Klare Strukturen, vorgegebene Kurse

Harm Hospers, Vize-Rektor der Universität Maastricht, erläutert niederländische Lösungen

Text: Sophie Jaeger | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Harm Hospers, seit 2015 Vize-Rektor der Universität Maastricht, zuvor Leiter des University College Maastricht und Dekan der Fakultät für Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften, erklärt: Die Differenzierung beginnt in den Niederlanden bereits in der Primarstufe.

Entscheidung für Universität oder Fachhochschule mit zwölf Jahren

Nach dem Besuch der allgemeinen Grundschule im Alter von vier bzw. fünf bis zwölf Jahren kann man in den Niederlanden zwischen drei unterschiedlichen Schultypen wählen. Einrichtungen der berufsbildenden Sekundarerziehung (VMBO) bereiten bei einer Dauer von vier Jahren auf eine Lehre vor. Eine fünfjährige Schulform (HAVO) berechtigt nach Abschluss zum Besuch einer Fachhochschule. Die sechsjährige Sekundarschule (VWO) ist die Voraussetzung für ein Universitätsstudium. Allen drei Schulen gemein ist eine "Übergangsklasse", die zur Orientierung dienen soll. Demnach entscheiden sich junge Erwachsene in den Niederlanden nicht erst nach dem Schulabschluss für Universität oder Fachhochschule, sondern treffen diese Entscheidung bereits im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren, wenn sie sich auf die Abschlussprüfung der Grundschule vorbereiten.

Deutlich mehr Fachhochschulen als Universitäten

In den Niederlanden gibt es derzeit 14 Unis und 37 Fachhochschulen, die "hoger beroepsonderwijs" (HBO). Diese bieten berufsbezogene Studiengänge mit starkem Fokus auf Praxiserfahrung, ähnlich wie in Österreich. Auffällig ist, dass das Verhältnis zwischen Unis und Fachhochschulen in den Niederlanden anders gewichtet ist als in Österreich. Hierzulande gibt es ebenfalls mehr Fachhochschulen (25) als (staatliche) Universitäten (21), aber der Unterschied fällt deutlich geringer aus. So verteilen sich auch die Studierendenzahlen unterschiedlich auf die Hochschultypen. An den 37 Fachhochschulen der Niederlande studieren 62,9 Prozent aller Studierenden, während es in Österreich lediglich 12,6 Prozent sind.

Das große Interesse an Fachhochschulen in den Niederlanden hängt hauptsächlich mit der bereits beschriebenen frühen Differenzierung im Schulsystem zusammen. Für den Besuch der sechsjährigen Sekundarschule, die mit der Universitätsreife abschließt, ist ein ausgezeichnetes Abschlusszeugnis der allgemeinen Grundschule erforderlich.

Im niederländischen Schulsystem wird damit bereits sehr früh die Leistung der Kinder in den Vordergrund gestellt. Diese gilt schließlich als alleiniges Kriterium dafür, ob das Kind in sechs Jahren ein Universitätsstudium aufnehmen kann oder nicht. Schüler mit mittelmäßigen Leistungen besuchen die vielen fünfjährigen Sekundarschulen und können danach an einer HBO lernen. Harm Hospers hebt allerdings hervor, dass Schüler der fünfjährigen Schulform mit ausgezeichneten Leistungen auf die sechsjährige Variante wechseln und somit auch die Universitätsreife erlangen können. "Analog dazu können solche, deren schulische Leistungen sich stark verschlechtern, von einer sechsjährigen an eine fünfjährige beziehungsweise von einer fünfjährigen an eine vierjährige Schule versetzt werden", führt er aus.

Ein Jahr verpflichtende Praxis für Studierende an HBOs

Ein großer Unterschied zu hiesigen Fachhochschulen ergibt sich auch durch die Titel, die von den niederländischen vergeben werden. "Ein HBO-Bachelor von einer Fachhochschule in den Niederlanden unterscheidet sich im Niveau von einem Universitätsbachelor", sagt Hospers. Deswegen berechtigt ein solcher Abschluss auch nicht automatisch zu einem Master-Studium an einer Uni. "Absolventen einer HBO müssen vorbereitende Kurse absolvieren, bevor sie zu einem Master an einer Universität zugelassen werden können."

Der Vize-Rektor erklärt außerdem, dass solche Kurse üblicherweise ein ganzes Jahr in Anspruch nehmen. Dieses Vorbereitungsjahr resultiert daraus, dass Studierende an niederländischen Fachhochschulen ein ganzes Praxisjahr absolvieren müssen. Österreichische FH-Studierende absolvieren ebenfalls verpflichtende Praktika, allerdings steht dafür höchstens ein Semester zur Verfügung.

