Ohne Informatik geht fast nichts mehr

Informatikkompetenz wird im ganzen Hochschulbereich verstärkt notwendig sein

Text: Claudia Stieglecker | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Am 12. März 1365 gründete Herzog Rudolf IV. von Österreich die Universität Wien. Mit einer artistischen, einer juridischen und einer medizinischen Fakultät war ihr Betrieb anfangs recht überschaubar. Heute gehört die Universität Wien zu den größten Hochschulen Europas und ist auch längst nicht mehr die einzige tertiäre Bildungsanstalt in Österreich. Allein die 22 öffentlichen Universitäten und 21 Fachhochschulen bieten zusammen rund 1.400 Studiengänge an, Tendenz steigend.

Informatik als Grundlage in allen Berufsfeldern der Gegenwart

Speziell im Bereich Informatik besteht eine große Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften. Die digitalen Technologien verändern die Gesellschaft, schaffen neue Berufsbilder und Forschungshorizonte. "Die Informatik reicht mittlerweile in alle Berufsfelder hinein und hat eine große wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung", sagt Eva Schmutzer-Hollensteiner, Leiterin des Aktionsfeldes Informatik im Rahmen des Projekts "Zukunft Hochschule"."Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, die Weiterentwicklung des Hochschulsektors koordiniert und effizient voranzutreiben. Daher sollte die Situation im Ausbildungsbereich genau untersucht werden."

Neun Universitäten und fünfzehn Fachhochschulen, die insgesamt 144 Studienmöglichkeiten im Informatikbereich anbieten, haben sich österreichweit am Aktionsfeld Informatik beteiligt, um das bestehende Studienangebot in den vier regionalen Arbeitskreisen Ost, Süd, Mitte und West zu analysieren, zu adaptieren und zu optimieren. "Durch die Reflexion und Diskussion auf regionalem Level konnten Kooperationspotenziale und neuer Bedarf abgestimmt werden", erläutert Schmutzer-Hollensteiner.

Obwohl sich gezeigt hat, dass das Ausbildungsangebot im Bereich Informatik grundsätzlich adäquat ist, werden die Studienplätze regional sehr unterschiedlich nachgefragt. "Es gibt einen Sogeffekt nach Wien und auch nach Graz." So hatte die TU Wien heuer etwa 581 Studienplätze an 1.000 Bewerber zu vergeben, während an der Universität Linz noch freie Kapazitäten verfügbar waren. "Dementsprechend intensiv hat man sich in der Region Mitte damit auseinandergesetzt, wie man die Studierenden in Zukunft besser am Standort halten kann."

TU Wien und TU Graz kämpfen mit zu vielen Bewerbern

An den stark nachgefragten Lehrstätten wie der TU Wien, der Universität Wien und der TU Graz ist man bestrebt, das Betreuungsverhältnis, also die Anzahl der Studierenden pro Lehrendem, durch eine Aufstockung des Personals zu verbessern. Das große Potenzial an Studienanfängern soll effizienter genutzt werden, um die Zahl der Absolventen zu steigern, etwa durch fördernde Maßnahmen vor und zu Studienbeginn. "Im internationalen Vergleich haben wir eine sehr hohe Zahl an Studienanfängern", meint Sabine Seidler, Rektorin der TU Wien. "Aber auch die Drop-out-Raten sind hoch."

Viele Studierende im Informatikbereich sind zudem bereits während des Studiums fachnah berufstätig und steigen vorzeitig in den Beruf ein, ohne einen Abschluss zu machen -sogenannte "Job-Outs"."Das ist oft ein schleichender Austritt", so Seidler. Aus dem anfänglichen Nebenjob wird langsam eine Vollzeittätigkeit, neben der kein Platz für das Studium mehr bleibt. "Der Bedarf saugt die Studierenden ab", ergänzt Schmutzer-Hollensteiner. "Das Ziel ist, die Studierenden mit Abschluss zu qualifizieren." Ein Aufgabenbereich, den in Zukunft vermehrt die Fachhochschulen übernehmen sollen. "Diese haben die Expertise, was berufsbegleitendes Studieren angeht", sagt Seidler. "Hier können Brücken für Job-Outs gebaut werden."

Eine Erweiterung des FH-Studienangebots könnte überdies die überfüllten Universitäten entlasten. Mit kommenden Studienjahr sollen daher durch Bundesmittel 450 zusätzliche Plätze an Fachhochschulen geschaffen werden. "Momentan gibt es zu wenige Studienplätze", sagt Christian Kollmitzer, Vizerektor der FH Technikum Wien. "Aufnahmetests filtern und reihen zwar die besten Bewerber, doch viele, die durchaus für das Studium geeignet wären, können nicht studieren."

