: SPRACHWISSENSCHAFT

Textgestaltung per Blick, Kopf und Körper

Gebärdensprachen haben ihre eigene Grammatik und sind lokal unterschiedlich. Ein Forschungsprogramm befasst sich mit der österreichischen Form

Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Auch die Gebärdensprache ist wie die gesprochene Sprache ein Gegenstand wissenschaftlicher Forschung. Wer aber erforscht sie?

"Achtzig Prozent der Forschenden in diesem Bereich kommen aus anderen Fachrichtungen, etwa der Lautsprachlinguistik und dem Behindertenbereich, oder sie kommen durch ethnografische Studien zum Thema", erläutert Franz Dotter, pensionierter Leiter des Fakultätszentrums für Gebärdensprache und Hörbehindertenkommunikation (ZGH) der Alpen-Adria-Universität in Klagenfurt.

Forschungen zur Grammatik der Österreichischen Gebärdensprache

An der Universität Klagenfurt wird intensiv an einer Grammatik der Österreichischen Gebärdensprache, kurz ÖGS geforscht. "Wir haben im Jahr 2011 ein vom FWF gefördertes Projekt gestartet. Nun wurde gerade eben auch grünes Licht für ein Anschlussprojekt gegeben", sagt die Linguistin Andrea Lackner. Sie beschäftigt sich mit der Segmentation von ÖGS-Texten, also ihrer Unterteilung in Sinneinheiten. Das geschieht durch visuelle Mittel wie Blickkontakt, Kopf-und auch Körperbewegungen.

Wie gut muss man die Österreichischen Gebärdensprache denn eigentlich beherrschen, wenn man darüber forschen will?

"Aufgrund der Diskriminierung Gehörloser in der Bildung haben wir meist Teams mit hörender Leitung", sagt Franz Dotter. Er selbst hat die Gebärdensprache gelernt, so wie man jede andere Fremdsprache lernt.

Andrea Lackner gewann durch Kontakte zu Gehörlosen in der Kindheit erste Einblicke in die ÖGS. "Systematisch beschäftigt habe ich mich damit erst ab 1999 an der Universität Graz", sagt sie.

Kompetenz: 14 Sinneinheiten pro gebärdeter Redeminute

Bei dem von ihr koordinierten Projekt wurden ÖGS-Muttersprachler gebeten, verschiedene Arten von gebärdeten Texten (Erzählung, Lebenslauf) in Abschnitte zu unterteilen und diese Unterteilung zu begründen. Diese Segmentation erfolgt durch manuelle und nichtmanuelle Zeichen, sogenannte Anzeiger. Dazu gab es eine Vergleichsgruppe ohne ÖGS-Kompetenz. "Im Durchschnitt wurden vierzehn Sinneinheiten pro Minute genannt, sowohl von gebärdensprachkompetenten Personen als auch von jenen ohne Kenntnisse der Österreichischen Gebärdensprache. Das ist erstaunlich", sagt Lackner.

Die manuellen Anzeiger wurden von beiden Gruppen erkannt, Pausen immerhin zu vierzig Prozent auch von Personen ohne Kenntnisse der ÖGS. Doch die nichtmanuellen Anzeiger wie etwa Blickführung, Kopfnicken oder auch Blinzeln konnten fast ausschließlich von den ÖGS-Muttersprachlern verstanden werden.

Im zweiten Projektteil kamen nichtmanuelle Elemente in den Fokus. Dabei stellte sich heraus, dass bestimmte Kopf-und Körperbewegungen mehrere Funktionen und Bewegungsvarianten besitzen.

"Kopfschütteln etwa dient nicht nur zur Satznegation, sondern auch zum Ausdrücken von Gegensätzen, zum Aufzeigen der negativen Einschätzung eines Sachverhalts, oder zur Intensivierung", erklärt Andrea Lackner.

Das Kopfschütteln sei ein typisches Beispiel dafür, dass Vorsicht geboten ist, wenn man Wissen über lautsprachbegleitende Gesten auf die Gebärdensprache überträgt.

Eine hohe Ikonizität erleichtert die Grundkommunikation

Im aktuellen Projekt soll die Untersuchung, die bislang auf gehörlose Teilnehmer aus bestimmten Regionen, vor allem Salzburg, beschränkt war, auf ganz Österreich ausgeweitet werden. Auch in der ÖGS gibt es regionale Unterschiede.

"Diese bestehen entlang der alten Gehörlosenschulen. Aber dennoch kann man miteinander kommunizieren", sagt Franz Dotter. "Ich habe mich in den USA mit einem gehörlosen Chinesen im Restaurant eine Stunde lang unterhalten. Die hohe Ikonizität der Gebärdensprache ermöglicht eine gewisse Grundkommunikation." So werde alles, was mit dem Thema "Lernen" zu tun hat, in Kopfnähe gebärdet, und alles, was mit Gefühlen zu tun hat, in Bauchnähe. "Und im Notfall hilft immer noch das Fingeralphabet."

Linktipp: www.signnonmanuaLs.aau.at

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