: GASTKOMMENTAR

Eine harmonische Differenzierung?

Antonio Loprieno | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Differenzierung - nur eine leere Worthülse! Differenzierung - das ultimative Gebot eines Hochschulsystems! Mit diesen zwei widersprüchlichen Reaktionen auf einen Begriff, der den europäischen wissenschaftspolitischen Diskurs zurzeit bestimmt, haben sich der Deutsche und der Österreichische Wissenschaftsrat in ihrer ersten gemeinsamen Tagung auseinandergesetzt.

Gerade wegen seiner semantischen Unschärfe, die ganz unterschiedliche Optionen zulässt, bietet das Konzept einer Ausdifferenzierung der typologischen Merkmale, der wissenschaftlichen Schwerpunkte und der gesellschaftlichen Funktion von Universitäten und Fachhochschulen die Möglichkeit einer konkreten Gestaltung jener gesetzlich verankerten, aber selten gelebten "Autonomie", auf die sie so stolz sind. In den letzten zwanzig Jahren haben nämlich das Bild und das Selbstbild der Hochschulen einen dramatischen Wandel, eine echte institutionelle Wende erlebt. Verstanden wir uns Forschende und Lehrende vor dieser Wende als Mitglieder einer idealen Gelehrtenrepublik, die von gemeinsamen Werten getragen und eher vom eigenen Fach als von der akademischen Institution selbst verkörpert war, so legen uns jetzt institutionsspezifische, "strategische" Überlegungen eine vertiefte Auseinandersetzung mit den "Alleinstellungsmerkmalen" der Forschungsprofile und der Lehrangebote nahe.

Die Suche nach "Alleinstellungsmerkmalen" ist jedoch kein der wissenschaftlichen Kultur eingeschriebenes Desiderat, sondern eine von mehreren Akteuren im Hochschulwesen sogar mit Skepsis beäugte Entlehnung aus dem ökonomischen Diskurs. Durch den zunehmenden institutionellen Wettbewerb - Wettbewerb zwischen Hochschultypen, aber noch mehr in den eigenen typologischen Reihen - haben europäische Universitäten jene Identität verloren, die einst von gemeinsamen Werten gestiftet war. Einerseits sind wir also mit der Erwartung einer autonomen institutionellen Profilierung, andererseits mit der ebenfalls legitimen wissenschaftlichen Selbstbestimmung der Lehrenden und Forschenden konfrontiert. Wie kommen wir aus diesem Dilemma heraus? Liegt die Antwort tatsächlich in einer höheren Differenzierung?

Die Antwort unserer Tagung lautete: Ja, aber. Ja, es liegt im besten Interesse jeder Uni oder FH, auf die besonders attraktiven eigenen Merkmalen zu setzen und sie -um wieder einen Begriff der globalisierten Ökonomie zu missbrauchen -zu "vermarkten". Aber Wissenschaft ist eben kein Betrieb mit Investitionsund Unternehmerrisiken. Sie ist ein selbstreferenzielles Getriebe, in dem die hierarchisch unscharfe Partnerschaft zwischen den Akteuren mindestens so wichtig ist wie der Wettbewerb unter ihnen. Eine "harmonische Differenzierung" soll man im europäischen Hochschulwesen anstreben. Ob uns das gelingt?

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