Für Nicht-EU-Ausländer sind Studien sehr teuer

Starke Kontraste zwischen dem österreichischen und niederländischen Hochschulsystem ergeben sich im Bereich der Studiengebühren. Während für EU-Bürger an österreichischen Unis pro Semester lediglich der ÖH-Beitrag (19,20 Euro) zu entrichten ist und die FH-Studiengebühren 363,63 Euro pro Semester nicht übersteigen dürfen, werden an niederländischen Hochschulen deutlich höhere Beträge fällig. Für das Studienjahr 2017/18 betragen die Gebühren für Kurse an Unis und HBOs rund 2.000 Euro, auch für EU-Bürger, die die Möglichkeit haben, staatliche Studienkredite aufzunehmen.

Studierende von außerhalb der EU haben mit deutlich höheren Gebühren zu rechnen. Für sie setzen die einzelnen Universitäten die Studiengebühren selbst fest, wie Hospers erklärt.

"Bei den Bachelor-Programmen an der Universität Maastricht reichen die Studiengebühren von 7.500 bis zu 10.000 Euro, Master-Studierende aus dem Nicht-EU-Ausland zahlen bis zu 32.000 Euro jährlich." Selbst der Höchstsatz an Studiengebühren öffentlicher Universitäten in Österreich, der beispielsweise für Studierende aus Russland und der Türkei fällig wird, liegt lediglich bei 745,92 Euro pro Semester, also bei 1.491,84 Euro im Jahr - vergleichsweise wenig.

Keine Zugangsbeschränkungen in den Niederlanden

Für die meisten Studiengänge gibt es keine Zugangsbeschränkungen. Wie eingangs beschrieben, verlangen Universitäten zur Zulassung den Abschluss einer sechsjährigen Sekundarschule. Aufnahmetests zur Reduktion der Erstsemestrigenzahlen wie in Österreich gibt es aufgrund der Studiengebühren nicht. "Einige Studienrichtungen legen eine maximale Studierendenzahl fest, was zu diversen Auswahlverfahren führt. Dies ist bei rund zwanzig Prozent der universitären Master-Studiengänge der Fall", erläutert Hospers.

Da in Österreich viele FH-Studierende an den Fachhochschulen besonders die schulische Organisation schätzen, liegt die Frage nahe, ob HBOs in den Niederlanden bei den Studierenden ebenfalls durch klare Strukturen und vorgegebene Kurse punkten. Hospers erklärt, dass sowohl HBOs als auch Universitäten auf fixe Kurse setzen.

Während sich in Österreich ein universitäres Studium von einem Studium an einer Fachhochschule stark durch die größere Selbstorganisationsfähigkeit der Uni-Studierenden unterscheidet, folgen niederländische Studierende auch an den Universitäten fixen Stundenplänen. "Obwohl manche Studienrichtungen Spezialisierungen nach zwei oder drei Jahren zulassen, sind die jeweiligen Kurse und Vorlesungen auch in den Spezialisierungen fix vorgegeben", erklärt Hospers.

Die Kinder schon früh in ihrer Begabung fördern

Differenzierung im Hochschulsektor sieht er als Möglichkeit, junge Menschen mit verschiedenen Begabungen und Interessen gezielt zu fördern. "Durch Differenzierung kann auf die Bedürfnisse akademisch interessierter sowie praktisch veranlagter Studierender ideal eingegangen werden." Einen weiteren Vorteil der Differenzierung sieht Hospers darin, dass zwei unterschiedliche Hochschultypen in der Ausbildung hochqualifizierter Arbeitskräfte besser auf die diversen Anforderungen des Arbeitsmarkts eingehen können.

Die frühe Auswahl in der Schule durch die differenzierte Sekundarstufe sieht er grundsätzlich positiv. "Die Sekundarschulen an die kognitiven Fähigkeiten der Kinder anzupassen hat viele Vorteile gegenüber einer Gesamtschule, in der alle Jugendlichen ungeachtet ihrer Begabungen gemeinsam unterrichtet werden."

Dennoch räumt er ein, dass das niederländische System nicht perfekt ist. "Untersuchungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass Kinder aus bildungsfernen Schichten deutlich geringere Chancen auf einen universitären Abschluss haben als Kinder aus Akademikerhaushalten." - Eine Feststellung, die eben nicht nur für die Niederlande gilt.

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