Heilsversprechen in heillosen Zeiten

Warum zieht es uns zu Religionen oder Ersatz-Religionen?

Text: Joshua Köb | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Am finnischen Meerbusen, zwischen Fichten und Birken, steht ein kleines hölzernes Kirchlein mit goldenem Zwiebelturm. Wir befinden uns unweit der ehemaligen Zarenstadt St. Petersburg. Das Heiligtum wird von einer greisen Frau mit Kopftuch und Goldzähnen gehütet. Die Kirche ist knapp zwanzig Quadratmeter groß und mit Ikonen vollgestellt. Ein starker Geruch nach Weihrauch und Wachs erfüllt den Raum. Orte wie diesen gibt es heute wieder in ganz Russland. Nach dem Ende des Kommunismus erwachte der orthodoxe Glaube und besetzte eine offen daliegende spirituelle Lücke.

In St. Petersburg kehrte mit dem alten Stadtnamen auch der christliche Glaube zurück. Der politisch verordnete Atheismus wurde auf dem Müllhaufen der postsowjetischen Geschichte entsorgt. Beweist der Untergang des Kommunismus die Unmöglichkeit einer atheistischen Gesellschaft? Warum lässt sich die Spiritualität nicht totkriegen? Siebzig Jahre Unterdrückung und Verfolgung haben die Religion nicht zum Ersticken gebracht. Blickt man heute in die ehemaligen Sowjetstaaten, zeigt sich überall ein ähnliches Bild: Kaum irgendwo sonst auf der Welt erlebt das Christentum eine solche Blüte. Nirgendwo sonst wird der Kirche eine solche Machtfülle eingeräumt. Auch in ehemals kommunistischen Staaten Südostasiens haben Volksglaube und Ahnenverehrung überlebt. Einzig Nordkorea bleibt in seiner Isolation ein blinder Fleck auf der Karte. Doch das bizarre Staatsgebilde ist alles andere als ein Vorzeigemodell.

Der Mensch: Immer einen Schritt über sich hinaus

Ein Leben ohne Gott wurde also nicht erst in futuristischen Utopien wie Star Trek imaginiert, sondern tatsächlich erprobt. Doch mit wenig Erfolg. Für uns christlich geprägte Mitteleuropäer, die den Glauben an die eine Wahrheit verloren haben, ist Russland ein naheliegendes Beispiel dafür.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass die Religion im Westen ausgedient hat. Vernunft hat alles Irrationale des Feldes verwiesen. Selbst die Theologie gibt sich im zahmen Gewand, argumentiert gar mit wissenschaftlichen Thesen. Hat der unaufhaltsame Fortschritt von Wissenschaft und Technik die religiösen Bedürfnisse in Luft aufgelöst? - Nein, meint der Genetiker Markus Hengstschläger: "Ob wir wollen oder nicht, viele Dinge müssen wir glauben, weil sie wichtig, aber so nicht beweisbar sind." Trotz des wachsenden Wissens um den Menschen und seine Einbindung in den Kosmos wird es immer Lücken geben. Nicht alles lässt sich wissenschaftlich beweisen. Erkenntnis und Hoffnung bleiben voneinander geschieden. Die Religion wird daher nicht verschwinden.

Auch der Theologe Gregor Maria Hoff, Professor für Fundamentaltheologie, hält, freilich aus einer anderen Perspektive, die spirituellen und religiösen Bedürfnisse für einen konstitutiven Zug des Menschen: "Der Mensch ist in seinem Denken und seinen Praktiken förmlich exzessiv - immer einen Schritt über sich hinaus, suchend und fragend." Genetische Grundlagen für das Glauben, ob religiös oder nicht, lassen sich für Hengstschläger übrigens keine ausmachen.

Wenn der Mensch Schöpfer wird - sind wir dann (endlich) Gott?

Alle Beschränktheit mindert nicht den wissenschaftlichen Drang, nach Antworten zu suchen und in aufklärerischer Manier die Finsternis zu erhellen. Wenn bald der Mensch Schöpfer spielen kann bzw. darf, wird kein Stein mehr auf dem anderen bleiben. Dann sind wir Gott. Doch was für ein Gott soll das sein? Ein Gott, der den eigenen Untergang herbeisehnt und Technologie zur Vernichtung seines Lebens und dessen Grundlagen entwickelt? Diesem selbstermächtigten Gott wird schon bald die Hybris drohen. Ohne Gott keine Moral - das proklamierte bereits Dostojewski (Russland!). Mit der Verderbtheit eines religionslosen, oberflächlichen Menschengeschlechts argumentieren heute wie damals die Fundamentalisten.