Technische Universitäten und Fachhochschulen sollen kooperieren

Gleichzeitig wird vonseiten der Wirtschaft ein Mangel an IT-Fachkräften beklagt. "Wir haben daher ganz bewusst auf überregionaler Ebene Wirtschaftstreibende zu unseren Gesprächen gebeten, um Fragen des Bedarfs klären zu können und Rückmeldungen zu den unterschiedlichen Ausbildungsprofilen zu erhalten", sagt Schmutzer-Hollensteiner. Klar herauskristallisiert habe sich dabei auch, dass Absolventen beider Ausbildungsschienen benötigt werden.

"Die Universität ist wissenschaftsorientierter, das Thema an sich wird weitergebracht. Die Fachhochschule arbeitet eher praxis-und berufsfeldorientiert", erklärt Kollmitzer, und Seidler ergänzt: "Die Ausbildungen an der Universität und an der Fachhochschule unterscheiden sich -das ist gut so und soll auch so sein." Das Projekt "Zukunft Hochschule" hat in der Region Ost unter anderem zu einer besseren Abgrenzung von Universität und Fachhochschule geführt und Kommunikation auf Augenhöhe ermöglicht, sind sich beide einig.

"In Bezug auf Universität und Fachhochschule werden normalerweise vorrangig systemische Unterschiede diskutiert", meint Sabine Seidler. "Es wird wenig darüber gesprochen, welches Wissen eigentlich vermittelt wird." Hier soll in Zukunft eine aktive, gemeinsame Kommunikations-und Präsentationsstrategie Abhilfe schaffen. "Es muss für Studienanfänger erkennbar sein, was sie in welcher Ausbildung bekommen."

Weitere Kooperationen sind ebenfalls in Planung, wie etwa ein kooperatives Doktoratskolleg, das sowohl von der TU als auch von der FH Technikum Wien betreut werden soll, oder eine Zusammenarbeit der TU Wien und der MedUni Wien im Masterstudium "Medizinische Informatik". Zudem bietet die FH Technikum Wien seit heuer in enger Kooperation mit der Wirtschaft erstmals einen dualen Studiengang an, bei dem Berufsausbildung und Studium parallel laufen. "Überall ergeben sich Chancen", sagt Sabine Seidler.

Für Frauen soll die Attraktivität der Studienprogramme gesteigert werden

Außerdem sei es notwendig, auch Studierenden anderer Studienrichtungen IT-Kompetenzen zu vermitteln: "Im naturund ingenieurswissenschaftlichen Bereich ist die Informatik ähnlich wie die Mathematik eine Grundlage, die man beherrschen muss. Das bedingt eine Änderung von Studieninhalten", betont Seidler. Maßnahmen, um das Studieninteresse an Informatik zu erhöhen, stehen ebenfalls im Fokus. "Es gilt zu hinterfragen, welches Bild von Informatik eigentlich vermittelt werden soll", sagt Schmutzer-Hollensteiner. Vor allem für Frauen soll die Attraktivität der Studienprogramme gesteigert werden: "Nur 16 Prozent der Informatikstudierenden sind Frauen, das ist die niedrigste Rate im Technikbereich."

Um den Herausforderungen des rasanten digitalen Wandels der Gesellschaft begegnen zu können, wird von der Region Ost darüber hinaus die Sonderinitiative "Digitale Transformation" vorgeschlagen: dreißig neue Professuren an Österreichs Universitäten und Fachhochschulen in neu entstehenden Themengebieten. Die relevanten Themenfelder sollen dabei von Experten und Expertinnen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik definiert werden. "In der Schweiz und in Deutschland wird im Bereich der digitalen Transformation bereits massiv aufgestockt", betont Kollmitzer.

"Einer unserer Träume ist auch das ' Vienna Center for Technology and Society', in dem Universitäts-und Fachhochschulkompetenzen bei Querschnittsthemen wie etwa 'Gender und Technik' oder 'Informatik und Gesellschaft' gebündelt werden", sagt Seidler.

"Das Wichtigste ist aber, dass der aktuelle Prozess nicht in den Schubladen verschwindet -wir wollen gemeinsam weiterarbeiten, auch, wenn es nur kleine Schritte sind." Das sieht auch Kollmitzer so: "Ohne das Projekt "Zukunft Hochschule" wären wir nicht in dieser Form ins Gespräch gekommen", fasst er zusammen und versichert: "Wir reden weiter."

"Momentan gibt es zu wenige FH-Studienplätze"

ChriSTian kollmiTzer, vizerekTor Fh TeChnikum Wien

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