Oben ist der Ort der höheren Einsicht

Und dort fliegt die Enterprise seit vielen Jahren. Ein Götterbote am Himmel?

Text: Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

"HaghmeH ghojmeH je lutmey", hieß es Ende März 2017 im Vorspann der "Sendung mit der Maus". Die Themen der kommenden Sendung werden kurz vorgestellt, zuerst auf Deutsch, danach in einer Fremdsprache. Woche für Woche raten Eltern und Kinder mit, um welche Sprache es sich diesmal handelt. "Das war klingonisch", klärt der Sprecher am Ende des Vorspanns auf. "Trekkies", also die Fans der "Star Trek"-Filme und -Serien haben die Lautfolgen natürlich erkannt. "HaghmeH ghojmeH je lutmey" bedeutet "Lach-und Sachgeschichten". Die Sprache, die Anfang der 1980er Jahre im Auftrag der Filmgesellschaft Paramount für die außerirdische Spezies der Klingonen geschaffen wurde, hat mittlerweile Kultstatus erreicht.

Kaltstart der Enterprise mit großen Hindernissen

Auch die fiktive Welt, der die klingonische Sprache entsprang, ist Kult: Die Erfolgsgeschichte von Star Trek umfasst mittlerweile über 700 Folgen in fünf Fernsehserien sowie dreizehn Kinofilme. Zu Beginn allerdings schien die Originalserie, die hierzulande als "Raumschiff Enterprise" bekannt wurde, unter keinem guten Stern zu stehen. Der 1964 von Star-Trek-Erfinder Gene Roddenberry gedrehte Pilotfilm "Der Käfig" fiel beim Fernsehsender NBC durch. Zu gewagt waren einige der darin aufgegriffenen Ideen für die damalige Zeit.

Erst nach einer fast kompletten Umbesetzung der Schauspieler und der Absetzung des weiblichen Ersten Offiziers war der Sender zufrieden. Die Enterprise startete am 8. September 1966 ihre Forschungsmission in die unendlichen Weiten des Alls. Doch die Einschaltquoten blieben mäßig, daher wurde die Serie nach nur drei Staffeln eingestellt. 47 Tage später kam es zur ersten Mondlandung. Das darauf folgende Interesse an der Raumfahrt bedeutete für "Raumschiff Enterprise" den Beginn großer Popularität.

Getragen wird das Star-Trek-Universum von Gene Roddenberrys Vision einer Welt, in der Universalismus herrscht. Im 23. Jahrhundert hat die Menschheit Armut, Krieg und Hunger hinter sich gelassen, Rassismus und Ungleichheit gehören der Vergangenheit an. Alle Menschen leben gleichberechtigt auf der Erde. Eine Idee, die sich auch in der bunt zusammengemischten Crew der Enterprise widerspiegelt: der Steuermann ist Japaner, der Navigator kommt aus Russland, der Kommunikationsoffizier ist nicht nur eine Frau, sondern auch dunkelhäutig. Last, but not least, verrichtet Mister Spock, ein Halb-Außerirdischer mit einer menschlichen Mutter und einem vom Planeten Vulkan stammenden Vater, als Erster Offizier seinen Dienst auf der Brücke.

Sie alle sind Bürger der "Vereinigten Föderation der Planeten". Diese Namensähnlichkeit mit den "Vereinigten Staaten von Amerika" ist alles andere als Zufall. "Wie in der Präambel der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung festgehalten, sind alle Bürger gleich, alle mit unveräußerlichen Rechten ausgestattet wie Leben, Freiheit und dem Streben nach Glück", schreibt der deutsche Philosoph Klaus Vieweg im Buch "Wozu braucht Gott ein Raumschiff? Die Philosophie in Star Trek", in dem er Parallelen zwischen der fiktiven Star Trekund der realen Welt zieht.

Star Trek sollte eine Philosophie des Wissens verbreiten

Davon gibt es viele, denn laut Vieweg war es Gene Roddenberrys Absicht, mit der Originalserie Philosophie zu verbreiten: Das Raumschiff Enterprise fliegt auf einer Entdeckungsreise ins Wissen. Als Vieweg in den 1990er Jahren gemeinsam mit seiner Tochter die Originalserie sah, sei "die philosophische Dimension deutlich sichtbar geworden". Als "gelungene Utopie" bezeichnet er die Sendung. Sie zeichnet eine optimistische Vision der menschlichen Zukunft und kritisiert dabei bestehende Verhältnisse.

"Aus philosophischer Sicht ist die Originalserie am interessantesten", meint Vieweg. Kernfigur ist für ihn dabei der spitzohrige Mister Spock, dessen Leitspruch "Logik ist der Anfang der Weisheit, nicht deren Ende" lautet. Nur mithilfe der Logik können Gefühle und Meinungen von Wissen unterschieden werden. Dementsprechend hält Spock tyrannisch-totalitäre Ordnungen und deren Verherrlichung für unlogisch und verweist auf den logischen Gedanken der Gerechtigkeit.

