Gott ist Gaga

In welcher Beziehung steht der zeitgenössische Fan-Kult zu traditionellen Religionsformen?

Text: Bernadette Strohmaier | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Little Monsters sind mehr als eine Fan-Gemeinschaft, wir sind eine Familie. (...) Little Monsters sorgen füreinander, wir haben eine ganz besondere Bindung und wir versuchen immer mutig zu sein und stehen für uns selbst. Unsere Kreativität hat uns zu einigen erstaunlichen Fähigkeiten getrieben, und wir sind bekannt für die Outfits, die wir bei Gagas Konzerten tragen! Unsere Bindung ist mehr, als nur denselben Star zu lieben. Unser Band basiert auf der Philosophie, die wir teilen. Wir alle glauben an die Bedeutung von Liebe, Mitgefühl und Toleranz. Wir versuchen echt, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. (...), wir alle lieben Lady Gaga."

Gaga-Religion voller kleiner Monster mit gesellschaftlichem Anspruch

Diese Worte stammen von einem Fan der US-amerikanischen Popsängerin Lady Gaga anlässlich einer Umfrage des Musikmagazins Billboard, was es bedeutet, zur Lady-Gaga-Fan-Gemeinschaft - von ihr als "Little Monsters" bezeichnet - zu gehören. Tausende "Little Monsters" jubeln auf der ganzen Welt, wenn ihr "Mother Monster" auf der Bühne ihre Kritik gegen Politik und institutionalisierte Religion hinausruft - gekleidet in futuristischem, durchsichtigem Plastikkostüm und mit Nonnenschleier auf dem Haupt.

Liest man den Text des Gaga-Fans, drängt sich die Frage auf, ob der Fankult rund um Stefani Germanotta, so ihr bürgerlicher Name, nicht bereits selbst zur Religion geworden ist. Auch Lady Gaga bezeichnete in einem Interview mit dem Guardian ihre "Monster"-Tournee als eine "religiöse Erfahrung".

Manche Fans erleben ihren Fan-Status als religiöse Erfahrung

Doch was ist Religion eigentlich, und ab wann sind Bewegungen als religiös zu bezeichnen? Auch für die Wissenschaft keine eindeutig zu beantwortende Frage. Vielfach beziehen sich die Definitionen auf das Übernatürliche, das die Religion charakterisieren soll, auf etwas, das außerhalb des eigenen Erfahrungsbereiches liegt.

"Im Grunde spreche ich dann von Religion, wenn Menschen einen besonderen Bereich markieren, sei es durch spezifische Handlungen, oder ganz materiell, oder kommunikativ, ein spezifischer Bereich, der als heilig gilt, als besonders, als nicht direkt zugänglich, transzendent", sagt Thomas Schmidt-Lux, Religionssoziologe am Institut für Kulturwissenschaften der Universität Leipzig. Ein weiter Religionsbegriff.

Religion ist also nicht nur die römischkatholische Kirche, der Islam oder etwa die Verehrung des Buddha. Ob nun jemand, der Lady Gaga, die Beatles oder Elvis verehrt, sein Fan-Sein bereits in religiöser Weise betreibt, hängt sehr von der jeweiligen Person ab, meint Schmidt-Lux, der sich sozialwissenschaftlich mit dem Thema "'Fans und Religion" beschäftigt. Er sieht es keinesfalls so, dass kein Unterschied zwischen Fan-Sein und Religion besteht. Bei Teilen von Musik-Fans könne man jedoch sehr wohl von Religion sprechen, "wenn ein spezifischer Gegenstand oder eine Person im Grunde als heilig, als sakral in besonderer Weise verehrt und für gut befunden wird".

In einer Studie befragten die Soziologen Jochen Roose von der Freien Universität Berlin und Mike S. Schäfer von der Universität Zürich Fußball-Fans, wie intensiv sie ihre Beziehung zu ihrem Fußballclub erleben (über Musik-Fans gibt es kaum Studien): Fünf bis zehn Prozent der Befragten bezeichneten sich als hochengagiert und "potenziell" fan-religiös. Solche Fans kleiden sich häufig wie ihr Idol, geben oft reichlich Geld für Fan-Artikel aus, verbringen große Teile ihrer Freizeit mit ihrem Star.

1956 war es den allermeisten Elvis-Fans lediglich möglich, wieder und wieder die Nadel außen auf die Langspielplatte zu setzen, um den Hit "Heartbreak Hotel" zu hören. Nur die allerwenigsten sahen damals ihr Idol auch auf einem Fernsehbildschirm oder gar live. Heute folgen knapp 67 Millionen Fans Lady Gaga auf Twitter, sind knapp 57 Millionen Fans mit ihr auf Facebook "befreundet" - rund um die Uhr. Sogar mit der Chance, eine persönliche Antwort von Gaga zu erhalten. Es ist, so betrachtet, heute einfach, mithilfe der Medien, sein Fan-Objekt - so der Fachbegriff - aus einer Vielzahl an Angeboten auszuwählen und zu verehren. Wenn Online-Fan-Gemeinschaften ihren Fan-Status im weltweiten Netz kollektiv kultivieren und pflegen, stärkt dies nicht nur ihr Gemeinschaftsgefühl, es verstärkt auch noch ihren Fan-Kult.

