Aliens versus Transformers

Ist dies das Verhältnis von Universitäten und FH in Österreich? Sektionschef Elmar Pichl nennt Gründe

Text: Jochen Stadler | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Susanne studiert an der Fachhochschule Medizintechnik. Sie hat lange für den Aufnahmetest gebüffelt und gezittert, ob sie einen Studienplatz bekommt. Nun sitzt sie mit ihren JahrgangskollegInnen in einem Praktikum und weiß, wann sie ihr Studium abschließen wird und welche Arbeit sie anschließend erwartet.

Julian wiederum hockt auf den Stufen vor der Uni, das Vorlesungsverzeichnis am Smartphone. Er hat Meteorologie inskribiert und will Klimaforscher werden. Wann es so weit sein und welche Vorlesungen er besuchen wird, traut er sich heute noch nicht zu sagen. Auch weiß er nicht, ob er mit seinem Studium nicht doch zwischendrin in eine andere Richtung driften wird.

Die Universitäten und ihre Tradition

Sowohl Universität wie Fachhochschule sind dazu da, qualifizierte AkademikerInnen hervorzubringen. Doch ihre Herangehensweise unterscheidet sich mitunter deutlich. Sie haben unterschiedliche Grundvoraussetzungen und andere Missionen. Das Hochschulwesen habe drei Aufgabenbereiche, erklärt Elmar Pichl, Sektionschef für die Hochschulen im Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung: Erstens die Lehre, zweitens zu forschen und das Wissen zu erweitern und drittens ein Bündel vielfältiger Aufgaben wie etwa lebenslanges Lernen und den Wissenstransfer zwischen unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft zu ermöglichen.

Universitäten sind in Österreich primär als Forschungsstätten angelegt. Dort wird zwar auch der wissenschaftliche Nachwuchs unterrichtet, doch der Großteil der Studierenden arbeitet nach dem Abschluss nicht in der Wissenschaft, sondern in anderen Bereichen, etwa der Privatwirtschaft. So können sie von den Universitäten nicht optimal auf diesen Arbeitsmarkt vorbereitet werden. Andererseits müssen die WissenschaftlerInnen viele Ressourcen in die Lehre stecken und können sich nicht mehr so gut auf die Forschung konzentrieren.

"Bereits in den 1970er Jahren wurde diskutiert, wie das Hochschulsystem die Herausforderung der Akademisierung einer immer größeren Zahl von Menschen bewerkstelligen soll", sagt Pichl. Damals gab es in Österreich nur Universitäten, während andernorts schon Fachhochschulen existierten. Trotzdem wurden sie damals nicht eingeführt, sondern nur die Höheren Technischen Lehranstalten um ein Jahr verlängert. Das Problem war damit aber nicht gelöst.

Die Verspätung der Fachhochschulen

Im Vergleich zu den skandinavischen Ländern, Holland oder Deutschland wurden erst relativ spät, 1993/94, auch in Österreich Fachhochschulen eingerichtet. Ihre Hauptaufgabe war die Lehre. "Sie sollten junge Menschen speziell auf die Anforderungen von Arbeitsmarkt und Wirtschaft vorbereiten", sagt Pichl. Die Verteilung sei in Österreich aber immer noch unausgewogen und nicht sehr vorteilhaft.

Von den Erstabschlussstudierenden kommen 80 Prozent von Universitäten und nur 15 Prozent von Fachhochschulen (die restlichen fünf Prozent sind AbsolventInnen der Pädagogischen Hochschulen). In Skandinavien und Holland sind bis zu 60 Prozent Fachhochschul-AbsolventInnen. "Wir stehen also an einem Punkt, wissen aber, dass es anders besser wäre, weil die Universitäten mit der Massenfachsituation nicht ihrer Kernfunktion, der Forschung, nachkommen können", so Pichl.

Die Fachhochschulen wären zwar eine Hilfe, aber die Zahl der Studierenden steige weiter (bereits die Hälfte der Absolventinnen eines Maturajahrgangs strebt in den Hochschulsektor). Der Typus Universität sei derzeit überbelastet. Und jener der Fachhochschulen noch zu wenig ausgebaut. "Mit mehr als zwanzig Fachhochschulen in Österreich bräuchten wir nicht mehr Institutionen, sondern mehr Angebote und eine breitere Finanzierung der vorhandenen", meint Pichl.

