: MATHEMATIK

Ein Gespür für Geometrie

Für Michael Eichmair ist Mathematik Gefühlssache

Uschi Sorz | aus HEUREKA 4/17 vom 21.06.2017

Was hat Thomas Bernhard mit Mathematik zu tun? Für Michael Eichmair viel. "Ich habe sein akribisches Erfassen und Zergliedern von Innerlichkeit immer als sehr mathematisch empfunden", sagt er. Er ist mit 33 Jahren der jüngste Professor an der Fakultät für Mathematik der Universität Wien. "Für mich bedeutet meine mathematische Forschung, Gefühltes ebenso exakt zu vermessen und zu beschreiben." Was wohl nicht nur damit zu tun hat, dass er aus der Nähe von Ohlsdorf kommt, dem literarisch verewigten Rückzugsort des Schriftstellers.

"Versenke ich mich in mathematische Fragen, entwickeln sie für mich nach einer Weile Textur, Geruch, Temperatur, Farbe, Persönlichkeit." Zählen langweile ihn, stattdessen sehe er Bilder. Diesen eigenwilligen Zugang hat er auch zu seinem Fachbereich "Geometrische Analysis"."Da stehen oft ziemlich wilde Differentialgleichungen im Raum." Sie erlebt er wie Pop-up-Bücher. "Sie modellieren Zusammenhänge, die sich bei geübter Betrachtung geometrisch erschließen lassen."

Eichmair hat seinen PhD an der Stanford University gemacht, war am Massachusetts Institute of Technology und an der ETH Zürich. Aktuell untersucht er im Zuge eines START-Preis-Projekts die isoperimetrische Struktur von Raumzeiten.

"Dürften Sie sich so viel Grund nehmen, wie innerhalb eines Kilometers Zaun Platz hat, sollten Sie in der Pampa ein kreisrundes Stück wählen", veranschaulicht er die zentrale Frage der Isoperimetrie. Nämlich die, welche Figuren bei gegebenem Umfang den größten Flächeninhalt haben. "Gibt es einen Hügel, legen Sie das Grundstück besser um den herum." Die Wölbung vergrößere es. Bei gleichem Umfang. Sehr spannend seien isoperimetrische Fragen aufgrund der wechselseitigen Zusammenhänge in der Allgemeinen Relativitätstheorie. "Einstein hat uns ja die Gravitation wunderbar als unbeschleunigte Bewegungen in gekrümmten Räumen erklärt."

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