"In der Figur des Mister Spock finden die optimistisch-humanen Visionen von Gene Roddenberry einen besonders treffenden Ausdruck", sagt Klaus Vieweg. "Visionen, in denen eine wahrhaft menschlich gestaltete Welt hervorblitzt."

In der 1987 gestarteten Nachfolgeserie "Next Generation" wird die Idee der positiven Zukunft fortgeführt und sogar weiter konkretisiert. Im mittlerweile 24. Jahrhundert gibt es kein Geld mehr. Sogenannte Replikatoren wandeln Energie direkt in Materie um, unter anderem zur jederzeitigen Erzeugung von Nahrung. Wie ihre Vorgänger ist auch die Crew von Captain Jean-Luc Picard in friedlicher Mission im Dienste der Wissenschaft quer durch das Weltall unterwegs.

Die "Next Generation" verhilft Star Trek zu einem regelrechten Boom. In den USA sitzen pro Folge mehr als zehn Millionen Zuschauer vor den TV-Geräten. Mit "Deep Space 9" und "Raumschiff Voyager" starten in den 1990er Jahren zwei weitere Serienableger. Immer mehr Fans organisieren sich in Clubs und Vereinen, treffen sich auf Conventions oder schlüpfen in Rollenspielen in die Haut ihres Lieblingscharakters. 1996 erscheint hierzulande sogar das erste offizielle Klingonisch-Deutsche Wörterbuch.

Wie ist dieser außergewöhnliche Erfolg zu erklären? "Menschen brauchen gute Geschichten", meint Thomas Schärtl-Trendel, Professor für philosophische Grundfragen der Theologie an der Fakultät für Katholische Theologie der Universität Regensburg. "Geschichten machen Unfassbares greifbar und erleichtern den Umgang mit dem Unbekannten."

Schärtl-Trendl hat sich im Lauf seiner Karriere mehrfach mit den philosophischen, aber auch den theologischen Aspekten von Science Fiction auseinandergesetzt, die für ihn bei "Star Trek" durchaus vorhanden sind: Wie ein Himmelswagen reist die "Enterprise" durch ein grandioses Universum, bringt neue Ideen und Erkenntnisse. "Oben, also dort, wo das Raumschiff fliegt, ist der Ort der höheren Einsicht, an dem sich Wahrheiten auftun, aber auch neue Gefahren lauern", führt er aus. "Das Hauptthema von Star Trek ist die sich wiederholende interplanetare Begegnung mit dem Fremden, und genau dadurch erscheint es uns gar nicht mehr fremd."

Geschichten helfen Menschen, mit der Realität besser zurechtzukommen. Star Trek liefert ein ganzes Wertesystem dazu. Wissen, Vernunft und Gemeinschaft stehen hier im Zentrum und stiften Sinn, vergleichbar mit einer Religion. "Essenziell ist der Glaube an etwas Ultimatives", sagt Schärtl-Trendel. "Das kann ein Wert genauso sein wie eine Person oder die Natur."

Ist die Ära der großen Fragen auf der Enterprise vorbei?

Im Jahr 2001 geht unter dem Titel "Enterprise" die sechste und bislang letzte Serie, deren Handlung einhundert Jahre vor dem Original angesiedelt ist, auf Sendung. Allerdings kann diese die Erwartungen nicht erfüllen und wird nach vier Staffeln abgesetzt. "Das liegt an einer neuen Generation von Zuschauern, die anders sozialisiert wurde und daher eine andere Bildermacht gewohnt ist", sagt Schärtl-Trendel. "Next Generation und Deep Space 9 funktionieren wie Theater: Die Handlung spielt in höchstens drei bis fünf Räumen, es gibt wenige Spezialeffekte, der Fokus liegt auf dem Inhalt." Der Trend hin zum eher Optisch-Ästhetischen zeige sich in den neueren Star-Trek-Kinofilmen deutlich: "Die Geschichten sind simpler geworden, die großen Fragen werden nicht mehr gestellt."

Im kommenden Herbst soll übrigens, einundfünfzig Jahre nach Ausstrahlung der ersten "Raumschiff Enterprise"-Folge, die Erforschung des Weltalls mit der neuen Serie "Star Trek Discovery" weitergehen. Thomas Schärtl-Trendel ist skeptisch: "Der Grundgedanke, dass uns ausschließlich der technische Fortschritt klüger macht, ist in der heutigen Zeit schwer zu verkaufen." Mit Spannung erwartet wird die neue Serie von den nach wie vor zahlreichen Fans natürlich trotzdem. In diesem Sinne: Qapla'!

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