Eigene Entwicklungsziele verfolgen

Martina Brockmeier, Vorsitzende des Deutschen Wissenschaftsrates, über deutsche Hochschulen

Interview: Dieter Hönig | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Frau Brockmeier, inwieweit hat sich die deutsche Hochschullandschaft in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Martina Brockmeier: Neben Universitäten und Fachhochschulen sehe ich nicht viele neue Hochschultypen. Kunst-und Musikhochschulen sind ein etablierter dritter Typ. Daneben gibt es noch stark spezialisierte Hochschulen mit einem engen Fächerspektrum wie Medizin, Jura oder Sport, aber auch Theologie. Davon abweichend kann ich nur Einzelfälle erkennen, die aber noch keinen neuen Typ ausmachen, sondern eher Sonderfälle ohne "Familienähnlichkeit" untereinander sind. Bei der funktionalen Differenzierung geht es darum, dass der Staat ermöglicht, dass Hochschulen eigene Entwicklungsziele verfolgen und auf diese Weise das Hochschulsystem insgesamt seine Aufgaben für die Wissenschaft und die Gesellschaft bestmöglich erfüllt.

Welche waren die wichtigsten Treiber dieser Differenzierung?

Brockmeier: Wir haben mehrere, ich nenne Ihnen die wichtigsten:

Da ist zunächst die starke Expansion des Hochschulsystems infolge gestiegener Nachfrage nach Studienplätzen. Zum zweiten die Heterogenität der Studierenden, aber auch ihre gestiegenen Erwartungen an die berufliche Verwertbarkeit des Studiums, also der Wunsch nach Praxisorientierung. Drittens die Fülle und Steigerung der inhaltlichen Ansprüche an die Hochschulen seitens der Gesellschaft. Aber auch durch die Weiterentwicklung der Wissenschaften mit einer starken Ausdifferenzierung der Disziplinen und der Studienangebote, der Forschungsfelder und Forschungskooperationen über Fächer-und Institutionsgrenzen hinweg. Und zudem haben Förderprogramme wie die Exzellenzinitiative als Treiber gewirkt.

Sehr hohe Ansprüche. Sind sie auch erfüllbar?

Brockmeier: Keine einzelne Hochschule kann diese Ansprüche alle erfüllen, ohne überfordert zu werden. Das kann ein Hochschulsystem nur arbeitsteilig schaffen. Darum empfehlen wir keine "Uniformität" für Universitäten und Fachhochschulen. Zudem braucht es eine Lockerung des Zwangs, sich für einen Typus entscheiden zu müssen. Es soll künftig auch Hochschulformate zwischen den Typen und Variationen innerhalb eines Typus geben.

Wie weit sollte dieser Trend zur "Multiversity" noch gehen?

Brockmeier: Wir sehen die Entwicklung eher noch am Anfang. Hochschulen sind vielfach große, mitgliedschaftlich organisierte Institutionen, die ihre Entwicklung weitgehend selbst steuern. Darum geht das alles nicht so schnell. Hier ist Geduld gefragt.

Lässt sich diese Entwicklung steuern und wenn ja, wohin?

Brockmeier: Das ist eine sehr gute Frage und nicht leicht zu beantworten. Wenn Vielfalt gewollt ist, wäre ein steuernder Eingriff möglicherweise eher mit Zurückhaltung einzusetzen oder alternativ auch mehrere verschiedene Steuerungsmittel. Sonst laufen alle in dieselbe Richtung und verfolgen dasselbe institutionelle Entwicklungsziel. Wir haben bei der Tagung des Österreichischen und Deutschen Wissenschaftsrates auch darüber geredet, welche Optionen der Staat außer den Förderprogrammen und dem Wettbewerb hat. Er muss in jedem Fall die Entwicklung beobachten, manchmal auch behutsam oder beherzt eingreifen und Wildwuchs zurückschneiden oder Qualität sichern. Aber auch anderswo etwas fördern sowie in Zielvereinbarungen mit den einzelnen Hochschulen aushandeln, wohin die Reise gehen soll.

Wie stehen Sie zur sogenannten Exzellenzinitiative?

