employability" im besten Sinn des Wortes, belohnt. Sehr viele Studierende bleiben auch nach ihrem Abschluss im dualen Partnerbetrieb, 85 Prozent unterschreiben bereits während des Studiums einen festen Arbeitsvertrag. Verpflichtet dazu sind die Studierenden aber nicht, grundsätzlich endet der "Studienvertrag" mit dem erfolgreichen Studienabschluss.

Die Zusammenarbeit der DHBW mit ihren Partnerbetrieben ist sehr eng, die Unternehmen sind ein wesentlicher und wichtiger Teil der Hochschule. "Die dualen Partner sind Mitglieder der Hochschule", erklärt van Zyl. "Daher wird das Curriculum auch gemeinschaftlich entwickelt." Die inhaltliche Einflussnahme der Unternehmen auf die Studienpläne und die Lehrinhalte hält sich dabei aber in Grenzen, denn: "Die Betriebe sind grundsätzlich an der Entwicklung langfristiger Fähigkeiten interessiert."

Grund für die duale Bildung in Baden-Württemberg

Begründet ist dieses spezielle Ausbildungssystem in der Industriestruktur des deutschen Bundeslandes, die sowohl den ländlichen als auch den städtischen Bereich durchdringt: Baden-Württemberg zählt zu den wirtschaftsstärksten Regionen Europas. Oder, wie es Arnold van Zyl ausdrückt: "Hier gibt es an jeder Ecke einen Hundert-Mann-Betrieb, der für irgendetwas Weltmarktführer ist." Der sich daraus ergebende Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften resultierte vor mittlerweile mehr als vierzig Jahren in der Gründung der Berufsakademie Baden-Württemberg, einer damals neuartigen Kooperation von Wirtschaft und Staat.

Im Jahr 2009 erfolgte die Umwandlung der damaligen Berufsakademie in eine Hochschule. Diese ist nun berechtigt, die akademischen Grade Bachelor und Master zu verleihen. Auch diese Anpassung ist letztendlich auf die Industrie zurückzuführen, die immer mehr akademisch ausgebildete Menschen mit Veränderungskompetenz bzw. "employability" benötigt.

Zweieinhalb Jahre nach der Umformung zur Hochschule wurde das Qualitätsmanagement der DHBW geprüft und systemakkreditiert. "Diese Systemakkreditierung sorgt für Qualität", betont van Zyl. "Durchgewunken wird hier niemand."

Hoch motiviertes Personal für Spitzenbetriebe

Trotz aller Zusammenarbeit mit Industrie und Wirtschaft ist die DHBW eine staatliche Hochschule: "Infrastruktur und Personalkosten werden vom Land Baden-Württemberg finanziert." Auf Unternehmerseite werden die Gehälter der Studierenden komplett von den dualen Partnern übernommen. Im Endeffekt profitieren davon alle Beteiligten: "Die dualen Partnerbetriebe bekommen hoch motiviertes Personal, die Studierenden verdienen eigenes Geld und im ländlichen Bereich wirkt das System dem demografischen Schwund entgegen."

Seit dem Jahr 2009 ist die Anzahl der Studierenden von 22.000 auf 34.000 gewachsen, das sind rund zehn Prozent aller Studierenden in Baden-Württemberg - Tendenz weiter steigend. "Der Erfolg der DHBW ist natürlich auf den regionalen Bedarf und die spezielle Industriestruktur Baden-Württembergs zurückzuführen. Trotzdem ist das Modell sehr attraktiv und wird überall kopiert", meint van Zyl.

Im Laufe seiner Karriere war der Südafrikaner sowohl in der Industrie als auch im Hochschulsektor tätig, unter anderem als Rektor der Technischen Universität Chemnitz. Als Präsident der DHBW hat er beide Aspekte miteinander vereint: "Die DHBW ist eine völlig andere, innovative Art der Hochschule und sehr nahe an der Praxis dran."

Eine in Arnold van Zyls Augen sinnvolle Entwicklung, denn: "Für eine erfolgreiche Gesellschaft brauchen wir ein Bildungssystem auf tertiärer Ebene, das die Studierenden in die beste Lage versetzt, ihre Ziele umzusetzen." Daher habe jede Hochschulart, sei es nun Universität, Fachhochschule oder duale Hochschule, eine ergänzende Funktion.

Für die Zukunft müsse gewährleistet werden, dass jeder Hochschulart eine gleichwertige Rolle zukomme: "Es ist notwendig, Durchlässigkeit im Bildungsraum zu schaffen sowie Hierarchien und Konkurrenz abzubauen. Respekt gegenüber den verschiedenen Bildungssystemen ist von allen Seiten notwendig, um für junge Menschen das Beste erreichen zu können."

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