Von Wien nach Linz mit Hindernis

Eines der Ziele von "Zukunft Hochschule" lautet: horizontale und vertikale Duchlässigkeit

Text: Sabine Edith Braun | aus HEUREKA 5/17 vom 25.10.2017

Der Stolperstein ist das Öffentliche Recht. Zumindest für Jus-Studierende, die einen Standortwechsel von Wien nach Linz erwägen. Umgekehrt ist es kein Problem. Dafür lauert in Wien für wechselwillige Studierende der Rechtswissenschaften eine andere Hürde, die sich FÜM 2 nennt. Aber am besten der Reihe nach

Bessere Information über vertikale Durchlässigkeit im System

Rund 1.400 Studien werden an 22 öffentlichen Universitäten und 21 Fachhochschulen österreichweit angeboten. Das Projekt "Zukunft Hochschule" hat sich zur Aufgabe gemacht, das Ausbildungsprofil von Universitäten und Fachhochschulen zu schärfen, Parallelen im Studienangebot zu vermeiden sowie die Durchlässigkeit innerhalb des tertiären Sektors zu verbessern.

Zum Thema Transparenz wurden drei Studienbereiche ausgewählt: Die Wirtschaftswissenschaften sowie die Informatik hinsichtlich der vertikalen Mobilität (Übertritte von Bachelor-in Masterstudiengänge), die Rechtswissenschaften in Bezug auf die horizontale Mobilität, also die Prüfungsanerkennung. "Das sind nur drei Studienfelder, aber es betrifft alle, und bei positiver Erfahrung ist die Ausweitung auf weitere Studienbereiche geplant", sagt Sabine Koch, Hochschulkoordinatorin im Wissenschaftsministerium und Projektmanagerin von "Zukunft Hochschule".

Die genannten Felder weisen besonders hohe Zahlen an Studierenden auf. So begannen 20.132 Personen im Studienjahr 2015/16 ein Informatik-, ein rechts-oder ein wirtschaftswissenschaftliches Studium. "Die Rechtswissenschaften eignen sich außerdem gut für eine Betrachtung, weil eine relativ leichte Vergleichbarkeit der Studienpläne gegeben ist", ergänzt Ingrid Wadsack-Köchl, federführende Juristin in Sachen Durchlässigkeit im Wissenschaftsministerium.

Zur Verbesserung der Transparenz gibt es zwei Zugänge, erklärt Sabine Koch: "In der Informatik und in den Wirtschaftswissenschaften ging es darum, sich auf eine einheitliche Darstellung des Anforderungsprofils zu einigen." Dies betrifft die vertikale Durchlässigkeit, also die Anforderungen des Folgestudiums nach dem Bachelor. Denn für ein und denselben Bachelor gibt es je Folgestudium verschiedene Anforderungen. "Dies wurde bisher unterschiedlich gehandhabt", sagt Koch. "Viele haben ihre Anforderungen nicht in einer für Studierende verständlichen Weise veröffentlicht." Im Zuge dessen gehe es aber nicht um eine Angleichung von Niveaus, sondern lediglich um die Preisgabe von Informationen. "In dieser Frage steht uns die Hochschulautonomie im Weg", ergänzt Ingrid Wadsack-Köchl.

Hinsichtlich vertikaler Transparenz gibt es ein Best-practice-Modell, an dem sich andere Studienfelder orientieren könnten: den "Durchlässigkeitsguide" der Plattform Informatik Austria. Auf einem einzigen A4-Blatt in Querformat wird hier ersichtlich, ob Auflagen zu erfüllen sind, wenn man etwa einen Bachelorabschluss in "Medieninformatik und Visual Computing" der Uni Salzburg mit einem Master in "Medizinische Informatik" an der MedUni Wien fortsetzen möchte (in diesem Fall gibt es keine Auflagen).

Das Problem sei, so Sabine Koch, dass im bestehenden Informatikguide die Angebote der Fachhochschulen nicht erfasst sind, da die Plattform Informatik Austria nur Universitäten vertritt. Das Ministerium eruierte die technischen Voraussetzungen für die Umsetzung einer Datenbank, um alle Informationen auch zentral darstellen zu können.

Rechtswissenschaften und die horizontale Durchlässigkeit

Um zum zweiten Zugang und damit zu den Rechtswissenschaften zu kommen: Hier geht es um die Verbesserung der horizontalen Durchlässigkeit, also um die Möglichkeit, das Studium an einem anderen Ort möglichst auflagenfrei fortsetzen zu können.

Die Rechtswissenschaften sind das gallische Dorf auf der Landkarte von Bologna. Hier gibt es noch die Diplom-Studienarchitektur mit Magisterium und Doktorat. Warum eigentlich? "Man sieht keinen Vorteil in einer Umstellung", sagt Andreas Janko, Vizerektor für Lehre und Studierende an der Universität Linz und Vorstand des Instituts für Universitätsrecht. Janko war bei "Zukunft Hochschule" in der Fokusgruppe Rechtswissenschaften dabei.

