: WAS AM ENDE BLEIBT

Canaletto-Blick

Erich Klein | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Böse Zungen behaupten, am Ende bleibe als der Logik Lohn ohnedies nur die Pension. Minder radikale Geister begnügen sich mit Feierabenden. Das sei letztlich alltagstauglicher. Dennoch stellt sich die Frage, was nach vollbrachtem Tagwerk noch geschehen mag.

Im größten Kunstmuseum und einem der bedeutendsten Wissensspeicher des Landes, dem Kunsthistorischen Museum in Wien, gab es einst die "Abendbeleuchtung". Als bloße verlängerte Öffnungszeit existiert der Freiraum bildungsbürgerlicher Erbauung spät am Tag bis heute unverändert (Donnerstag bis 21 Uhr). Allein, der Glaube an den Sinn derartiger Freizeitgestaltung ist abhanden gekommen. Außer Touristen denkt niemand mehr, Tizian oder Dürer könnte etwas zur Ausbildung höheren Menschentums samt dazugehöriger Gesinnung beitragen, ganz zu schweigen von Herzensbildung.

Aber ach, wie zuckten die Infantinnen des Velazquez unter dem knarrenden Schritt eines sich nähernden Betrachters zusammen! Wie groß mochte seine Verwirrung ob der fast zentral postierten Figur auf Brueghels "Turmbau zu Babel" sein, die einfach den Rücken kehrt und ihre Notdurft verrichtet!

Heutzutage werden die Landschaften eines Ruysdael mittels Begleitprogrammen in hüpfendem Trubel "kontextualisiert". Über deren Erkenntniswert wird nicht einmal gestritten. Oder da ist Bernardo Bellotto, genannt Canaletto, dessen leuchtende Ansichten barocker Architektur die Frage nach der Wirklichkeit und deren Wiedergabe in einem Bild Jahrhunderte vor Kodak-Color aufwarfen. Die langen Schatten, die sich durch seine Darstellung der Alten Universität Wien ziehen, scheinen alle Rätsel der Sichtbarkeit dermaßen umfassend zu lösen, dass einem bis heute der Atem stockt. Da ist auch ein Kuriosum: Bellottos Wien-Ansicht vom Belvedere aus. Dass gerade dieses Bild in der Diskussion über einen Neubau am Rand der Innenstadt als verachtenswertes, geradezu reaktionäres Beispiel für Erstarrung des aktuellen gesellschaftlichen Lebens und dessen Provinzialität herhalten muss, stellt einen Treppenwitz der Geschichte dar. Den schöngeistigen Bewahrern des sogenannten Canaletto-Blicks wird ebenso dringend zum Besuch des KHM geraten wie den Gegnern.

Gerade Bellotto war es, der Europa malte, und sei es jenes der Fürstenhäuser und Residenzen. Und zwar lange vor Abschaffung der Abendbeleuchtung und Einführung der Pension.

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