So viel Luft nach oben

Geistes-und Kulturwissenschaften stecken in einer Krise. Die Chance für bessere Ergebnisse

Text: Sophie Jaeger | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Wer ist schuld an der Krise der Geistesund Kulturwissenschaften? Sie selbst, meint Antonio Loprieno, Vorsitzender des Österreichischen Wissenschaftsrates. Das Projekt "Zukunft Hochschule", an dem Loprieno maßgeblich beteiligt ist, will Österreichs geistes-und kulturwissenschaftliche Studien aus der Krise heraus und in eine bessere Zukunft hineinführen. Die Initiative des BMWFW hat zum Ziel, Österreichs Hochschullandschaft zukunfts-und konkurrenzfähig zu machen. Im Rahmen des Projekts haben sieben Fokusgruppen an den Themen "FH-Portfolio" und "Durchlässigkeit" sowie an Reformkonzepten für fünf Studienfelder (Geistes-und Kulturwissenschaften, Life-Sciences, Wirtschaftswissenschaften, Informatik und Rechtswissenschaften) gearbeitet.

Neue Ausbildungsideen für sogenannte Orchideenfächer

Die Geistes-und Kulturwissenschaften (GK) gelten nicht erst seit Kurzem als Sorgenkind der Universitäten. Während in beliebten Studiengängen katastrophale Betreuungsverhältnisse und regelrechte Kämpfe um Plätze in Seminaren herrschen, stoßen viele Studien auf wenig Interesse. Sie attraktiver zu machen, war ein erklärtes Ziel des Projekts "Zukunft Hochschule".

Andrea Geisler vom BMWFW hat als Aktionsleiterin im Bereich der Geistes-und Kulturwissenschaften für den Austausch mit den Universitäten gesorgt und Workshops durchgeführt, in denen Ideen für die Justierung des Studienangebots erarbeitet wurden. Der neue Ansatz setzt auf interdisziplinäre Bachelorstudiengänge mit anschlussfähigen, fachspezifischen Masterstudien. Im Fall von Fächern wie Iranistik würde das bedeuten, dass nach Absolvierung eines allgemeinen Bachelors (etwa in Geschichte oder Sprachwissenschaft) ein fachspezifischer, spezialisierter Master in Iranistik gemacht werden kann.

Als weiteres Beispiel führt der Ägyptologe Loprieno, der an der Universität Basel lehrt, die Fächer Slawistik und Orientalistik an: "Es wäre viel besser für alle, würden solche Orchideenfächer gemeinsam mit großen Studiengängen wie Literaturwissenschaft und Linguistik unterrichtet werden. Die Spezialisierung in den einzelnen Fächern erfolgt dann im Master." Stellt sich die Frage, ob die Fächer bei der Umstellung auf ein solches System nicht an Tiefe verlieren würden. Dies verneint Loprieno und verweist darauf, dass sich die Gesellschaft und mit ihr die Studierenden verändert haben: "Das herrschende Studienmodell geht von anderen Prämissen aus als jenen, mit denen wir heute konfrontiert sind: Den idealen Studenten, der ab dem ersten Semester ägyptisch rezipieren kann, gibt es nicht mehr. Aus diesem Grund sind Einführungsstudien unbedingt notwendig, um die Basis für Spezialisierungen zu schaffen."

Fachhochschulen sollten gleich viele Studierende aufweisen wie Universitäten

Curricularen Änderungen im Bereich der GK-Studien kann auch der Vizerektor für Lehre und Studierende der Universität Innsbruck, Bernhard Fügenschuh, etwas abgewinnen. Fügenschuh war als Vertreter der Universität Innsbruck aktiv am Projekt "Zukunft Hochschule" beteiligt und ist der Meinung, dass eine curriculare Umstellung auf allgemeine Bachelorstudiengänge zweierlei Vorteile bringen würde: Einerseits werden so prekäre Fächer der Geistes-und Kulturwissenschaften überlebensfähig, und andererseits seien Veränderungen in den Curricula ohnehin notwendig, um sich von den Fachhochschulen klarer abzugrenzen.

"Zukunft Hochschule" strebt langfristig eine massive Stärkung der Fachhochschulen gegenüber den Universitäten an. Während heute 85 Prozent der Studierenden an Universitäten studieren und nur 15 Prozent an Fachhochschulen, soll künftig mehr als die Hälfte der Studierenden ebensolche besuchen.

"Ausdifferenzierungsprozesse im curricularen Bereich sind unabdinglich, weil sich die Universitäten in den letzten Jahren deutlich an den Fachhochschulen-Markt angepasst haben", sagt Fügenschuh. Umgekehrt hätten sich die Fachhochschulen in Richtung Universitäten orientiert, wodurch sich eine Art Melange ergibt, die für die Hochschullandschaft Österreichs nicht von Vorteil sei. Durch Anpassungen der Curricula kann Klarheit geschaffen werden. "Unis sollen wieder Unis werden, und Fachhochschulen ihrerseits Fachhochschulen bleiben", so der Vizerektor.