Das Rechtsstudium sei, so Janko, stark vom Berufsrecht geprägt, zum Beispiel durch die Erfordernis eines vierjährigen Studiums vor der Zulassung zum Rechtsanwalts-oder Richteramtsanwärter. In der Bologna-Architektur bräuchte man dafür den Master. "Da würde man den Studierenden ein Jahr stehlen. Umgekehrt, bei Einführung eines vierjährigen Bachelors, wäre das reiner Etikettenschwindel. Die Studierenden würden trotz gleicher Leistung mit einem geringerwertigen Abschluss abgespeist", erklärt Janko.

Hier driften die Ansichten des Ministeriums und der Hochschulen auseinander. Dem Ministerium ist daran gelegen, dass die gesamte Studienlandschaft einheitlich gestaltet und damit international vergleichbar ist. "Zukunft Hochschule" ist nicht zuletzt eine Ansage für mehr Kooperation und Abstimmung auf nationaler Ebene, um international als Hochschulsystem wettbewerbsstärker zu werden. "Bei der Bologna- Architektur geht es zwar um europäische Durchlässigkeit", erklärt Andreas Janko, "aber Jus ist ein Studium, das nach wie vor sehr stark national geprägt ist".

Die größte Hürde bedeutet ein Standortwechsel zu Beginn des Studiums, beispielsweise für jene, die von Wien nach Linz wechseln. Während das Öffentliche Recht in Wien erst im dritten Abschnitt vorgesehen ist, ist es in Linz in einer über die Wiener Einführungsveranstaltungen hinausgehenden Dichte bereits Teil der Studieneingangs-und Orientierungsphase (STEOP). Wer also mit einer fertigen Wiener STEOP im Gepäck nach Linz reist, hat ein Problem.

"Wir haben für Fälle wie diesen die folgende Lösung gefunden -und zwar österreichweit", erklärt Andreas Janko. "Wir rechnen zwar nicht die konkreten Lehrveranstaltungen der STEOP anderer Standorte an, akzeptieren die STEOP aber als erfüllt, wenn sie anderswo nach den dort geltenden Regeln absolviert wurde. Wer von Wien nach Linz wechselt, muss nun zwar den Linzer Anteil des Öffentlichen Rechts an der STEOP nachholen. Bis es aber so weit ist, wird niemand mit einem Stehsemester blockiert." Wer also die Linzer STEOP- Anforderungen nachholt, kann parallel schon Lehrveranstaltungen absolvieren, für die der STEOP-Abschluss erforderlich ist.

Ein ähnliches Problem stellt die "Fächerübergreifende Modulprüfung 2" für alle dar, die nach Wien wechseln. "Die FÜM 2 - sie beinhaltet Bürgerliches Recht und Unternehmensrecht - ist aus Wiener Sicht unantastbar", sagt Ingrid Wadsack-Köchl. Jedes Fach muss für sich abgeschlossen werden, eine Extraprüfung kommt noch hinzu. Wer die einzelnen Fächer hat, erspart sich die übergreifende Prüfung nicht. "Hier gibt es noch kein echtes Ergebnis", sagt Ingrid Wadsack-Köchl. "Aber es wurde uns zugesagt, dass künftig über Teilanerkennungen nachgedacht wird."

"Bei der Behebung dieser Probleme schlug uns zunächst eine Wand der Ablehnung entgegen", erinnert sich Hochschulkoordinatorin Sabine Koch. "Bis wir eine Konvergenzliste vorgelegt haben, auf der die Prüfungsfächer des Österreichischen Rechts geclustert waren." Der Aha-Effekt war groß. "Jede Universität konnte nun sehen, wie viele ECTS-Punkte sie in einem Fach vergibt:'Warum vergeben wir nur sieben Punkte, die anderen aber zwölf?' Daran zeigte sich, dass die Verantwortlichen ausschließlich auf die eigene Universität fokussiert sind."

Nun liegt ein Konzept zur gegenseitigen Anerkennung von Prüfungsfächern des Österreichischen Rechts vor, um die horizontale Durchlässigkeit zu verbessern. Die Umsetzung erfolgt durch die curriculare Abstimmung in einem gemeinsamen Diskussionsprozess der zuständigen Dekanate. Diese haben hierfür eine Arbeitsgruppe eingerichtet. Bei einem Wechsel werden festgelegte Fachprüfungen ohne weitere inhaltliche Prüfung gegenseitig anerkannt.

Die Prüfungsfächer des Österreichischen Rechts betragen zwischen sechzig und achtzig Prozent des Curriculums, damit die Studierenden weiterhin ihre Schwerpunkte setzen können.

"Es zeigt sich, dass die Verantwortlichen ausschließlich auf die eigene Universität fokussiert sind"

Sabine Koch hochSchul-KoordinaTorin im bmwFw

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