: BRIEF AUS BRÜSSEL

EU-Spocks

Emily Walton | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Stimmt schon, die großflächige Erweiterung der Europäischen Union, wie wir sie in den vergangenen 25 Jahren erlebt haben, wird vorerst vorbei sein. Mit den Ländern des Westbalkans wird noch verhandelt, doch viel mehr dürfte es in naher Zukunft an realistischen Erweiterungsoptionen nicht geben. Doch bis ins Jahr 2200, wenn die Enterprise mit Kapitän Kirk und Mr. Spock im Weltall unterwegs ist, wäre ja noch Zeit. Genug Zeit, um in der EU wieder zu erweiterungsfreudigerer Stimmung zu gelangen - und auch genug Zeit, um Spocks Volk, die Vulkanier, in den unendlichen Weiten des Weltalls aufzuspüren.

Und wie würden Beitrittsverhandlungen mit den Vulkaniern wohl aussehen? Hierzu ein kleines Gedankenexperiment:

Als grundsätzlich Gewalt ablehnendes Volk würden die Vulkanier gut zum Friedensprojekt EU passen. Auch ein zentraler ethischer Grundsatz wäre mit der komplexen Kompromissfindung in einem vielfältigen demokratischen Gebilde wie der Union wohl kompatibel: Die Vulkanier streben danach, die Bedürfnisse von möglichst vielen Menschen zu erfüllen. Auch wenn sie selbst zu diesem Zweck zurückstecken müssen. Man könnte also davon ausgehen, dass die vulkanische Delegation in hitzigen Brüsseler Gipfelnächten nur im Ausnahmefall den berühmten Spock-Griff anwenden wird, um Kontrahenten vorübergehend zum Schweigen zu bringen.

Als großes Plus für die gesamte Gemeinschaft dürfte sich der vulkanische Hang zur Logik erweisen: Mancher Verhandlungsrunde würde es zweifelsohne gut tun, säße jemand wie Spock am Tisch, der sich erst dann zufrieden gibt, wenn das Ergebnis objektiv betrachtet Sinn macht - und nicht nur der kleinste gemeinsame Nenner ist, der möglichst viele Einzelwünsche gleichzeitig erfüllt.

Wer den EU-Übersetzungsdienst schon einmal live erlebt hat, wird sich sicherlich auch keine Sorgen machen, dass Vulkanisch als weitere Amtssprache der Union ein Problem darstellen könnte. Ein Zugeständnis müsste man den außerirdischen Beitrittskandidaten dann aber doch abringen: Dass sie darauf verzichten, Ministertreffen und Gipfel auf ihrem Heimatplaneten abzuhalten -jedenfalls, bis die Anbindung des Vulkan an Europa mit öffentlichen Verkehrsmitteln besser ausgebaut ist.

Dif-tor heh smusma! (Lebe lang und in Frieden!)

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