Die Angst der Geisteswissenschaft vor Veränderungen

Reformpläne finden nicht überall Anklang. "Die erste Reaktion bei uns im Haus in Innsbruck war große Irritation", sagt Fügenschuh. Auch Aktionsleiterin Geisler erzählt, dass vielfach gegen die Idee von interdisziplinären Bachelorstudiengängen argumentiert wurde: "Viele sehen die intensive fachspezifische Beschäftigung von Tag eins des Studiums als Voraussetzung für eine erfolgreiche wissenschaftliche Karriere."

Hier widerspricht Loprieno vehement: "Fächer, in denen zwangsweise eine gewisse Spannung zwischen der Tiefe der Inhalte und der überschaubaren Belegung herrscht, können durch Kombination nur gewinnen!" Den GK-Wissenschaften wirft er vor, eine defensive Politik zu betreiben und aus Angst vor Veränderungen an nicht zeitgemäßen Curricula festzuhalten: "Den Physikern gelingt es ohne viel Aufhebens, beispielsweise die Nanowissenschaften in die Curricula zu integrieren, wohingegen die Geistesund Kulturwissenschaften oft Lehrstuhlpolitik betreiben." Hier gelte es, kategorisches Denken aufzubrechen. "Die österreichischen Geistes-und Kulturwissenschafter denken in Humboldtschen Kategorien: Ein Studium muss unbedingt mit einem Fach, mit einer akademischen Größe ident sein", erklärt er. Als Plattform für alle Beteiligten sei "Zukunft Hochschule" jedoch in der Lage gewesen, auf das Entwicklungspotenzial der Geistes-und Kulturwissenschaften in einem differenzierten System zu verweisen und aufzuzeigen, dass nicht alle Studiengänge in Fächer gegossen werden können und umgekehrt.

Viel zu viele Studienangebote, viel zu wenige Absolventen

Ein weiteres Problem, dem sich das Projekt gewidmet hat, sind die geringen Absolventenzahlen in den GK-Wissenschaften: Sie machen 22 Prozent des gesamten Studienangebots aus, erbringen aber nur elf Prozent der Absolventen (Studienjahr 2015/16). Das liegt einerseits an der geringen Nachfrage, andererseits daran, dass bei Weitem nicht alle Studienanfänger ihr Studium auch abschließen. "Auf die österreichischen Studierenden wartet nach Studienbeginn eine Blackbox", sagt Loprieno. "Die Begleitung des Fortschritts im Studium ist mangelhaft. Viel effektiver als Zugangsbeschränkungen finde ich daher Qualitätskontrollen, die im Laufe der akademischen Entwicklung stattfinden." Loprieno führt an dieser Stelle als Beispiel die ETH Zürich an. "Prinzipiell kann jeder an der ETH studieren", sagt er. "Jedoch wird den Studierenden bereits am ersten Tag eine kleine Aufgabe mitgegeben, die bis zum nächsten Tag zu lösen ist. Dadurch wird die Qualitätskontrolle ganz natürlich in den Studienalltag miteingeflochten."

Sogenannte Studieneingangs-und Orientierungsphasen (STEOP), die mittlerweile in fast allen Bachelorstudien absolviert werden müssen, seien ein Schritt in die richtige Richtung. Andrea Geisler sieht ausführlichere Informationen vor Studienbeginn als eine weitere Möglichkeit, um die Zahl der Studienanfänger jener der Absolventenzahl anzugleichen: "Eine zusätzliche Chance bieten curriculare Änderungen und inhaltliche Anpassungen, um das Studienangebot insgesamt attraktiver zu gestalten."

Insgesamt scheint die Krise der Geisteswissenschaften in Anbetracht derartiger Reformpläne durchaus bewältigbar. Für Loprieno ist die Krise ohnehin ein hypothetisches Problem: "In meinen Augen gibt es keine Krise. Sie ist eher ein PR-Gag, eine kluge Erfindung der Geisteswissenschaften, um im Gespräch zu bleiben."

An der Uni Innsbruck will man ebenfalls nicht über eine Krise reden, sagt Bernhard Fügenschuh. Die Entwicklungspotenziale der GK-Wissenschaften schätzt der Vizerektor sogar höher ein als die der Naturwissenschaften. Und zwar nicht, weil diese weniger wichtig seien, sondern weil bei den Geistes-und Kulturwissenschaften schlichtweg mehr Luft nach oben sei.

"Auf die österreichischen Studierenden wartet nach Studienbeginn eine Blackbox. Die Begleitung des Fortschritts im Studium ist mangelhaft"

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