Brockmeier: Der Deutsche Wissenschaftsrat ist für die Durchführung des Programms mitverantwortlich. Insofern dürfen Sie von mir keine völlig neutrale Äußerung dazu erwarten. Die Exzellenzinitiative betrifft die universitäre Forschung, also nur eine der Kernaufgaben und nur einen Hochschultyp. Sie hat sicherlich die Binnendifferenzierung und die strategische und langfristige Verbundbildung der Unis verstärkt. Sie hat sehr dabei geholfen, die Grenzen zwischen den Universitäten und der außeruniversitären Forschung und damit die als Versäulung kritisierte Trennung teilweise zu überwinden. Außerdem hat sie die Unis zumindest hinsichtlich der Forschung strategiefähiger gemacht und bei der Profilbildung unterstützt. In der Lehre gibt es allerdings noch Nachholbedarf.

Ist die internationale Sichtbarkeit dadurch größer geworden?

Brockmeier: Ja, die internationale Sichtbarkeit ist größer geworden. Die Exzellenzförderung hat viel Aufmerksamkeit auf das deutsche Hochschulsystem gelenkt. Gerade, weil man von Weitem sehen konnte, dass wir auch vertikal, in der Qualität der Leistungserbringung, unterscheiden.

Wenn Sie eine Zwischenbilanz ziehen, wer sind die Gewinner?

Brockmeier: Gewinner sind alle Hochschulen, die Studierenden und damit auch unsere Gesellschaft. Deutschland leistet sich über inzwischen zwölf Jahre und mehrere Regierungswechsel hinweg ein Programm für exzellente Forschung in Höhe von 4,7 Milliarden Euro und ein Programm für die Expansion der Studienplätze, das achtfach höher liegt und 38 Milliarden Euro umfasst. Deutschland hat viel investiert in Wissenschaft und Bildung in den letzten Jahren.

Besteht aber nicht Gefahr einer Aufspaltung in Forschungs-und Lehruniversitäten?

Brockmeier: Das ist eine häufig gestellte Frage. Sie unterstellt, dass eine Universität entweder exzellente Forschung in diesem einen Programm gefördert bekommt oder gar nicht mehr forschungsaktiv ist, sondern nur noch lehrt. Das ist eine unsinnige Vorstellung. Denn zwischen diesen beiden Polen spielt eine Menge Musik, gerade in Deutschland.

Können Sie ein paar exzellente deutsche Hochschulen nennen?

Brockmeier: Exzellent sind viele, aber nicht alle in demselben Bereich. Es gibt Hochschulen, die machen brillante Forschung, manche hingegen haben innovative und exzellente Lehrkonzepte, wieder andere entwickeln ihre Infrastruktur für Forschung und Lehre in herausragender Weise, und eine weitere Gruppe ist exzellent in Vernetzung und Transfer. Glücklicherweise gibt es eben auch für die Leistungsdimensionen neben der Forschung zahlreiche Förderprogramme und -maßnahmen, zum Beispiel das Bund-Länder-Programm für Forschungsbauten, den Qualitätspakt Lehre oder die Förderinitiative Innovative Hochschule.

Man zieht gerne Vergleiche zu US-Universitäten wie etwa Stanford heran. Sind diese zulässig?

Brockmeier: Es gibt in den USA zwar ein paar Spitzen-Universitäten, aber daneben tausende andere, die oft an das Leistungsniveau der europäischen Hochschulen nicht heranreichen. Die wenigen "World Class Universities" werden aber immer als pars pro toto genommen, als ob das ganze US-Hochschulsystem auf diesem Niveau wäre.

Können ein paar herausragende Elite-Universitäten in einem Land wie Deutschland oder Österreich die Forschung insgesamt auf ein höheres Niveau bringen?

Brockmeier: Gegenfrage: Wollen wir das denn? Wir würden uns mit ein paar wenigen herausragenden Elite-Unis doch gar nicht zufriedengeben wollen. Wir wollen ein Weltklasse-System. Wir wollen nicht nur die Forschung, sondern alle Leistungsdimensionen auf ein höheres Niveau bringen. Vor allem aber wollen wir zeigen, wie gut wir schon sind. Dabei hilft sehr, dass erneut hunderte, ja fast tausend Sachverständige aus dem Ausland kommen werden und die Anträge auch im Nachfolgeprogramm Exzellenzstrategie begutachten. Die nehmen die Erkenntnis mit nach Hause, was für tolle Forschung bei uns betrieben wird. Die Sachverständigen werden aber auch einen Eindruck gewinnen können, was die Universitäten in Lehre und Transfer sowie mit Blick auf Infrastrukturen leisten. Diese Bereiche werden in der Exzellenzstrategie nämlich nun explizit auch berücksichtigt.

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