: HORT DER WISSENSCHAFT

Nimm den Schleier, Uhura!

Martin Haidinger | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Auf irgendeinem Fernsehkanal laufen seit Monaten alle Star-Trek-Folgen von Spocks Geburt bis zur x-ten Generation.

Meine Lieblinge sind und bleiben dabei die Ur-Viecher vom Raumschiff Enterprise. Kirk, Scottie und Spock haben die Jugendtage behaust. Des Bordarztes Dr. McCoys (vulgo "Pille") ärztliche Kunst setzte im Kinde Haidinger die zarten Keime des Vertrauens zu den irdischen Weißkitteln, die das Bettchen des Kleinen umstanden, wenn denn Masern, Mumps und Feuchtblattern ausgebrochen waren, oder die Mandeln entfernt werden mussten.

Eine ganz besondere Schwäche hatte ich schon damals für das afrikanische Mitglied der Crew, die großartige Lieutenant Uhura. Sie beherrscht alle Sprachen, die in den unendlichen Weiten des Weltraums gesprochen, gefiepst oder telepathisch gemorst werden, und ist dabei auch noch unaufdringlich abgeklärt.

Autor Gene Rodenberrys polyglotte Charaktere aus aller Herren Länder machen klar, dass Star Trek eine politische Dimension hat, und zwar eine, die sich nicht im All, sondern auf der Erde entfalten soll. Gerade deshalb fiel der Pilotfilm im Jahr 1965 in den USA durch. Dort war man damals gerade auf einem nationalen Nachkriegstrip (und mitten im Kalten Krieg). Personen mit Namen wie Sulu, Checkov oder eben auch Uhura hätte man nach Texas vermutlich nicht ohne Weiteres einreisen lassen. Ein Pfui der Dumpfheit!

Wie den Kalten Kriegern und Kritikern zum Trotz ließ der bald darauf ausbrechende Kult um Star Trek dieses rührend naive Humanismusprojekt geradezu eine Religion werden. Trotzdem blieb es politisch.

Politik ist die Organisation des Zusammenlebens von Menschen. Nichts weiter. Und doch so viel mehr. Genau wie einzelne Individuen den Sinn ihres Lebens suchen, richten auch die meisten Politiker den Zweck ihres Tuns auf ein höheres Ziel hin. Solche nennt man Ideologen.

Die urtümlichste Form der Ideologie ist die Religion. Sie setzt den Sinn der Politik mit dem Streben hin zu Gott oder Göttern gleich, und zwar möglichst aller Mitglieder einer Gemeinschaft. Deren Bekenntnis zur gemeinsamen Religion ist die Einwilligung ins Zusammenleben. Sie wird in öffentlichen Ritualen beschworen und ständig erneuert. Welch ein Glück, dass die meisten Machthaber des 21. Jahrhunderts keine Trekkies sind. Sonst hieße es womöglich: Nimm den Schleier, Uhura!

Übrigens stammt "Uhura" aus dem Suaheli und bedeutet so viel wie "Freiheit". Faszinierend

Weitere Artikel lesen


Anzeige

Anzeige