Individueller Glaube und soziale Zugehörigkeit im Fan-Kult

"Wenn ich von Religionen oder Religiosität spreche, habe ich immer zwei Komponenten", sagt der Religionssoziologe Gert Pickel vom Institut für Praktische Theologie der Universität Leipzig. "Das ist individueller Glaube, aber auch soziale Zugehörigkeit. Im Fan-Kult finden wir das wieder."

Auch der Psychotherapeut und Jungianische Psychoanalytiker Reinhard Skolek, Lektor an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien, sieht hier Parallelen zur Religion. Der Mensch fühle sich im gemeinschaftlichen Verehren aufgehoben in einem größeren Ganzen. Es sind Menschen, die das gleiche fühlen und einen in seinen Gefühlen bestätigen. Christen treffen sich sonntäglich in der Kirche, Richard-Wagner-Fans pilgern jährlich zu den Bayreuther Festspielen, Elvis-Fans zieht es gemeinschaftlich nach Graceland in Memphis, wo sie an der Candlelight Vigil, einer jährlich stattfindenden Lichterprozession zum Andenken an Elvis, teilnehmen. "So wie der Priester nicht Gott ist, sondern zu Gott Vermittlertätigkeit ausübt, machen die Popsänger das gleiche. Sie stellen eine Beziehung her zu etwas, das aus ihnen heraus spricht, das größer ist als sie, eine große Emotion, eine große Idee. Wenn man so will, wie Gott", sagt Jungianer Skolek. Der Psychologe und Psychoanalytiker Carl Gustav Jung beschäftigte sich zeitlebens intensiv mit der Psychologie der Religion. Für Jung waren religiöse Gefühle numinose Erfahrungen. Also Erfahrungen mit den großen Kräften wie Liebe, Wut oder Angst, die uns überkommen, von außerhalb unseres Bewusstseins stammen. Nur wer eine religiöse Seele besitzt und sie auch bewahrt, ist in den Augen Jungs auch seelisch gesund. Mit Glaubensrichtungen oder der Zugehörigkeit zu einer Kirche hat dies jedoch nichts zu tun. "Finde dich selbst", sagt man heute. Ob Jung auch dem intensiven Erleben eines Konzertbesuchs numinose Erfahrungen zuschreiben würde?

Zustände außerhalb des Alltags, hoch ritualisiert und außerweltlich

Etwa wenn Lady-Gaga-Fans auf ein von völliger Dunkelheit umhülltes, pink angestrahltes Riesenschloss auf der Bühne blicken und von pulsierenden Klängen in Bann gehalten werden, um zu sehen, wie ihr Star auf einem Einhorn auf die Bühne reitet. Für Rupert Till, Musikwissenschafter am Institut für Musik und Schauspiel an der University of Huddersfield in England und Autor des populärwissenschaftlichen Buches "Pop Cult", befinden sich Fans in solchen Situationen in einem "liminalen Raum". Das ist ein Zustand außerhalb des normalen Alltags, in dem man etwas hoch Ritualisiertes erlebt. Lady Gaga kreiere eine außerweltliche Atmosphäre, in der sich Fans wie in einem alternativen Universum abbilden, in etwas Neues eingeführt werden.

"Gaga ist keine Religion, aber sie ist durchaus ähnlich einer Religion, da sie viele Funktionen erfüllt, die wir bei Religionen sehen", meint Till. Er ist der Ansicht, dass viele junge Menschen, die heute an der Musikszene und am Fan-Sein teilhaben, soziale Funktionen der Religion wie Gemeinschaftsgefühl oder die Verehrung einer heroischen Figur ersetzen bzw. ersetzt bekommen. Auch für den Religionssoziologen Gert Pickel haben traditionelle Religionen an sozialer Bedeutung verloren. Zum einen würden vermehrt Institutionen insgesamt abgelehnt, es nehme aber auch das traditionale Denken ab: In vielen Familien werde die Religionstradition nicht mehr weitergegeben. Fan-Kult nur als Ersatz zu sehen, sei aber zu kurz gegriffen, denn häufig ersetzt er Religion nicht, sondern geht damit einher. "Man kann gut Fan von Depeche Mode sein und dies auch wirklich ernst nehmen und trotzdem am Sonntag ganz traditionell in die Kirche gehen. Oder eben beides nicht."

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