Aber auch die Universitäten bräuchten bessere Rahmenbedingungen, vor allem mehr Geld, um ihre Forschungsaktivitäten ausreichend finanzieren zu können. Auch Betreuungsrelationen sind in vielen Fächern dringend zu verbessern. Weil es hochschulpolitisch nicht vertretbar sei, in den dafür notwendigen Relationen die Studierendenzahlen zu verringern, sollte dort ein ausreichendes Budget zur Verfügung gestellt werden, um das Zahlenverhältnis zwischen Lehrenden und Studierenden ausgewogener zu gestalten.

Universitäten haben aber auch einen anderen Nachteil gegenüber den Fachhochschulen, den es auszumerzen gelte: "Die Fachhochschulen haben Aufnahmeverfahren und können damit auch schauen, ob die Studierenden vom Typ und der Begabung her zum Studium passen." Solche Auswahlmöglichkeiten gäbe es nur bei einem Drittel der StudienanfängerInnen an den Universitäten. Diese können also unter den StudienbewerberInnen kaum die geeigneten aussuchen und verlieren an Steuerungsmöglichkeiten.

Unterschiedlicher Studienverlauf an Universität und Fachhochschule

Nicht nur die Aufnahme, auch der Studienverlauf ist an den Fachhochschulen viel kontrollierter. Ausgehend von einer zentralen Berufsfeldorientierung gibt es festgelegte Praktika, das Jahrgangsprinzip und weitgehend eine Anwesenheitspflicht.

An den Universitäten hingegen können die Studierenden recht frei aus einem Fächerkanon und den angebotenen Lehrveranstaltungen eines Curriculums wählen. Diese sind nicht am Arbeitsmarkt orientiert, sondern an den Anforderungen der jeweiligen Wissenschaft. Sprich, was von den Studierenden gelernt werden muss, um die Wissenschaft intus zu haben.

"Ich würde mir wünschen, dass die Universitäten sich hier ein wenig den Fachhochschulen annähern", sagt Pichl. Er hielte es für besser, böten sie, ausgehend von einem Fächerkanon, Lehrveranstaltungen an, die mehr oder weniger in einer bestimmten Reihenfolge von den Studierenden abgearbeitet würden. Das würde, so zumindest die Hypothese, die Studiendauer verringern, die an Unis auch im Verhältnis noch immer viel länger ist als an Fachhochschulen.

Außerdem strebt der weitaus größere Teil der Studierenden ohnehin keine Forscherlaufbahn an. Sie bräuchten eine Ausbildung für die Berufswelt jenseits der Wissenschaft. "Man sollte also hinterfragen, ob das Selbstorganisationsprinzip an den Universitäten nicht zu ergänzen wäre durch ein stärkeres Begleiten der Studierenden im Sinne von Mentoring, Tracking, stärkeren Interaktionen und anderen Organisationsprinzipien", sagt Pichl. Dies würde wohl auch die Zahl der StudienabbrecherInnen reduzieren, in bestimmten Studienrichtungen immerhin mehr als 70 Prozent. Das entspricht den Abschlussquoten an den Fachhochschulen, wo nicht mehr als 25 bis 30 Prozent der Studierenden vorzeitig das Handtuch werfen.

Abschluss und Chancen sind gleichwertig

Ein Studienabschluss sei bei Fachhochschulen und Universitäten gleich hoch zu bewerten, erklärt Pichl. "Gleichwertig, aber andersartig ist seit 1994 die klassische Formel bezüglich der unterschiedlichen Hochschultypen." Darum kann, wer seinen Bachelor von der Universität hat, ein Masterstudium an der Fachhochschule absolvieren und umgekehrt. Dass dies in der Praxis allerdings oft schwierig ist, liege nicht an unterschiedlichen Qualifikationsniveaus, sondern daran, dass die Studienrichtungen inhaltlich nicht kompatibel sind.

Auch am Arbeitsmarkt hätten die AbsolventInnen bei den Hochschultypen gleiche Chancen, meint Pichl. Die Studienangebote an den Fachhochschulen seien zwar spezifischer und konkreter auf bestimmte Berufe ausgerichtet, aber das gelte auch für einige Studien an den Universitäten, wie Medizin, Pharmazie und Lehramt, die sehr nahe am Beruf dran sind. "Im Vergleich zu anderen Ländern finden im Wesentlichen alle HochschulabsolventInnen in Österreich sehr rasch einen Arbeitsplatz", sagt Pichl.

Die Zahl der AbsolventInnen und der Bedarf am Arbeitsmarkt entsprächen einander. Am Ende ihrer Studien haben Susanne und Julian also hierzulande gute Berufsaussichten. Sie werden auch ein vergleichbar hohes Gehalt beziehen - egal, ob sie an einer Fachhochschule oder an einer Universität studiert haben.

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