Vom Nutzen und Nachteil des Narrativs für die Analyse des Hochschulsystems

Auszüge aus dem Vortrag von Julika Griem, Vizepräsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, bei der Tagung der Wissenschaftsräte

Barbara Freitag | aus HEUREKA 3/17 vom 07.06.2017

Konstruktion des Narrativs: "In der gegenwärtigen Beschwörung des Narrativs klingt oft mit, dass ein solches einfach gefunden wird, wenn man nur engagiert genug sucht. Narrative werden aber gemacht, und sie verdanken ihre Effekte folgenreichen Selektions-und Kombinationsleistungen, also auch Ausschlüssen und Manipulationen."

Narrativ folgt Vision: "Interessanterweise hat ja die Rede vom Narrativ in Selbstbeschreibungen von Hochschulen die Konjunktur von Visionen abgelöst. Mit dieser Umorientierung ist aber noch nichts darüber gesagt, wie ein durch visuelle Symbole gestütztes Narrativ Chronologie in Kausalität und Plausibilität in Legitimität transformieren kann."

Das Eigensinnige der Universität: "Ich denke nach wie vor, dass der Begriff des Narrativs für die Selbstsymbolisierungen von Universitäten in die Irre führt. Er verspricht eine singularisierte Form handlungsleitender, normativer Plausibilisierung, die die eigensinnigen und heterogenen Reflexionsbedürfnisse vieler Universitätsangehöriger unterschätzt. [...] Lernende, Lehrende und Forschende wollen aber nicht nur erzählen bzw. sich erzählen lassen, sie wollen ebenso gern - das hoffe ich zumindest inständig -auch kämpfen und spielen."

Leitbild als Alternative zum Narrativ: "Die Kategorie des Leitbildes im Sinne eines Ensembles von Leitideen und Leitdifferenzen eignet sich unter Umständen besser, um die anspruchsvollen Vermittlungsleistungen institutioneller Selbstverständigung nicht dem Appeal einer ,story' zu opfern.

Ein Leitbild nennt seine Normativität beim Namen und läuft damit weniger Gefahr, diese als eine suggestiv-alternativlose Entwicklung zu maskieren."

Appell zu Irritation und Fiktionalität: "Ebenso wichtig erscheint mir, dass wir Schlagworte wie zum Beispiel ,disruption' und ,storytelling' durch Prinzipien ersetzen, die der Eigenart einer wissenschaftlichen Organisation gerecht werden. Statt gezielter ,Störung' von Zusammenhängen empfiehlt sich die Lust, sich irritieren zu lassen; statt einer Fixierung auf Narrative ein Bewusstsein für Fiktionalität als Grundlage institutionellen Handelns: Gerade wenn man sich immer wieder neu auf Rechtfertigungsnarrative verständigen muss, kann es helfen, dieses in einem Geist des ,als ob', des ,es könnte auch anders gehen' zu tun."

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