Bei all dem Lärm wird die Realität leicht vergessen. Die Fakten zur Religiosität der österreichischen Bevölkerung zeichnen tatsächlich ein etwas anderes Bild, als mancher Prophet des wahren Glaubens uns glauben machen will: Hierzulande wird noch immer gern und stark geglaubt, nur nicht mehr im konfessionell begrenzten Rahmen. Wer bloß den eigenen Augen traut, kann sich in Italien oder Spanien ein Bild von der ungebrochenen Religiosität machen. Auch in den USA, ehemals Anführer der modernen Welt, hat die Rationalität weder über den evangelikalen Fundamentalismus noch über die zahlreichen Sekten triumphiert. Von einem Siegeszug des Atheismus kann also keine Rede sein.

Verschiedene Versuchsanordnungen zur universellen Spiritualität

Sogar in vernunfterprobten Kreisen bekennt man sich bevorzugt zum schlichteren, weniger dogmatischen und allenfalls korrigierbaren Agnostizismus: Man wisse nicht, ob es einen Gott gibt. Was bei all dem selten zur Debatte steht, ist jedoch die Spiritualität. Dazu brauche es schließlich keiner wie auch immer gearteten Gottheit. Stimmt das?

Spiritualität wird heute oft als universelle Kategorie definiert. Jeder besitzt sie, also sind wir alle gleich. So kann man sich dem Harmonietraum überkonfessioneller Verbundenheit nähern. Diesen Trend zur Spiritualität bestätigt der Theologe Gregor Hoff, wenngleich dabei oft religiöse Traditionen "im Zeichen neuer Zuschreibungen" kolonialisiert würden.

Ähnlich modischen Trends sprießen aus dem Repertoire der Weltreligionen künstliche Formen der Spiritualität. Dem Zeitgeist entsprechend handelt es sich paradoxerweise meist um recht körpernahe Formen, dank Yoga und Entschlackungs-Smoothie im Einklang mit der eigenen Natur. Heilsversprechen werden vom Jenseits ins Diesseits transformiert. Jeder ist seines eigenen (Seelen-)Heiles Schmied. Gregor Maria Hoff erkennt darin die Einrichtung eines neuen religiösen Lebensraums. Es handle sich "um kreative Versuchsanordnungen und Stellproben für einen spirituellen Zugang zur Wirklichkeit". Die Suche nach alternativen Spiritualitätsquellen offenbart eine leichte Unbeholfenheit mit Transzendenzerfahrungen. Dass es nach dem Leben aus ist, glaubt in Österreich nur die Hälfte der Bevölkerung.

Auf der anderen Seite entsprießt den Unsicherheiten einer postmodernen Multioptionsgesellschaft die Tendenz zur religiösen Rückbesinnung. Einfache Wahr-und Gewissheiten sind wieder gefragt. Orientierung dank klarer Regeln und ein kollektiver Sinnhorizont erklären bis zu einem gewissen Grad auch die Faszination junger Menschen für die obskuren Heilsversprechen des Dschihadismus.

Das Heilsversprechen des modernen Konsumismus

Heilsversprechen besitzen also noch immer Attraktivität. Besonders auf die politische Bühne treten nacheinander Erlöserfiguren in säkularer Form: Obama, Schulz, Macron und vor Kurzem Kurz. Verrät die aktualisierte Hoffnung auf baldiges Heil angesichts einer als Krisenzeit wahrgenommenen Epoche nicht eindrucksvoll die Sehnsucht nach Erlösung, einem besseren Leben, einer besseren Zukunft? Und ist es nicht doch die Wissenschaft, die mit Stammzellenforschung, Neuro-Enhancement, Gentechnik oder Kryonik ein solches Versprechen nach dem anderen gibt?

Ganz so weit will man selbst dort nicht gehen. Markus Hengstschläger schiebt dem Unsterblichkeitstraum einen Riegel vor: "Der Alterungsprozess wird zwar immer besser wissenschaftlich verstanden, aufgehalten wird er dadurch aber nicht wirklich." Dennoch wird eifrig weiter geforscht, wie das durch Silicon-Valley-Milliarden geförderte Projekt Calico (California Life Company) beweist.

Allem künftigen Heil zum Trotz: Dem Konsumismus reicht keine der gängigen Religionen und spirituellen Versuchsanordnungen das Wasser. Zwar benötigt auch er seine Mythen und Rituale, doch schadet ihm das bessere Wissen um die Leere seiner Versprechen keineswegs. Vielmehr ergibt sich heute der mittlerweile vom Glauben abgefallene Kunde dem Priester "Werbung" mit ungebrochener Bereitwilligkeit. Von Rationalität auch hier keine Spur. Und trägt nicht auch der Fan-Kult, ob im Fußball oder bei Star Trek, religiöse Züge?

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