: FREIBRIEF

Zwei Wege

Florian Freistetter | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

"Gott wird sich schon um den Klimawandel kümmern", sagte kürzlich der republikanische Abgeordnete Tim Walberg. Die Demokratin Nancy Pelosi berief sich ebenfalls auf Gott, als sie Präsident Trump für dessen Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen kritisierte: "Die Bedürfnisse der Umwelt zu ignorieren, heißt den Gott zu missachten, der uns geschaffen hat." Steht Gott nun auf der Seite der Klimaschützer, oder hält er es eher mit denen, die den menschengemachten Klimawandel leugnen? Das mag man sehen, wie man will, auf jeden Fall ist es keine wissenschaftliche Debatte.

Wissenschaft und Glaube sind zwei fundamental unterschiedliche Wege, um auf die Welt zu blicken, denn sie sind nicht vereinbar: Wissenschaft ist gerade das, was man nicht glauben muss. Glauben kann man nur an etwas, über das kein verlässliches Wissen vorhanden ist. Das bedeutet nicht, dass alle Wissenschafter Atheisten sein müssen. Es gibt genug Forscherinnen und Forscher, die kein Problem damit haben, ihren religiösen Glauben mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit in Einklang zu bringen. Eines darf man aber nicht: "Gott" oder andere religiöse Konzepte im Rahmen einer wissenschaftlichen Argumentation zu verwenden.

Dennoch begegnet man dieser Taktik oft auch in der modernen Astronomie und Physik. Was war vor dem Urknall? Was hat die Entstehung des Universums verursacht? Darauf hat die Wissenschaft noch keine Antwort (aber einige interessante Hypothesen). Trotzdem kann man nicht einfach mit "Gott!" dazwischen grätschen. Diese Antwort ist höchstens dann eine, wenn man auch an Gott glaubt. Ansonsten ist sie komplett sinnfrei.

Wollte man sie sinnvoll machen, müsste man definieren, was das Wort "Gott" bedeutet - und das ist unmöglich. "Er ist außerhalb der Natur, außerhalb des Raums, außerhalb der Zeit", sagte kürzlich Guy Consolmagno, der Leiter der Vatikanischen Sternwarte bei einem Besuch in Wien. Damit sagte er aber gleichzeitig auch gar nichts.

Die Vermischung von Wissenschaft und Religion kann nur zu Problemen führen. Wir betreiben Wissenschaft, um objektive Erkenntnisse zu erlangen. Wir forschen, um nicht alles glauben zu müssen. Mit einem "Gott" in der Argumentation ist das unmöglich.

Mehr von Florian Freistetter: http://scienceblogs. de/astrodicticum-simple

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige